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Lehren aus der Krise : Ist unser Finanzsystem heute sicherer?

Natürlich hat niemand auf diese Frage eine endgültige Antwort, dafür ist die Finanzwelt noch immer zu komplex. Aber es sieht danach aus, als ob trotz mancher Verbesserungen keine vollständige Entwarnung gegeben werden kann. Denn manche Gefahren sind immer noch da, und manche sind neu.

Heute nicht mehr vorstellbar

Um ein grundsätzliches Problem zu verstehen, muss man sich aber gar nicht mit den Details der Finanzwelt beschäftigen, sondern sich einfach nur ein Bild vor Augen führen, das Jan-Pieter Krahnen, Professor an der Frankfurter Goethe-Universität, oft benutzt. Um einen Waldbrand rechtzeitig zu entdecken und zu bekämpfen, kann es ausreichen, die Zahl der Hochsitze im Wald zu erhöhen. Was aber, wenn alle Waldbrände zwar eingedämmt werden, sich aber auf einmal ein Erdbeben ereignet? Dann hilft auch der beste Hochsitz nicht weiter. Das versinnbildlicht ein Dilemma, dessen sich jeder Finanzmarktforscher bewusst ist: Trotz aller Forschung kann niemand wissen, aus welcher Richtung genau die nächste Krise kommen wird.

Nun kann die Menschheit eben nicht alles kontrollieren, das gerade macht ja den Reiz des Wirtschaftslebens aus. Denn nur wer etwas wagt und Risiken eingeht, ist am Ende dazu in der Lage, Innovationen auf den Weg zu bringen. „Der Versuch, jegliche Risiken aus dem Finanzsystem zu entfernen, hätte einen hohen Preis: Das Wirtschaftswachstum käme weitgehend zum Erliegen“, sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Dies schließe aber selbstverständlich nicht aus, dass man gleichzeitig alles tun sollte, die größten Gefahren für das Finanzsystem in den Griff zu bekommen.

Auf dieser Gratwanderung ist die Welt nach Einschätzung der meisten Ökonomen ein gutes Stück vorangekommen. „Es wurden wesentliche Fortschritte erzielt“, sagt die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel von der Universität Bonn. So gibt es im Unterschied zu 2007 heute spezielle Abwicklungsregeln, die in Europa in Kraft treten, wenn eine Bank nicht mehr überlebensfähig ist. Diese Regeln haben zwar zahlreiche Schwächen und werden wie jüngst im Falle der italienischen Banken von der Politik nur halbherzig angewandt, ein zugegebenermaßen nicht ganz kleines Problem.

Aber zumindest gilt nicht mehr wie 2007 bei der IKB das ganz normale Firmeninsolvenzrecht. Hätte es an dem Wochenende im Juli nicht starken Druck durch die Finanzaufsicht und die Bundesregierung gegeben, hätte die Bank nämlich eigentlich erst umständlich eine Gläubigerversammlung einberufen und einen Insolvenzverwalter bestellen müssen. Zeit, die man im Falle von Banken nicht hat. Schließlich können die Einleger in Windeseile ihre Gelder abziehen, es kommt dann zum sogenannten „Bank Run“.

Auch eine zweite Sache hat sich verbessert: Banken müssen heute mehr Eigenkapital halten als früher. Vereinfacht gesagt, versteht man unter Eigenkapital eigenes Geld, das eine Bank von ihren Eigentümern – in der Regel also von ihren Aktionären – erhalten hat. Es dient als Verlustpuffer beispielsweise für den Fall, dass viele Kredite der Bank ausfallen. Zwar seien die Anforderungen nach wie vor zu niedrig, kritisiert die Wirtschaftsweise Schnabel: Nur drei Prozent ihrer Bilanzsumme müssen Banken heute als Eigenkapital vorhalten (Leverage Ratio). Ein gewichtiger Einwand, und doch hat sich auch in diesem Bereich seit dem Jahr 2007 eine Menge getan. Damals nämlich war der Begriff des Eigenkapitals recht schwammig definiert, wie sich Finanzprofessor Krahnen erinnert: „Die Banken konnten vieles hinzuzählen, was nach heutigen Maßstäben gar kein hartes Eigenkapital war.“

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