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Worldcom-Skandal : Selbstverschuldete Eiszeit an den Börsen

  • -Aktualisiert am

Der Konkursrichter zieht ein Bild: AP

Nun ist das Maß endgültig voll. Ein neuer Bilanzskandal um Worldcom und eine Gewinnwarnung von Micron verleiden den letzten Spaß an der Börse. Ein Kommentar.

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          Kein Tag ohne neue Hiobsbotschaft für die Akteure an den Weltbörsen. Dieses Mal lässt Worldcom die Marktteilnehmer aufschrecken. Die zweitgrößte Ferngesprächs-Telefonfirma in den USA hat Falschbuchungen von 3,85 Milliarden Dollar eingestanden und daraufhin den Finanzchef entlassen.

          „Unser Führungsteam ist geschockt“, ist alles, was dem neuen Worldcom-Chef John Sidgmore dazu einfällt. Was sollen da erst die Aktionäre denken? Sie fühlen sich nicht nur geschockt, sondern mittlerweile verraten und verkauft - und zwar nicht nur von Worldcom.

          Nachdem es sich bei der neuesten Hiobsbotschaft um keinen Einzelfall handelt, ist das Misstrauen inzwischen so breit gestreut, dass allgemein ein Vertrauensschwund zu beklagen ist. Kaum ein Börsianer dürfte bereit sein, den Verantwortlichen in den Unternehmen noch irgend etwas zu glauben.

          Börsenbaisse kein Wunder

          Wer sich unter diesen Umständen über die anhaltenden Verluste an den Weltbörsen wundert, sollte noch einmal in aller Ruhe nachdenken. Denn Vertrauen ist das wichtigste Gut, auf dem in Geldgeschäften alles beruht. Ist dieses Vertrauen aber erst einmal verspielt, kommt das ganze System ins Wanken. Eine baldige Trendwende bei den Kursen scheint vor diesem Hintergrund kaum vorstellbar.

          Zumal Bilanzfälschungen nicht das Einzige sind, wovon die Börsianer geplagt werden. Auch in Sachen Unternehmensgewinne gibt es immer wieder Rückschläge. Fast zeitgleich mit der Horrormeldung von Worldcom musste der US-Halbleiterhersteller Micron Technology überraschend einen erneuten Quartalsverlust vermelden. Zusammen mit den in manchen Sektoren noch immer historisch betrachtet hohen Bewertungen, der anhaltenden Sorge vor neuen Terroranschlägen und den Problemen in manchen Schwellenländern wie etwa in Brasilien, ist das eine explosive Mixtur.

          Börsen vor anhaltender Eiszeit

          Wie schlecht diese den Märkten bekommt, zeigt sich am Mittwochmorgen bereits in Asien. Dort fiel der Nikkei 225 Index um vier Prozent und der südkoreanische Kospi-Index sogar um 7,2 Prozent. Doch die Erschütterungen erstrecken sich nicht nur auf die Aktienmärkte. Am Rentenmarkt sorgen die neuen Schockwellen für eine Hausse. Der Bund-Future springt im Eröffnungsgeschäft gleich um 85 Basispunkte auf 108,12 Prozent nach oben. Und der Euro hat sich mit einem Kurssprung auf derzeit 0,9933 Dollar zur US-Devise fast auf Paritäts-Niveau herangepirscht.

          Alle diese Kursbewegungen sind nicht normal, sondern zeigen, wie tief den Börsianer der Schreck in den Knochen sitzt. An den europäischen Börsen dürfte es vor diesem Hintergrund am Mittwoch so richtig zur Sache gehen. Der gleich zur Eröffnung unter die Marke von 4.000 Punkte gefallene Dax gibt bereits einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Kursturbulenzen. Ebenso lassen die deutlich niedriger notierenden Futures auf den S&P 500 nichts Gutes erwarten.

          Auch wenn es die Außentemperaturen nicht vermuten lassen: Die Börsianer müssen sich mitten im Sommer warm anziehen. Und es sieht nicht danach aus, als ob die Pelzmäntel schon bald wieder im Schrank verschwinden könnten. Denn es ist Eiszeit an den Börsen angesagt. Angesichts der grassierenden Vertrauenskrise sollten sich vorsichtige Anleger davor hüten, zu vehement auf Schnäppchenjagd zu gehen. Die an einen Ausverkauf erinnernden Kursverluste verlocken zwar zum antizyklischen Einstieg, doch man sollte dabei nicht vergessen, dass sich Eiszeiten hinziehen können, wenn sie erst einmal ausgebrochen sind.

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