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Online-Handel : Zalando wandelt auf den Spuren von Amazon

Umsatzsprung und operativer Verlust für Zalando Bild: dpa

Zalando macht mehr Umsatz, aber wieder Verlust. Ist der Online-Handel 2.0 nur eine Wiederholung der alten Blase? Oder folgt Zalando dem Muster von Amazon?

          3 Min.

          Die Zalando-Aktie gehört zu den wenigen Börsenneulingen, die in den vergangenen 12 Monaten per saldo eine ordentliche Entwicklung gemacht haben. Für 21,50 Euro verkauft, hatte sie sich zuletzt im Bereich von 30 Euro eingenistet. Auch am Donnerstag hält sie sich dort noch auf, obgleich der Kurs um mehr als acht Prozent auf 28,724 Euro gefallen ist.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Grund ist, dass das der Internet-Modehändler nach zwei Quartalen mit Gewinn nun im dritten Quartal wieder in die Verlustzone zurück gekehrt ist. Nach vorläufigen Zahlen ergibt sich ein Betriebsverlust von 18 bis 32 Millionen Euro. Dieser besteht auch noch auf bereinigter Basis, der ausgewiesene Verlust könnte also noch höher sein. Zudem senkte Zalando auch die Prognose für die betriebliche Marge.

          Aber das alles wird nicht als Problem gesehen: Denn das Umsatzwachstum liegt über Plan. Der Verlust sei zwar überraschend, ändere aber nichts an dem grundlegend positiven Bild für das Unternehmen, schreibt Commerzbank-Analystin Yasmin Moschitz. Die Credit Suisse setzt das Unternehmen gar aufgrund des rasanten Wachstums auf seine „Top-Outperform-Liste“.

          Wer einen Moment innehält und in seinem Gedächtnis kramt, kann sich aber eines Flashbacks nicht erwehren. Eine Reise 16 Jahre zurück: Das Internet ist noch ein geheimnisumwittertes Medium in den Kinderschuhen. An der Börse wird wie immer die Zukunft gehandelt. Auf einer Aktie muss nur „Internet“ draufstehen, um ihr zum Erfolg zu verhelfen. Fundamentale Bewertungen gelten als „old school“ und als in der „New Economy“ nicht anwendbar. Ginge auch nicht, denn die Unternehmen machen oft keine Gewinne. Viel wichtiger: Sie wollen oder sollen wachsen und im Zweifelsfall direkt in eine astronomisch hohe Bewertungen hinein.

          Nun, es kam anders. Zahlreiche Namen verschwanden, nachdem die Anleger darauf gekommen waren, dass „den Umsatz verdoppeln und den Verlust verdreifachen jeder Studienabbrecher kann“, wie es der Chef eines Telekommunikationsunternehmens einmal formulierte.

          Blaupause Amazon

          Immerhin sind diese Lektionen nicht ganz dem kollektiven Gedächtnis entschwunden. Wenn Zalando-Vorstand Rubin Ritter sagt, man nehmen „kurzfristige Einbußen bei der Profitabilität in Kauf“, um zu wachsen und Marktanteile zu gewinnen, so ist eine mittelfristige Gewinnorientierung nicht zu verkennen.

          Und Zalando hat ja auch gewissermaßen eine Blaupause, eine Internet-Aktie der ersten Stunde: Amazon. 1995 setzte das als Buchhandlung gestartete Internet-Kaufhaus rund 500.000 Dollar um. In den vergangenen zwölf Monaten waren es knapp 96 Milliarden, mithin ein durchschnittlicher Umsatzanstieg von mehr als 80 Prozent im Jahr.

          1,78 Milliarden Dollar Gewinn seit 1995

          Und der Gewinn? Das waren 1,78 Milliarden Dollar - nicht im vergangenen Jahr, sondern insgesamt seit 1995. Nach neun Jahren Anlaufverlust kehrte Amazon 2012 und 2014 wieder in die roten Zahlen zurück, und befand sich dort auch in den vergangenen 12 Monaten.

          1997 an die Börse gegangen, ist der Kurs seitdem auf das 220fache gestiegen. Das macht immerhin einen durchschnittlichen Kursanstieg von 35 Prozent pro Jahr. Bewertet ist die Aktie aktuell mit dem 112fachen des für 2016 erwarteten Gewinns. Das Niedrigste, mit dem die Aktie jemals bewertet war, war vor einigen Jahren das Dreißigfache des Gewinns.

          Das zeigt, dass eine Unternehmensstrategie im Online-Handel, die vornehmlich auf Marktanteilsgewinne und Expansion gerichtet ist, funktionieren und längerfristig von den Investoren akzeptiert werden kann.

          Doch die Unterschiede zwischen Zalando und Amazon sind groß. Der größte davon ist, dass Amazon ein Innovator, Zalando ein Nachahmer ist. Amazon hat den E-Commerce mit aufgebaut, hat sich vom Buchhändler zum Kaufhaus mit Marktplatz gewandelt und ist mittlerweile mit selbst entwickelter Technik auf dem Markt. Zalando betreibt letztlich einen Online-Shop wie „Schuhtempel24.de“ oder „siehan.de“. Diesen hat Zalando bisher sehr erfolgreich dank massivem Marketing und großzügiger Finanzierung vor allem in Deutschland plaziert. Dennoch erscheint das Geschäftsmodell gerade aufgrund seines klar umrissenen Geschäftsmodells angreifbarer.

          206 gegen 3

          Die entscheidende Frage ist, ob die Marke Zalando einen ähnlichen Wert wie Amazon erreichen kann. Laut den Marktforschern von TheBrandTicker.com rangiert Zalando aktuell mit einem Markenwert von 3,27 Milliarden Euro auf Platz 206 der 500 wertvollsten Marken der Welt. Auch wenn Amazon mit 73 Milliarden auf Platz drei rangiert, so ist dies dennoch eine nicht zu unterschätzende Leistung. Zalando ist damit auf derselben Höhe wie der Motorradbauer Harley-Davidson oder der Reisekonzern Tui und noch vor der Modemarke Christian Dior.

          Insofern ist ein Engagement in der Zalando-Aktie ein typisches Wachstumsinvestment, bei dem sich erweisen muss, wie das Unternehmen die Balance zwischen Wachstum und Profitabilität so weit gelingt, dass es das Vertrauen der Investoren behält. Das bedeutet letztlich, dass man besser einen langen Atem mitbringt. Oder bereit ist, sich opportunistisch von der Aktie zu trennen, wenn diese gerade einen Lauf hat.

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