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Analyse : Was Trumps Wahl für die Finanzmärkte bedeutet

Keine Liebesbeziehung zu Trump Bild: AFP

Donald Trump ist entgegen der meisten Prognosen zum Präsidenten Amerikas gewählt worden. Die Finanzmärkte schwanken zwischen Abwarten und Furcht.

          Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist für die Finanzmärkte eine faustdicke Überraschung. „Das Ergebnis ist eine Sensation“, sagt Christoph Bruns, Fondsmanager bei der Loys AG. „Eigentlich hätte man meinen müssen, dass sich die weibliche Wählerschaft und die Minderheiten von Trump abgestoßen fühlen sollte.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach einer instinktiven Flucht in Sicherheiten aber haben sich die Märkte am späten Vormittag wieder beruhigt. Ein Minus des F.A.Z.-Index‘ von 0,75 Prozent war genauso wenig als Talfahrt zu bezeichnen wie eine Aufwertung des Euro um 0,8 Cents auf 1,1099 Dollar als Kurssprung. Am Nachmittag, nach Öffnung der amerikansichen Märkte, beruhigte sich die Situation weiter.

          Die deutschen Aktien, gemessen am F.A.Z.-Index, beendeten den Handel mit einem Plus von 1,1 Prozent. Der von ausländischen Anlegern stärker frequentierte Dax drehte mit 1,6 Prozent ins Plus. Zuvor waren auch die amerikanischen Börsen ins Plus gedreht.

          F.A.Z.-Index

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          In erster Linie beunruhige die Börse die Unsicherheiten bezüglich des politischen Kurses, den Trump einschlagen werde, schreiben die Analysten der liechtensteinischen VP-Bank. „Trump ist ein unbeschriebenes Blatt“, sagt auch Bruns. „Die Frage ist: Was will er?“ Seine Wahlkampfvorschläge seien so unausgegoren gewesen, dass sie eigentlich in dieser Art und Weise gar nicht umsetzbar seien.

          Stefan Kreuzkamp, Chief Investment Officer der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft Deutsche AM erinnert an eine Wahlkampfaussage Trumps aus dem Mai: „Schauen Sie, alles was ich heute sage – ich bin nicht der Präsident. Alles sind nur Vorschläge. (…) Ich bin total flexibel, bei vielen, vielen Themen, und glaube, das muss man auch sein.”

          EUR/USD

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          Dies ist die positive Seite des „unbeschriebenen Blattes“: Alles kann auch anders kommen. Da die Republikaner auch ihre Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus erfolgreich verteidigen konnten, sei auch möglich dass am Ende eine mehr oder weniger konventionelle republikanische Politik herauskomme, sagt Kreuzkamp. Bei Themen wie Bürokratieabbau, Unternehmenssteuerreform und niedrigeren Steuern sei Trump auf einer Linie mit der republikanischen Führung im Kongress.

          Allerdings gibt es auch die andere Seite des „unbeschriebenen Blattes“ – Was will Trump, wenn er nicht auf der Kongresslinie agiert? Indes kann der neue Präsident auch nicht freihändig agieren. „Er wird sich Mehrheiten suchen müssen“, sagt Bruns.

          Gerade für seine restriktive Haltung gegenüber dem Freihandel, brauche Trump die Zustimmung des Senats und des Repräsentantenhaus, schreibt die VP-Bank. Dies gelte auch für die Kündigung von Freihandelsabkommen oder einen Austritt aus der Nato. Trump werde wohl seinen Kurs mäßigen müssen.

          Gold

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          Gold-Plus schmilzt

          Auch wenn die Börsen Unsicherheit eigentlich nicht mögen, reagieren die Märkte eher verhalten. „Es ist viel gemütlicher als angemessen“, formuliert es Bruns, der aber noch die Reaktion der Wall Street am Nachmittag abwarten möchte. „Die Blaupause ist der Brexit. Auch da hatten wir ein überraschendes Ergebnis. Zwei Tage lang waren die Börsen schwierig. Dann setzte sich die Auffassung durch, dass wir eher fallende Zinsen bekommen und das hat die Märkte beruhigt.“ Eine Parallele sei möglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank Federal Reserve im Dezember die Zinsen erhöhe, sei angesichts der Unsicherheit über den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs jedenfalls geringer geworden.

          Die Unsicherheit ließ sich zunächst am deutlichsten am Goldpreis ablesen. Dieser legt zwischenzeitlich bis zu fünf Prozent zu. Von einer Fluchtbewegung zu sprechen wäre zwar etwas übertrieben, aber das denken „Sicher ist sicher“ war durchaus erkennbar. Ob sich Gold dafür eignet, ist zwar heftig umstritten und es gibt auch einige strukturellen Schwächen am Goldmarkt. Am Nachmittag allerdings gingen die Kursgewinne zurück und letztlich blieb nur noch ein kleines Plus von 0,8 Prozent übrig.

          USD/MXN

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          Scharfe Reaktionen gab es indes in einigen Teilgebieten des Kapitalmarkts, vor allem aus den Schwellenmärkten. Peter Hensman, Stratege bei der zu BNY Mellon gehörenden Investmentboutique Newton, zeigt sich wenig überrascht. „Die Welt sich nun auf einen stärker ‚insular‘ denkenden amerikanischen Präsidenten einstellen. Es scheint wahrscheinlich, dass der Dollar zu den Schwellenländerwährungen aufwertet, da das amerikanischen Kapital nun aus dem Rest der Welt zurückgezogen wird.“

          Am härtesten traf es Mexiko, das während des Wahlkampfs fast dauernd im Fadenkreuz trumpscher Entgleisungen stand. Um 8 Prozent wertete die Landeswährung Peso gegenüber dem Dollar ab und kehrte dabei schon wieder von den Tiefständen zurück. Knapp 20 Peso werden für den Dollar bezahlt, so viel wie seit der Peso-Krise in den frühen Neunziger Jahren nicht mehr.

          NIKKEI

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          Claudia Calich, Managerin eines Schwellenländeranleihenfonds bei der britischen Gesellschaft M&G gibt sich dennoch entspannt. Die Risiken seien schon eingepreist. Mexiko habe zwar gelitten und auch Zentralamerika könnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Falls Trump tatsächlich alle illegalen Einwanderer ausweisen lasse, so fielen deren Überweisungen in ihre Herkunftsländer weg – mit starken Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft. In Honduras etwa machten diese mehr als ein Siebtel des Bruttoinlandsprodukts aus.

          Doch es gebe auch Chancen. Eher abgeschottete Volkswirtschaften mit vergleichsweise niedrigen Handels- und Einwanderungsverbindungen zu den Vereinigten Staaten, wie etwa Indien und Brasilien, dürften weniger getroffen werden. Und die Länder Osteuropas seien viel stärker von Europa abhängig als von Amerika.

          Dollar dürfte gegen Leitwährungen abwerten

          Anders dürfte das Verhältnis zwischen dem Dollar und Euro, Yen oder Franken werden Da Hensman wie viele nicht mehr mit einer Zinserhöhung im Dezember rechnet, geht er von einer Abwertung des Dollar gegenüber den anderen Leitwährungen aus. Insbesondere der japanische Yen könnte von einer Flucht in sichere Häfen profitieren. Dieser wertete am Mittwoch schon deutlich auf. Doch auch diese Aufwertung hielt nicht. Zum Tagesende wurden mit knapp 105 Yen für den Dollar so viel bezahlt wie vor der Wahlentscheidung.

          Auch die Kurse japanischer Aktien fielen. Doch dass dies eher weniger den Sorgen um die künftige Handelspolitik geschuldet ist, zeigte sich darin, dass das Kursminus etwa von Toyota und Honda an den Auslandsbörsen nicht auf Dauer nachvollzogen wurde. Die vorübergehend deutliche Aufwertung des Yen war dann wohl der wesentlichere Grund, warum der japanische Nikkei-Aktienindex am Mittwoch um mehr als fünf Prozent gefallen ist.

          „Fondsmanager und Analysten müssen jetzt sortieren, wo mögliche Gewinner und Verlierer sind“, sagt Bruns und gibt einige Hinweise. Amerikanische Rüstungs- und Waffenhersteller etwa dürften gefragt sein. Tatsächlich legten Smith & Wesson und Sturm Ruger zunächst mehr als 5 Prozent zu. Am Nachmittag jedoch fielen die Kurse in Amerika mit mehr als zehn Prozent ins Minus. Grund dürfte gerade die vermutete künftig laxe Waffenpolitik sein. Jede drohende Verschärfung der Waffengesetze hatte den Herstellern Extra-Umsätze gebracht. Mit denen dürfte es jetzt vorbei sein.

          Dagegen ist die Aktie des Rüstungsunternehmens Northrop Grumman mit einem Plus von knapp sechs Prozent stärker gefragt als dies noch am Vormittag in Europa der Fall war.

          Boeing dagegen notieren mit einem Plus von 2,7 Prozent wenig verändert. „Boeing ist ein amerikanischer Exportstar“, sagt Bruns. „Gut möglich, dass am Ende gar Airbus mehr profitiert.“

          Jim Leaviss, Leiter des Rententeams bei M&G, erwartet am amerikanischen Anleihenmarkt eine steilere Zinskurve, also Kursrückgänge bei länger laufenden Anleihen. Er vergleicht Trumps voraussichtliche Politik mit Ronald Reagans erster Amtszeit. Trump werde wohl Konjunkturanreize durch Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen geben und damit dürfte die Staatsverschuldung mittelfristig steigen.

          Auf der anderen Seite liege ein großer Teil der amerikanischen Anleihen in Ländern, über die Trump unfreundliche Aussagen getätigt habe. Schon in den vergangenen sechs Monaten hätten ausländische Investoren, vor allem aus China, amerikanische Staatsanleihen verkauft.

          Nicht nur abwarten

          Leaviss versucht zu dem über Trump hinauszuschauen. „Da es für die meisten Industrienationen der Welt seit der großen Finanzkrise kein Einkommenswachstum gab werden die etablierten Parteien und ihre Kandidaten in den Wahlen heftig abgestraft. Diese Entwicklung endet nicht mit den amerikanischen Wahlen.“ Er verweist auf das Verfassungsreferendum in Italien und stellt die Frage, ob im kommenden Jahr die neue französische Präsidentin vielleicht Marine Le Pen heißen könnte.

          65 Prozent der Eltern in den G7-Ländern glaubten, dass es ihren Kindern einmal schlechter gehen werde als ihnen selbst. Er hält es daher für möglich, dass die Wahl der vergangenen Nacht das Ende des weltweiten Sparkurses einläutet – mit entsprechenden Konsequenzen für Staatsanleihen.

          Bruns rät nicht dazu, nicht einfach abzuwarten, sondern auch über Chancen nachzudenken. „In Krisen lohnt es sich zu kaufen, um die langfristigen Vorteil der Aktienanlage zu nutzen. Es gibt zudem Aktien, bei denen nicht einzusehen ist, wieso sie unter dem Wahlergebnis leiden sollten.“

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