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Kurssturz der Athener Börse : In Griechenland platzt ein Sack Oliven

Bild: dpa

Die Börse in Athen hat nach fünf Wochen Zwangsschließung wieder geöffnet – und die Kurse stürzen ab. Ein unbedeutendes Ereignis oder ein Drama mit Folgen für die Weltbörsen?

          3 Min.

          Die Athener Börse hat am Montag nach fünf Wochen Zwangsschließung erwartungsgemäß tief im Minus eröffnet. Der Leitindex ASE fiel zum Start um 23 Prozent auf 615 Punkte. Der Index der Banken fiel um 30 Prozent. Danach begannen sich die Kurse wieder etwas zu erholen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die anderen europäischen Börsen beeindruckt das wenig. In Deutschland liegt der mit 100 Werten den Markt breiter abbildende F.A.Z.-Index wie der Dax und der europäische Aktienindex Eurostoxx50 0,4 Prozent im Plus und auch die Börsenindizes in Italien und Spanien tendieren leicht positiv.

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          Der Kurssturz in Athen ist also ein lokales Ereignis. So konnten die Inhaber griechischer Aktien seit Ende Juni nicht auf schlechte Nachrichten reagieren und holen nun nach. Wobei sie allerdings die Ereignisse des Juli um Griechenland nachholen und nicht die internationale Börsenentwicklung. Die anderen europäischen Börsen haben seit dem Tag der Börsenschließung in Griechenland, dem 26. Juni per Saldo nur wenig mehr als ein Prozent nachgegeben. Auch dies ist also ein lokales Ereignis.

          Besonders ausländische Anleger reagieren auf die schlechte Lage der griechischen Wirtschaft und passen das Risiko in ihren Portfolios weiter an. Der am Montag vom Markit-Institut veröffentlichte Einkaufsmanager-Index für Griechenland fiel auf ein Rekordtief von 30,2 Zählern. Die Industrie Griechenlands stellt allerdings nur 12,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch der vom griechischen Institut IOBE erhobene breite Stimmungsindikator gab deutlich auf 81,3 Zähler nach – das niedrigste Niveau seit fast drei Jahren.

          Und wenngleich viele große griechische Aktiengesellschaften vor allem auf Auslandsmärkten aktiv sind, so sind auch dies häufig riskantere Märkte. So exportiert der Coca-Cola-Abfüller Coca-Cola Hellenic Bottling zwar 94 Prozent seiner Produktion in insgesamt 28 Länder, doch dazu gehören auch die Ukraine und Russland. Der Baumaterialhersteller Titan Cement macht 86 Prozent des Umsatzes im Ausland, unter anderem aber auch im nordostafrikanischen Raum, und dort vor allem in Ägypten. Das macht die Aktien riskant, für manche einfach zu riskant.

          Rückzug der Anleger schon seit 2014

          Betrachtet man allerdings das Handelsvolumen der vergangenen anderthalb Jahre, so ist davon auszugehen, dass der Anteil der noch investierten Ausländer vergleichsweise gering ist. Schon als 2013 Griechenland in internationalen Börsenindizes zum Schwellenland degradiert wurde, hatte dies zur Folge, dass viele Fonds sich von griechischen Aktien trennen mussten.

          Zudem endete der Kursanstieg der Börse im März 2014, während das Handelsvolumen deutlich anstieg. Damals gewann die heutige Regierungspartei Syriza zunehmend an Popularität und wurde im Mai 2014 in Umfragen erstmals stärkste Partei, gewann auch später die Europawahlen. Das Handelsvolumen stieg noch einmal deutlich an, nachdem Syriza ins Amt gelangt war. Es ist also davon auszugehen, dass die Griechenland-Positionen schon vor der Börsenschließung deutlich verringert worden waren.

          Handel mit gefesselten Händen

          Hinzu kommt, dass der Handel immer noch sehr eingeschränkt ist. Griechische Staatsbürger können Aktien nur mit Geld kaufen, das nicht in heimischen Banken liegt, oder mit Verkaufserlösen oder Ausschüttungen. Nur Ausländer können unbegrenzt Aktien kaufen. Zudem gilt nach wie vor das Verbot von Leerverkäufen an der Athener Börse und dies soll nach neuesten Meldungen auch so bleiben.

          Daher fehlt der Börse auch ihre Funktion als Kapitalbeschaffer und als Anlageinstrument, es sei denn für risikofreudige Ausländer. Dabei wären die Chancen gut. Denn wohin sollten die Griechen ihr Geld bringen, wenn nicht ins Ausland? In den maroden, geschlossenen Banken wollen sie es sicher nicht belassen.

          Das mangelnde Kaufinteresse und die fehlende Liquidität zeigt sich auch im Handel einiger Aktien. So fielen die Kurse der griechischen Banken zur Handelseröffnung und bewegen sich seitdem nicht mehr. Auch ansonsten ist der Umsatz eher karg. Lediglich in drei Werten des 60 Werte umfassenden General Index wurde bis 11:30 Uhr ein Millionenvolumen umgesetzt. Dazu gehörten vor allem die Banken und dort war eine breite, einmalige Absetzbewegung zu beobachten. Ein Viertel der Werte wurde gar nicht gehandelt.

          Positiv ist zu bemerken, dass die Börseneröffnung ein kleiner Schritt zur Normalisierung des Lebens ist. Doch letztlich betrifft auch das mehr die Ausländer als die Griechen selbst. Auswirkungen auf den Rest der Welt hat dies nicht. Dazu war auch schon vorher das Volumen viel zu klein. Selbst einem amerikanischem Griechenland-ETF, der 2015 sehr populär war, flossen lediglich 281 Millionen Dollar zu. Selbst ein Totalverlust würde sich am Markt kaum bemerkbar machen.

          Und die Ausländer sind schon wieder optimistisch. Der starke Kurssturz wird von einigen sogar als Kaufgelegenheit verstanden. Der ASX-Index hat sich von seinem Eröffnungsminus bei 23 Prozent schon wieder auf ein Minus von 17 Prozent erholt. Der Kurs des Beratungsunternehmens Euroconsultants liegt sogar schon im Plus.

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