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Anleihenkäufe : EZB-Patzer verärgert Märkte

  • Aktualisiert am

EZB-Zentrale im Dunkeln Bild: dpa

Am Finanzmarkt sollten alle gleich sein. Doch am Mittwoch sind zahlreiche Marktteilnehmer der Auffassung, einige seien doch etwas gleicher. Zum Beispiel Hedgefonds.

          2 Min.

          Hatte der Eurokurs vor einigen Tagen gedreht und war deutlich gegenüber dem Dollar gestiegen, so geht es seit Dienstag wieder deutlich abwärts. Doch viele Investoren tappten zunächst im Dunkeln deswegen. Griechenland galt mal wieder als Ursache, doch es war Raterei. Erst im Laufe des Tages sickerte durch, dass EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré am Montagabend vor einer ausgewählten Gruppe Banker und Hedgefondsmanager in London mitgeteilt hatte, dass die Notenbank ihre Käufe von Euroraum-Anleihen in Erwartung des typischerweise liquiditätsschwachen Sommers auf Mai und Juni vorziehen werde. Das aber erfuhren andere Investoren erst im Laufe des nächsten Tages.

          Coeuré hatte am Montag am Ende einer Konferenz gesprochen, zu der nur geladene Gäste zugelassen waren und an der führende Vertreter von mindestens fünf Zentralbanken teilnahmen. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Bloomberg wurde diese Konferenz von Forschungsgruppen organisiert, von denen aber eine vom Hedgefonds Brevan Howard finanziert wird.

          „Definitiv ein Problem mit der Kommunikation“

          Solche Veranstaltungen sind dazu gedacht, der EZB den Dialog mit der Investmentbranche zu ermöglichen. Doch dabei muss die Notenbank äußerst vorsichtig sein. „Sollten einige Teile des Marktes zu einer anderen Zeit als andere informiert worden sein, dann erscheint das unüberlegt”, sagt Frances Hudson, ein Stratege bei Standard Life Investments zu Bloomberg.

          „Es gibt definitiv ein Problem mit der Kommunikation hier”, sagt auch Christoph Kind, der Chef für Asset-Allocation bei Frankfurt Trust. Die Firma verwaltet rund 20 Milliarden Dollar. „Die Reaktion des Marktes ist sehr stark ausgefallen. Also könnte man sagen, dass dies nicht der beste Weg ist, um diese Art von Information zu kommunizieren.”

          Nach Angaben der EZB war geplant, dass Coeurés Aussagen noch am Montag während der Rede veröffentlicht würden. Allerdings habe ein Prozess-Fehler diesen Schritt bis zum Dienstagmorgen hinausgezögert.

          Am Mittwoch geht die negative Reaktion der Märkte weiter. Der Eurokurs ist auf nunmehr 1,111 Dollar gefallen, hat aber den kurzfristigen Aufwertungstrend damit noch nicht gebrochen. Dennoch sind die Märkte vorsichtig geworden. Nach Angaben von Bloomberg sind die Kosten für eine Absicherung gegen weitere Verluste durch den Einsatz von Optionen so stark gestiegen wie seit Januar nicht mehr.

          Das Vorziehen der Anleihekäufe ist zwar zunächst nur eine zeitliche Verschiebung. Doch zeigt es, dass die EZB an ihrem Programm wie geplant festhält. Hingegen war in den vergangenen Wochen angesichts positiver Konjunkturmeldungen aus Europa darauf spekuliert worden, dass das Programm zumindest abgeschwächt werden könnte.

          Analysten rechnen nun mit einer weiteren Abwertung des Euro. Morgan Stanley und die Saxo Bank gehen davon aus, dass sich noch in diesem Jahr eine Parität zwischen Dollar und Euro einstellen wird. „Das Tempo der Euro-Erholung war der EZB zu stark”, sagte Steen Jakobsen von Saxo zu Bloomberg. Andere Analysten geben sich etwas entspannter.

          Die Bayern LB blickt auf Donnerstag. Dann werden die Einkaufsmanagerindizes veröffentlicht. Sollten diese im Euroraum stagnieren, in Amerika hingegen etwas anziehen, so rechnen die Landesbanker mit einer leichten Aufwertung des Dollar. Per saldo aber werde der Dollar in den kommenden drei Monaten seitwärts tendieren. Erst ab dem Herbst dürfte der Dollar angesichts einer näher rückenden Zinserhöhung in Amerika bei anhaltenden Anleihekäufen der EZB aufwerten.

          Die Ankündigung der EZB lässt sich als Versuch interpretieren, die jüngste Euro-Aufwertung abzuwürgen, damit die Exportvorteile der europäischen Unternehmen nicht auflösen, bevor sie sich bezahlt gemacht haben. Warum sie dabei so patzte, wie sie es getan hat, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Wobei die einfachste Erklärung bekanntlich häufig die zutreffendste ist: Jemand hat Mist gebaut.

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