https://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/wie-solarworld-co-abstiegen-15010799.html

Solarworld-Pleite : Aufstieg und Fall der Photovoltaik

Die Sonne strahlt, das Modul produziert, doch die Branche ist niedergegangen. Bild: ddp

Der einstige Branchenprimus Solarworld ist insolvent und mit ihm ein weiteres Schwergewicht der einstigen Erfolgsbranche. Wie kam es zu dem Niedergang?

          4 Min.

          Nach dem am Vorabend überraschend angekündigten Insolvenzantrag hat die Aktie des Solarkonzerns Solarworld am Donnerstag neue Tiefstkurse erreicht. Mit bis zu 70,4 Cents betrug der Kursverlust seit dem Höchstkurs des Jahres 2007 99,99 Prozent. Wenn es also jemals einen Totalverlust gegeben hat, dann diesen. Daran ändert nur wenig, dass sich der Kurs im Laufe des Tages sogar verdoppelte. Damit reduzierte sich das Minus auf 99,98 Prozent.

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!
          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vielfach wird die Frage gestellt, wieso ein Konzern in einer “hoch subventionierten Branche“ überhaupt in die Insolvenz rutschen könne. Schnell ist der angeblich Schuldige gefunden: Solarworld-Chef und -Gründer Frank Asbeck.

          Allerdings ist Solarworld nicht der einzige Solarkonzern, der den bitteren Gang zum Amtsgericht antreten musste. Von einst 16 börsennotierten deutschen Unternehmen, die ganz oder sehr stark in der Solarbranche aktiv waren, blieb gerade einmal vier die Insolvenz erspart. Nur die Hälfte der Aktien ist noch börsennotiert, ebenso ist etwa die Hälfte der Unternehmen ganz oder teilweise liquidiert worden.

          Und die Pleitewelle ist nicht auf die Börse beschränkt gewesen. Ein Inhaber eines kleinen Betriebs berichtete Jahre danach: „Ich wäre um ein Haar bankrott gegangen. Gott sei Dank habe ich gerade rechtzeitig noch an ein paar Araber verkauft. Warum die das damals wollten – ich weiß es nicht.“

          Für die fast beispiellose Talfahrt der Branche gibt es mehrere Gründe. Zunächst reflektiert sie das Hin und Her der deutschen Energiepolitik. Anfang der Neunziger Jahre wurden Abnahmeverpflichtung und Mindestvergütung für Ökostrom festgeschrieben, im Jahr 2000 stieg mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Vergütung für Solarstrom auf gut das Sechsfache, wenngleich mit eingebauter Degression. Ziel war es, eine Spitzenleistung von 350 Megawatt zu erreichen. Diese lukrative Förderung löste einen Boom aus: Photovoltaik war ein gutes und vor allem sicheres Geschäft, das planbar war.

          Schon 2004 drohte aber ein Zusammenbruch der Boombranche. Denn das Leistungsziel war erreicht und die lukrative Vergütung hätte nicht mehr gezahlt werden dürfen. Mit einer Gesetzesnovelle wurden daraufhin Zielsetzung und Fördersätze geändert, so dass der Boom zunächst weitergehen konnte. Das deutsche Beispiel machte unterdessen auch international Schule, die Branche wuchs. Das kam den deutschen Unternehmen zunächst vor allen innerhalb Europas zugute.

          Preisdruck und weniger Erlöse

          Der Boom aber lockte zunehmend Unternehmer im Ausland und vor allem China. Das Land begann damit, riesige Kapazitäten zunächst in der Herstellung von Solarzellen und -modulen aufzubauen, weil dies der einfachste Teil der Wertschöpfungskette ist. Der resultierende Preisdruck brachte zunächst die deutschen Hersteller in Bedrängnis.

          Gleichzeitig wurde aber die Förderung der Photovoltaik in Deutschland verringert – aber nicht nur dort. In anderen Ländern, nicht zuletzt in Staaten, die unter der Finanzkrise litten, wurden die Vergütungen drastisch gesenkt, zum Teil ganz gestrichen und zum Teil auch noch rückwirkend. Auch Deutschland begann 2012 damit, die Förderung massiv zu beschneiden.

          Riesige Berg- und Talfahrt

          Die unter dem Druck ausländischer Konkurrenz stehende deutsche Solarindustrie konnte diesen Förderungsabbau nicht so rasch verkraften. Als erstes gerieten Zellenhersteller und Modulbauer unter starken Druck. Gleichzeitig wirkte sich die Dämpfung der Nachfrage bei gleichzeitig hohen Überkapazitäten erheblich auf die Anlagenbauer aus.

          Solarworld hatte 2002 noch zwei Drittel des Umsatzes mit Wafern, also Vorprodukten für Zellen, erzielt. Schon 2006 war das Geschäft mit der Errichtung von Komplettanlagen doppelt so groß wie das Wafer-Geschäft, doch machte dies immer noch ein Viertel aus. 2013 waren die Umsätze nicht mehr nennenswert, 2016 machte der Verkauf von Modulen und Vorprodukten an Dritte gerade noch 0,6 Prozent des Umsatzes aus.

          Bis 2007 stieg die operative Marge von Solarworld in nur fünf Jahren von knapp zehn auf 35 Prozent – und betrug wieder fünf Jahre später minus 33 Prozent. Die anhaltenden Verluste ließen das Eigenkapital in atemberaubendem Tempo schrumpfen, zumal aufgrund der schlechten Branchenkonjunktur und der Finanzkrise spätestens 2008 an eine Kapitalerhöhung nicht mehr zu denken war. Die Eigenkapitalquote, die 2007 noch durchaus ansehnliche 40 Prozent betragen hatte, lag 2012 schon im negativen Bereich und nur ein Schuldenschnitt konnte das Unternehmen noch einmal retten. Doch die operativen Margen blieben niedrig, 2016 bleibe man vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen im roten Bereich.

          Unter dem Druck der im vergangenen Jahr noch einmal gefallenen Weltmarktpreise hätten Kunden Bestellungen storniert oder Preise nachverhandeln wollen, heißt es aus der Branche. Damit seien die Absatzpläne der Bonner geplatzt, derweil 2019 rund 350 Millionen Euro für Anleihen und Darlehen fällig werden.

          Auf Krise unzureichend reagiert

          Ob ein Unternehmen die Krise überstehen kann, liegt aber auch in seiner Hand. Wer rechtzeitg reagiert und die Zeichen erkennt - und sei es auch nur durch einen kurzentschlossenen Verkauf - kann auch eine Branchenkrise überstehen. Schließlich ist  Solarstrom nicht verschwunden.

          Auch Solarworld-Chef Asbeck habe Fehler gemacht, heißt es. Zu spät - nämlich erst zu Beginn diesen Jahres - habe er mit einem Sparprogramm auf die schrumpfenden Erträge reagiert. Geschäftliche Chancen wie die Beratung mit eigenen Beschäftigten oder das Geschäft mit Speicherbatterien habe er liegen lassen.

          Asbeck hatte wohl sein Lebenswerk weiter erhalten wollen: ein Schuldenschnitt, ein Kapitalschnitt, der die Aktien praktisch entwertete – ein neuer Investor aus Katar, neues Geld und die Übernahme der ehemaligen Bosch-Fertigung in Arnstadt mit einer Mitgift half, stärkere Einschnitte hinauszuzögern.

          Möglich, dass sich Asbeck zu sehr auf die Politik verlassen hatte. Das wäre nicht überraschend in einer Branche, deren Wohl und Wehe seit ihrer Entstehung stets von dieser abhängig war. Entsprechend überstürzt scheint am Ende der Insolvenzantrag gestellt worden zu sein. Der Betriebsrat am Standort Freiberg hat nach eigener Aussage vom Insolvenzantrag erst am Mittwochabend erfahren.

          Auch am Anleihenmarkt machte sich die Branchenkrise bemerkbar. Die Ausfälle bei Mittelstandsanleihen wurden zunächst als Solar-Krise aufgefasst, weil diese Emittenten zuerst ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten.

          Auch in anderen Ländern sorgte die Branchenkrise für Insolvenzen, Umschuldungen oder zumindest für Dividendenstreichungen. Von den 29 einst im Ardour Solar Index enthaltenen Unternehmen mussten wenigstens zehn Insolvenz anmelden - die Hälfte davon aus Deutschland - viele entkamen der Pleite nur mit knapper Not.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine zerstörtes Gebäude in Mariupol

          Was in der Nacht geschah : Selenskyj spricht von „Hölle“ im Donbass

          Die Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Truppen gingen vor allem im Osten der Ukraine im Donbass weiter. Die Befehlshaber des letzten militärischen Widerstands der Ukraine in Mariupol befinden sich nach eigenen Angaben immer noch im Stahlwerk Asowstal. Die Nacht im Überblick.
          Ein 9-Euro-Ticket auf einer App auf einem Smartphone 11:01

          F.A.Z. Frühdenker : Wird der Bundesrat dem 9-Euro-Ticket zustimmen?

          Beim Besuch des Emirs von Qatar bei Kanzler Scholz in Berlin dürfte es um das Thema Flüssiggaslieferungen gehen. Der Bundesrat soll grünes Licht für das 9-Euro-Ticket geben. Und ein Unwetter fegt über Deutschland hinweg. Alles Wichtige im F.A.Z.-Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Tarifportal
          Mit unserem kostenlosen Tarifvergleich sparen
          Kapitalanlage
          Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis