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Wertpapierhandel : Turbulenzen nicht auf die Börsen beschränkt

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Bild: Bloomberg

Die Fehleingabe in einem Handelssystem gilt als Ursache für den Tagescrash an der Wall Street am Donnerstag. Dagegen spricht allerdings, dass es gleichzeitig in vielen anderen Märkten zu ähnlich starken Kursturbulenzen kam.

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          Schwere Kursturbulenzen an den amerikanischen Börsen am Donnerstag sorgen für Gerüchte und Schlagzeilen. An der Wall Street war der Dow Jones Index am Donnerstag im Tagesverlauf in eine sich offensichtlich selbst verstärkende Abwärtsspirale geraten, bevor er sich erholen konnte. Die Differenz zwischen dem Tageshoch und dem -tief betrug 1.007 Zähler. Zum Handelsende lag das Minus bei 348 Zählern.

          Die amerikanische Finanzaufsicht SEC untersucht den Vorfall. Im Mittelpunkt stehe dabei die Frage, ob Aktienhändler großer Banken mit irrtümlichen Fehleingaben den einzigartigen Kursrutsch ausgelöst haben oder ob bewusst ungesetzliches Handeln dahinter stand, heißt es. Und - es gehe auch um die Frage, warum Sicherungssysteme bei den Handelshäusern die Situation nicht unter Kontrolle bringen konnten.

          Starke Kursturbulenzen nicht nur an Wall Street

          Die starken Kurseinbußen innerhalb kürzester Zeit zählen zu den spektakulärsten überhaupt. Sie erinnern an den Aktiencrash im Jahr 1987. Auch damals waren Handels- und Vermögensverwaltungsprogramme für den Kurseinbruch verantwortlich. Im Rahmen des so genannte „dynamischen Hedgings“ hatten sich im Vorfeld immer Marktteilnehmer darauf verlassen, sich an den Aktienmärkten jederzeit gegen Kursverfall absichern zu können. Tatsächlich war der Markt jedoch gerade im entscheidenden Fall nicht mehr liquide.

          Von Handelscomputern automatisch ausgelöste Folgeaufträge gelten auch diesmal als ein Grund, vor allem für die Stärke des Kursrutsches. Er sei von elektronischen Handelsnetzen verstärkt worden war. Vermutlich sei die erste Hälfte des Verlustes im Dow Jones Index auf normalen Handel zurückzuführen gewesen. Anschließend habe wohl ein Schneeballeffekt eingesetzt, erklären Experten. „Es gab in den elektronischen Märkten einfach keine Liquidität,“ erklärte Larry Leibowitz, Chief Operating Officer von NYSE Euronext, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          Ursache und Wirkung lassen sich bei derartigen Prozessen nur schwer auseinanderhalten. Auffällig ist jedoch, dass sich die Kursturbulenzen keineswegs auf die Börsen beschränkten, sondern zumindest sehr zeitnah auch im Devisen-, Rohstoff- und Rentenmarkt zu beobachten gewesen waren. Der japanische Yen wertete zum Beispiel gegen den polnischen Zloty innerhalb eines Tages um bis zu 13 Prozent auf. Das ist sehr extrem, da die Kursschwankungen am Devisenmarkt normalerweise geringer ausfallen.

          Die Lage sei nicht mit 1987 vergleichbar, hieß es rasch. Die Fundamentaldaten seien gut, und Anlass zu einer Verschärfung der Geldpolitik wie 1987 bestehe nicht. Allerdings sind nicht alle so optimistisch. Zumindest die Skeptiker verweisen auf den Strohfeuercharakter von Stimulationsmaßnahmen und vor allem auch auf die starke Verschuldung von Staaten, Konsumenten und vielen Unternehmen.

          Fehleingabe in einem Handelssystem alleine kann kaum genügen

          Selbst wenn es keine klaren Beweise gebe, geht der Handel davon aus, dass der Grund für den zeitweiligen Crash an Wall Street eine Fehleingabe in einem Handelssystem war - also menschliches Versagen. Sicher ist das allerdings angesichts der in den Märkten sichtbaren Dimension nicht. Wenn, dann müsste es sich um eines der so genannten Makro-Modelle handeln, die viele Märkte gleichzeitig „spielen“. Oder mehrere solcher Modelle müssten sich gegenseitig aufgeschaukelt haben.

          „Sollte sich dies bewahrheiten, dürfte der Ruf nach einer stärkeren Regulierung schnell wieder aufkommen“, so ein Händler. Rufe dieser Art waren in den vergangenen Monaten immer wieder aufgekommen. Sie leiteten sich sowohl aus der unglaublichen Intransparenz verschiedener elektronischer Handelsplattformen als auch an beobachtbaren Irregularitäten ab. Immer wieder aufgefallen waren Handelsmethoden, die einzelnen Marktteilnehmern so genanntes Front-Running ermöglichten. Vorzeitiger Zugriff auf Orderbücher machte in Verbindung mit schnellem Zugang zu Handelssystemen so genannte Latenz-Arbitrage möglich. Anleger mit schnellen Rechnern und „großdimensionierten Leitungen“ konnten die Trägheit anderer Systeme zum eigenen Vorteil ausnutzen und vermutlich riesige Gewinne einstreichen.

          Bei solchen Aktivitäten scheint eine Regulierung dringend nötig zu sein. Ihr Ziel müsste es sein, Transparenz her- und sicherzustellen, dass es zu keinen unfairen Handelsmöglichkeiten solcher Art kommen kann. Kontrovers wird die Diskussion jedoch im Prinzip. So sollten etwa Leerverkäufe und ähnliche Strategien grundsätzlich nicht eingeschränkt oder gar verboten werden. Denn die dienen der Marktdisziplin und der Hygiene eines soliden Marktes.

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