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Zalando & Mehr : Die Samwers und die Kunst des Kopierens

Kamerascheue Brüder: Die Samwers im Jahr 2006 Bild: © Dieter Mayr / Agentur Focus

Drei Brüder aus Köln kupfern mit ihren Firmen ab, was in Amerika erfunden wird. Und verdienen damit Milliarden. Darf man das? Aber sicher! Ein Lob auf die Copycats.

          Vielleicht muss ein Inder daherkommen, um den Deutschen Stolz auf ihre Unternehmer einzuimpfen. So hat Anshu Jain, Ko-Chef der Deutschen Bank, dieser Tage gemahnt, die neue digitale Welt nicht den Amerikanern zu überlassen. Wenn Google, Amazon, Facebook und Ebay etwas entgegenzusetzen ist, sagte der Banker, dann habe Berlin das Zeug dazu: Dort könne Europas Internet-Hauptstadt entstehen.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer Internet und Berlin sagt, meint vor allem drei Brüder aus Köln: die Samwers, Marc, Oliver, Alexander, hochtalentierte Söhne eines Anwalts, mit erstklassiger Ausbildung.

          Die drei dominieren die Gründerszene und wurden darüber reich: Mit einem Vermögen von drei Milliarden Euro tauchen sie in der jüngsten Liste der 500 reichsten Deutschen auf. Neid und Häme, die auf die noch immer jungen Unternehmer treffen, werden dagegen nirgendwo erfasst.

          Sicher ist: Die Samwers sind verdächtig. Typen, die die Konkurrenz niederringen, getrieben von maßlosem Ehrgeiz, ausgestattet mit überschüssiger Energie: „Ich bin der aggressivste Mensch im Internet“ - dieses Zitat von Anführer Oliver Samwer wird dafür als Beleg genommen, ganz so, als hätte je ein Unternehmer die Märkte im Schlafwagen erobert.

          Imitieren tut doch jeder

          Sind keine handfesten Vorwürfe zur Hand, dann wird die Leistung der Samwers per se in Zweifel gezogen. Die Typen haben gar keine eigenen Ideen, heißt es dann. Die erfinden nichts selbst, die kopieren nur. Pfui Teufel aber auch!

          Ein Argument, das komischerweise gegen BMW oder Audi noch nie angeführt wurde, dabei hat zweifelsfrei Daimler das Automobil erfunden: Darf deswegen niemand sonst Geld mit Autos verdienen? Und wer stört sich daran, dass McDonald’s nicht die erste Burger-Kette war, sondern dass ein Fastfoodladen namens „White Castle“ die Braterei in Serie Jahre vorher schon ausprobiert hat?

          Richtig ist: Die Samwers suchen in Amerika nach erprobten Geschäftsmodellen und schauen dann, wie sie die auf Deutschland, Europa, die Schwellenländer übertragen können.

          Gründen, pushen, verkaufen

          Mehr als 100 Firmen haben sie auf diese Art gegründet, unter dem Dach ihrer Rocket-Holding in Berlin laufen momentan 70 Internet-Unternehmen in 50 Ländern zusammen. 27.000 Menschen werden dort beschäftigt, der Gesamtumsatz soll bei drei Milliarden Euro liegen.

          Der Wert der Holding wird auf etwas mehr als vier Milliarden Euro geschätzt - der Wert lässt sich hochrechnen aus dem Geld, das vermögende Privatinvestoren, zuletzt United-Internet-Gründer Ralph Dommermuth, hingelegt haben, um sich vor dem für den irgendwann im Herbst anvisierten Börsengang ihre Anteile zu sichern. Konkreter sind die Pläne für die Aktienausgabe von Zalando, dem werthaltigsten Klon der Samwers, auch hier erreicht die Bewertung mehrere Milliarden, auch dies eine Idee, die sie in Amerika abgekupfert haben: Ein Online-Händler namens Zappos stand dafür Pate.

          Stein für Stein haben die Samwers so ihr Vermögen gemehrt, mit den Ideen fremder Leute: Mit dem Ebay-Imitat Alando, das sie nach einem halben Jahr für 43 Millionen Dollar an Ebay verkauften, dem Klingeltonanbieter Jamba (Verkauf für 273 Millionen Dollar), dem Gutscheinanbieter Citydeal (Vorbild Groupon). Mit dem Kosmetikpröbchen-Versender Glossybox ahmen sie das kalifornische Birchbox nach. Samwersche Amazon-Adaptionen finden sich in Afrika (Jumia und Kasuwa), in Brasilien (Kanui) und Südostasien (Lazada). Mit Wimdu und Airizu treten sie gegen Airbnb an, gegen das Online-Pinbrett Pinterest setzten die Brüder Pinspire, nach dem Modell der Kreditplattform Lending Club bauen sie in Deutschland Lendico auf. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Samwers Essensbringdienst Foodpanda imitiert Just-Eat, Fashion4home hat MyFab als Vorbild und Home24, Samwers Online-Shop für Möbel, Hayneedle und CSN Stores.

          Der Vorteil des Nachahmers

          Das alles ist bekannt, aber ist es verwerflich? Wohl kaum. Im Gegenteil: Kopieren ist eine Kunst. Copycats erhöhen den Wohlstand in der Welt. „Die Nachahmung ist ein verbreiteter Weg zu geschäftlichem Wachstum und wirtschaftlichem Erfolg“, wusste schon vor fünfzig Jahren Theodore Levitt, ein damals bekannter Marketingprofessor an der Harvard Business School. Die Wirtschaftsgeschichte strotzt vor erfolgreichen Nachahmern, wie der Ökonom Oded Shenkar in seinem Buch dargelegt hat, „Copycats - gut kopiert ist besser als teuer erfunden“ heißt der Titel. Seine These: Trittbrettfahrer sparen Entwicklungskosten und wissen schon, dass es einen Markt für ihr Produkt gibt und können es billiger anbieten.

          Billigflieger Ryanair hat demnach das Geschäftsmodell eins zu eins von der Fluglinie „Southwest“ geklaut. IBM hat die ersten Großrechner der Firma „Remington Road“ kopiert. Und dann erst der vielbewunderte Steve Jobs - was genau hat Apple eigentlich erfunden? „Gar nichts“, antwortet Shenkar: „Vom ersten Mac bis zum iPad, bei jedem dieser Produkte hat sich Apple die Technik anderer geschnappt und dann perfektioniert.“

          Legendär ist das Beispiel des iPod, nichts anderes als ein MP3-Player, im Jahr 1995 von deutschen Wissenschaftlern am Fraunhofer-Institut erfunden und patentiert. Erst Apple gelang es, damit in großem Stil Geld zu verdienen.

          Strenggenommen beruht der Aufstieg der deutschen Industrie im späten 19. Jahrhundert auf kunstvollem Abkupfern. Wie heute die Asiaten haben deutsche Maschinenbauer damals ausländische Erfolgsmodelle in großem Stil eingekauft: Sie zerlegten die Maschinen in England und bauten sie im Siegerland oder im Schwäbischen neu auf.

          Wenig Skrupel legten die Fabrikanten damals an den Tag: Unternehmen aus Solingen produzierten minderwertige Messer aus Gusseisen statt aus härterem Gussstahl, veredelten diese mit dem Stempelaufdruck „Sheffield“ (das war die englische Benchmark der Messerproduktion) und verkauften sie dann billig in alle Welt. Ironie der Geschichte: Als Abwehrmaßnahme zwang England Deutschland das Label „Made in Germany“ auf, damit man die mindere Ware erkennen sollte.

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