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Wertpapierhandel : Nicht nur am „Hexensabbat“ irrational

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Bild: Bloomberg

Vor und am so genannten „Hexensabbat“ sind starke Kursbewegungen an den Börsen nicht ungewöhnlich. Sie sind jedoch längst nicht mehr auf diese Tage begrenzt, da immer mehr „Algo-Händler“ ihr Unwesen treiben und für irrationale Kurssprünge sorgen.

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          Die dritte Woche jeden dritten Monats eines Jahres ist an den Börsen speziell, weil an ihrem letzten Tag an den Terminbörsen der Welt Options- und Futures-Kontrakte auf Aktien und Indizes gleichzeitig auslaufen. Dieser Tag wird gemeinhin als „Hexensabbat“ bezeichnet.

          Der Grund dafür liegt darin, dass kurzfristig orientierte Anleger und Händler im Vorfeld und schließlich auch noch am Abschlusstag an sich ihre Positionen anpassen. Das kann zu ansonsten unerklärlichen und manchmal sogar zu unerwartet starken Kursbewegungen in die eine oder andere Richtung führen.

          Vor und am „Hexensabbat“ sind starke Kursbewegungen an den Börsen nicht ungewöhnlich

          Gerade die Kurse von den in den einzelnen Indizes schwer gewichteten Werten können wie von Zauberhand bewegt werden. Sie werden von Aktien- und Optionshändlern gerne genutzt, um einen Index unabhängig von Unternehmens- und Konjunkturdaten zumindest kurzfristig in die gewünschte Richtung zu bewegen. So kanne es binnen Minuten zu hohem Handelsvolumina und deutlichen Kursschwankungen kommen.

          Zur Mittagszeit um 12.00 Uhr, beim so genannten Fixing, verfallen zunächst die Index-Optionen und -Futures von EuroStoxx und Stoxx an der Eurex. Um 13.00 Uhr verfallen dann in der so genannten Mittagsauktion die Futures und Optionen auf den Dax und den TecDax und fünf Minuten später die auf den MDax. Erst gegen Handelsschluss desselben Tages laufen schließlich die Optionen und Futures auf die einzelnen Aktien aus.

          Diese beziehungsweise ähnliche Regeln gelten nicht nur für die deutsch-schweizer Terminbörse Eurex, sondern für die meisten großen Börsen weltweit. Während etwa deutsche, französische, italienische und amerikanische Aktien an der Eurex um 17.30 Uhr verfallen, laufen die der Schweizer Werte bereits um 17.20 Uhr aus.

          Allerdings gehen erratische und zum Teil sogar irrationale Kursbewegungen nicht nur von der kurzfristigen Umdisponierung an den Terminbörsen aus, sondern längst gehören sie zum regelmäßigen Tagesgeschäft. Sie gehen zurück auf so genannte „Algo-Händler“, die Wertpapiere mittels mechanistischer Handelsmodelle in großem Stile automatisch über ultraschnelle Computer mit bevorzugtem Zugang zu den Börsen handeln lassen. Sie dominieren inzwischen volumenmäßig vielfach den Handel.

          Schalten sie jedoch in kritischen Phasen aus berechtiger Sorge über mögliche Verluste, in welchen sich andere Marktteilnehmer mit ihren dyanmischen Absicherungsmodellen auf die scheinbar unerschöpfliche Liquidität des Marktes verlassen wollen, ihre Systeme aus, so kann es zu Kurseinbrüchen kommen, wie sie am fünften Mai dieses Jahres an der Wall Street zu beobachten gewesen waren.

          Wertpapierhandel in diesem Sinne hat nach Ansicht von Kritikern schon lange nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der effizienten Allokation von Kapital zu tun, sondern er ist zum Kasino verkommen.

          Sie sind jedoch längst nicht mehr auf diese Tage begrenzt, da „Algo-Händler“ ihr Unwesen treiben

          Selbst die Deutsche Börse ist in diesem Bereich stark engagiert. „Algo Trader nutzen die breite Palette von Datenprodukten der Deutschen Börse bei der Entwicklung und Umsetzung von automatisierten Handelsstrategien. Unsere Netzwerkinfrastruktur stellt sicher, dass die Informationen unsere Kunden mit minimaler Latenzzeit erreichen,“ heißt es auf ihrer Homepage.

          Das zeigt, dass seltsame Handelstrategien wie „Latenz-Arbitrage“, bei welcher Händler mit bevorzugten Zugang zum Wertpapierhandel mit schnellen Rechnern die „Trägheit“ normaler Marktteilnehmer zum eigenen Vorteil ausnützen können, auch in Deutschland üblich sind. Um sie dazu in die Lage zu versetzen wird auch ein so genannter „Algo-News-Feed“ angeboten. Er bietet unmittelbaren Zugriff auf über 150 handelsrelevante Wirtschaftsindikatoren aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Europa, die direkt aus den Freigabestellen versandt werden. Kunden dieser Art werden zudem „die einfache, direkte Integration in Algo-Trading-Applikationen“, globale „Co-Location“ sowie „Echtzeit-Datenfeeds mit minimalen Latenzeiten“ angeboten.

          Die zunehmende Nutzung solcher Angebote führt regelmässig dazu, dass es an den Finanzmärkten zu sprungartigen Kursbewegungen kommen kann, sobald Unternehmens- oder Konjunkturdaten besser beziehungsweise schlechter „als erwartet“ ausfallen. Denn es gibt ganz primitive Algo-Handelsmodelle, die in diesen Fällen in Sekundenbruchteilen mit Kauf- oder Verkaufsorders in großem Stile die Märkte bewegen und nach kürzester Zeit schon wieder Gewinne mitnehmen. Das geschieht bevor andere auch nur darüber nachgedacht haben mögen, was die Daten mittel- und längerfristig bedeuten könnten. Der volkswirtschaftliche Nutzen solcher Transaktionen wird vielfach angezweifelt.

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