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Abgang vom Parkett : WMF verlässt die Börse

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WMF- ein Synonym für Wertbeständigkeit und Qualität. Bild: dpa

Der Kochgeschirr-Hersteller WMF, eine der ältesten deutschen Aktiengesellschaften, stellt die Börsennotierung ein. Für die Aktionäre hat sich das Engagement gelohnt.

          Immerhin 127 Jahre ist die Württembergische Metallwarenfabrik, kurz „WMF“, an der Stuttgarter Börse notiert - für ein Unternehmen eine halbe Ewigkeit. Mit hochwertigen Bestecken, Kochtöpfen und allerhand anderen Küchenutensilien ist die Traditionsmarke seit Generationen in deutschen Küchen zu finden. Doch bald dürfte mit dieser Aktie ein Stück deutscher Börsengeschichte zu Ende gehen. Aller Voraussicht nach wird sie nämlich bald von der Börse genommen.

          Die Geschichte des Unternehmens beginnt 1853, als der Müller Daniel Straub mit den Brüdern Louis und Friedrich Schweizer in Geislingen eine Metallwarenfabrik gründet. Dort stellten 16 Mitarbeiter Teekessel, Kaffeekannen und Laternen her. Sogar Auto-Erfinder Gottlieb Daimler arbeitete für drei Jahre in der Metallwarenfabrik. Nach der Fusion mit dem Konkurrenten Ritter aus Esslingen 1880 firmierte das Unternehmen als Württembergische Metallwarenfabrik, sieben Jahre später, am 9. September 1887, folgte der Gang an die Stuttgarter Börse. Damit ist WMF die älteste noch bestehende Aktiengesellschaft aus Baden-Württemberg. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war die Fabrik mit 6000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber Württembergs, auch eine Betriebskrankenkasse, eine eigene Sparkasse und ein Wohlfahrtsverein mit verschiedenen sozialen Leistungen gehörten zum Konzern.

          Vorreiterrolle

          Der gute Ruf der WMF begründet sich vor allem in ihrer Vorreiterrolle bei der Verwendung von rostfreiem und säureresistentem Edelstahl, der seit 1927 unter dem Namen Cromargan für Besteck verwendet wird. Damit wurde WMF zum Synonym für Wertbeständigkeit und Qualität. Die Produkte des Konzerns, zu dem auch die Marken Kaiser, Silit und Alfi gehören, sind heute aus deutschen Küchen kaum noch wegzudenken.

          Ab 1882 wurde die Aktiengesellschaft von dem Reichstagsabgeordneten und Stuttgarter Industriellen Peter Siegle und seinen Nachfahren kontrolliert, nach dem Verkauf 1980 folgte dann eine Reihe von Besitzerwechseln. Heute geben die amerikanische Beteiligungsgesellschaft KKR und der österreichische Milliardär Andreas Weißenbach in der traditionsreichen Firma den Ton an, zusammen halten sie knapp 97 Prozent der Stammaktien. KKR stieg 2012 gegen den Widerstand von Weißenbach bei WMF ein, der selbst versucht hatte, die Mehrheit zu erlangen. Mittlerweile haben sich beide Investoren zusammengeschlossen und wollen zusammen ihre Macht weiter ausbauen. Ziel ist es, drei Viertel der Vorzugsaktien aufzukaufen, die sich noch im Streubesitz befinden, und danach die verbliebenen Aktionäre durch einen Zwangsausschluss, Squeeze-out genannt, aus dem Konzern drängen. Bis morgen noch gilt das Angebot der KKR Tochter Finedining, die für jede Vorzugsaktie 58 Euro bietet.

          Dabei ist WMF alles andere als ein Sanierungsfall. Zwischen 2005 und 2012 hat sich der Umsatz fast verdoppelt und überschritt zum ersten Mal die Milliardengrenze. Seitdem stockt das Wachstum zwar, weil sich WMF beim Einstieg in den Markt für Elektrokleingeräte verspekuliert hatte. Dem Aktienkurs hat das jedoch nicht geschadet. Warum aber soll WMF dann von der Börse genommen werden? Offiziell heißt es, dass die Kosten einer Börsennotierung den Nutzen überstiegen und dadurch Zeit des Managements vergeudet werde.

          Aber können die Einsparungen durch einen Börsenabgang wirklich so groß sein, dass KKR bereitwillig 82 Prozent mehr je Vorzugsaktie als vor zwei Jahren bietet? Christoph Kaserer, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU München, vermutet ein anderes Ziel: „Durch einen Börsenabgang haben Beteiligungsgesellschaften größere Freiheiten für strategische Umbauten wie zum Beispiel Kapitalerhöhungen, Aufspaltungen und Fusionen.“ Die neuen Besitzer scheinen also noch Größeres mit dem Konzern vorzuhaben. Schon jetzt läuft ein ehrgeiziges Umbauprogramm, mit dem das Unternehmen 30 Millionen Euro jährlich einsparen will: Die Produktpalette wird verkleinert, 50 Filialen und ein Großteil der Logistikzentren werden geschlossen, und einige der 6100 Stellen werden wegfallen. Besonders kontrovers wurde darüber diskutiert, dass ausgerechnet die örtliche Kreissparkasse die Übernahme des Traditionsunternehmens durch die als Heuschrecke verschriene Beteiligungsgesellschaft KKR finanziert.

          Kursverlauf von 1973 bis 2014

          Letztlich wird es aber wohl zu weniger Kündigungen kommen als ursprünglich geplant, da viele Angestellte von verbesserten Vorruhestandsreglungen Gebrauch machen. Durch die freiwerdenden Mittel und die Konzentration auf weniger Marken will der Vorstandsvorsitzende Peter Feld, der im vorigen Jahr von Beiersdorf gekommen ist, die Internationalisierung des Unternehmens vorantreiben. Denn WMF erzielt immer noch mehr als die Hälfte seines Umsatzes in Deutschland. In der Vergangenheit sei viel Geld verbrannt worden, das an anderer Stelle für Investitionen gefehlt habe, heißt es im Unternehmen. Außerdem stelle sich die Frage, ob im Sortiment mit 35 000 Artikeln auch noch das achte Bratenthermometer notwendig sei und jede Tochtergesellschaft eine eigene Verwaltung brauche. Noch sei aber Zeit für Veränderungen, um in Wachstumsländern Fuß zu fassen.

          Für die Anleger lohnt sich das. Wer seit Anfang 2012 WMF-Aktien besitzt, kann sich über eine Verdoppelung des Kurses freuen. Auch wer auf das erste Angebot von KKR in diesem Jahr nicht eingegangen ist, kann sich glücklich schätzen; KKR hat sein Angebot noch einmal von 53 auf 58 Euro erhöht. Ganz durch ist die Übernahme allerdings noch nicht, denn das Angebot ist an die Bedingung geknüpft, dass die Anleger KKR drei Viertel der ausstehenden Vorzugsaktien andienen - bis vor zwei Wochen waren die Amerikaner aber noch weit von diesem Wert entfernt. Bei Übernahmen ist das allerdings nicht ungewöhnlich: Meistens wechselt der Löwenanteil der Aktien erst kurz vor dem Ende der Angebotsfrist den Besitzer.

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