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MSCI : Wer über die wichtigen Börsenindizes entscheidet

Die New Yorker Stock Exchange, an der die wichtgsten Aktien, die im MSCI gelistet sind, gehandelt werden. Bild: AP

Im MSCI World stecken die wichtigsten Aktien der ganzen Welt. Anleger haben Milliarden in ihn investiert. Wer steuert diesen Aktienindex?

          5 Min.

          Kurz bevor China im Sommer dieses Jahres den Anlegern einen gehörigen Schrecken einjagte, fand in einem Bürogebäude in der Genfer Rue de la Confédération ein Treffen statt. Obwohl keiner der Anwesenden ahnte, dass China einer der turbulentesten Börsenmonate seiner Geschichte bevorstand, ging es an diesem Tag nur um ein Thema - um den Aktienmarkt des Landes. Zusammengekommen waren ein paar Spezialisten, deren Namen nicht einmal Kenner der Finanzszene je gehört haben dürften. Sie diskutierten lange und kamen am Ende zu einem Ergebnis, das bald als Pressemitteilung an Wirtschaftsredaktionen in der ganzen Welt ging. Die Mitteilung enthielt eine klare Botschaft und ein unverständliches Kürzel: MSCI, so stand da zu lesen, habe beschlossen, chinesische A-Aktien, die an den Börsen der Volksrepublik gehandelt werden, vorerst nicht in den Aktienindex „MSCI Emerging Markets“ aufzunehmen.

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          MSCI? Das Kürzel steht für „Morgan Stanley Capital International“, und auch wenn die Firma mit der Investmentbank Morgan Stanley schon längst nichts mehr zu tun hat, ist der Einfluss von MSCI auf die Finanzmärkte mindestens genauso hoch wie der Einfluss von Investmentbankern. Um es anschaulich zu machen: Mit ihrer Entscheidung zu China hatten die Männer und Frauen in Genf indirekt auch über die Verwendung einer gewaltigen Summe Geldes entschieden - es ging um nicht weniger als 20 Milliarden Dollar.

          Denn die Mitarbeiter, die die an der New Yorker Börse notierte Firma MSCI an allen großen Finanzplätzen der Welt hat, gehen einer für die Kapitalmärkte wichtigen Tätigkeit nach: Sie entscheiden über die Zusammensetzung von zwei der bekanntesten Aktienbarometer der Welt. Es handelt sich um den MSCI Emerging Markets, der die Entwicklung der Aktienmärkte der Schwellenländer abzubilden versucht, und um den MSCI World, der das Gleiche für die wichtigsten Aktienmärkte der Industrieländer tut.

          Noch nie hatten die Entscheidungen dieser Index-Konstrukteure ein so großes Gewicht wie heute. Denn noch nie in der Geschichte der Finanzmärkte haben sich so viele Profianleger so genau an der Zusammensetzung großer Aktienbarometer orientiert wie derzeit. Da sind zum einen alle Fondsmanager und Vermögensverwalter, die danach bezahlt werden, wie gut sie im Vergleich zu bestimmten Indizes abschneiden. Ohne eine solche „Benchmark“, wie es im Fachjargon heißt, arbeitet heutzutage kaum noch ein Geldverwalter.

          Noch wichtiger aber ist ein anderes Phänomen: Indexfonds, mittlerweile unter dem Kürzel ETF (für Exchange Traded Funds) bekannt, sind derzeit äußerst populär. Sie bilden die Wertentwicklung bestimmter Aktienmärkte exakt nach, indem sie anteilig Aktien aller im Index vertretenen Firmen kaufen. Steigt beispielsweise der MSCI World um drei Prozent, gewinnt auch der dazugehörige ETF drei Prozent hinzu, bei fallenden Kursen vice versa. Werden die Aktien eines Landes nun neu in einen Index aufgenommen, müssen alle ETF, die diesen Index nachbilden, die Papiere sogleich kaufen. Darum war die Entscheidung der MSCI-Leute gegen China von so großer Bedeutung. Hätten sie anders votiert, hätten ETF auf der ganzen Welt China-Aktien kaufen müssen - im Umfang jener bereits erwähnten 20 Milliarden Dollar. Die Aktienkurse wären deutlich gestiegen.

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