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Historische Untersuchung : Warum die Börsen Populisten lieben

An den Börsen läuft es rund, wenn Populisten an die Macht kommen. Bild: Reuters

Seit der Wahl von Donald Trump haussieren die Börsen. Dieser Effekt hat viele Vorbilder, wie eine historische Untersuchung zeigt. Warum ist das so?

          3 Min.

          Die Finanzmärkte sind keine Sittenwächter. Wenn Populisten das Ruder übernehmen, dann reagieren die Börsen ihrer jeweiligen Länder oft mit kräftigen Kursgewinnen, ganz gleich, ob die neuen Staatslenker links außen oder rechts außen stehen oder wie dünn ihre politische Argumentation auch sein mag. Der Trump-Effekt, der seit der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten die Wall Street zu immer neuen Höchstständen antreibt, ist also bei weitem keine Ausnahme, wie eine historische Untersuchung zeigt, die der Bonner Ökonom Moritz Schularick am Dienstag in Frankfurt vorstellte.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist eine bunte Gruppe von Staatslenkern, die der Ökonom sich als Forschungsobjekt zusammengestellt hat. Sie reicht von Adolf Hitler über Silvio Berlusconi bis hin zu Donald Trump. Auch wenn Schularick betont, dass die Herren keinesfalls gleichzusetzen seien, so handele es sich doch in allen 27 Fällen um Populisten, die in den vergangenen 100 Jahren in größeren Volkswirtschaften an die Macht gekommen seien. Um Politiker, die sich als Vertreter des breiten Volkes präsentierten und „denen da oben“ eine neue Politik entgegensetzen wollten.

          Aktienmärkte steigen meist nach Machtübernahme

          Was solche Machtübernahmen auf den Finanzmärkten auslösten, hat Schularick zusammen mit zwei Kollegen untersucht und am Dienstag vor der European Association for Banking and Financial History präsentiert. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Dass nach der Machtübernahme durch Populisten die Märkte zusammenbrächen, wie vor den Wahlen von deren Gegnern regelmäßig behauptet werde, habe sich kaum jemals bewahrheitet. „Die Drohung, dass danach der Teufel los ist, ist nicht realistisch“, sagte Schularick. Stattdessen trete oft eher das Gegenteil ein, wie nun in Amerika: „Die Finanzmärkte haben schnell erkannt: Trump ist nicht das Ende.“

          Ähnlich sei es zum Beispiel gewesen, als im Jahr 2003 in Brasilien Lula da Silva an die Macht kam; in den ersten zwei Jahren nach seiner Wahl stieg der brasilianische Leitindex den Daten zufolge um 92 Prozent an, drei weitere Jahre später stand er sogar 192 Prozent im Plus.

          Als weiteres Beispiel nannte Schularick den Schweizer Rechtspopulisten Christoph Blocher, dessen Wahl zum Bundesrat im Herbst 2003 ebenfalls eine drei Jahre währende Aktien-Hausse zur Folge hatte. Zwar gebe es auch Gegenbeispiele, betonte Schularick. Im Schnitt aber sind in den ersten zwei Jahren nach den 27 betrachteten Machtübernahmen die Aktienmärkte um etwa ein Viertel gestiegen. In den ersten fünf Jahren danach ging es unter Linkspopulisten im Schnitt um 41 Prozent nach oben, Rechtspopulisten ließen den Leitindex ihres Landes sogar um 95 Prozent steigen.

          Auch andere wichtige Messzahlen hätten sich eher positiv als negativ entwickelt. So seien die Anleiherenditen – also die Kosten der Staatsverschuldung – zumindest in den ersten zwei Jahren im Durchschnitt runtergegangen. Die Bonitätsnoten der Ratingagenturen hätten sich im Schnitt verbessert. Und auch die Volatilität an den Märkten sei weniger geworden.

          Protektionismus schadet langfristig

          Schularick betonte während seines Vortrags mehrfach, dass er mit seiner Studie nicht den Populisten das Wort reden wolle. Seine Erkenntnisse bezögen sich ausschließlich auf die Finanzmärkte und wie diese kurz- und mittelfristig auf deren Machtübernahme reagierten. Seine Studie zeige eben, dass die Finanzmärkte nicht die Aufgabe des Lehrmeisters übernähme, der populistische Führer in ihre Grenzen weise.

          Dass ein zunehmender Protektionismus der gesamten Volkswirtschaft langfristig schade, stehe aus seiner Sicht außer Frage. Und oft seien es gerade diejenigen, die einen Populisten gewählt hätten, die auf lange Sicht eher die Verlierer von dessen Politik seien.

          Bei Messgrößen wie dem Pro-Kopf-Wachstum der jeweiligen Volkswirtschaft oder der Investitionsquote fielen die Erfolge der Populisten denn auch wesentlich überschaubarer aus. „Viele, die als Tiger springen, landen eben doch als Bettvorleger“, sagte Schularick mit Blick auf die vollmundigen Versprechen vieler Populisten, die sie dann doch nicht einlösten.

          Doch wie kommt es, dass die Finanzmärkte auf Populisten so positiv reagieren? Aus Sicht von Schularick ist das schwer zu sagen; jeder Fall sei doch sehr eigen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Populisten an die Macht kämen, sei allerdings stets eine wirtschaftliche Krise, so dass sie oft die Führung übernähmen, wenn es einem Land besonders schlecht gehe. In einer früheren Untersuchung hatte der Bonner Ökonom bereits nachgewiesen, dass neue populistische Parteien regelmäßig nach großen Finanzkrisen emporkämen.

          So hätten viele der Populisten schlicht das Glück gehabt, dass in ihre Amtszeit ein Aufschwung falle, der nach einem langen Abschwung einsetzte. Zudem komme die Politik, die viele Populisten verträten, oft den heimischen Unternehmen zugute. Durch höhere Einfuhrzölle und -verbote etwa verknappe sich das Angebot, so dass die jeweiligen nationalen Champions oft profitierten. Auch stünden viele Populisten eher für eine unternehmensfreundliche Politik.

          „Populistische Regime zerstören sich nicht notwendigerweise selbst“, sagte Schularick zum Abschluss. „Die Dinge können noch eine ganze Weile lang gut für sie laufen.“

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