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Börse nach dem Brexit : Warum der Londoner Aktienindex trotz Brexit steigt

Die Börse trotzt dem Brexit. Bild: AFP

Der Brexit hinterlässt am Aktienmarkt Gewinner und Verlierer. Fluggesellschaften und Banken sind hart getroffen, während der FTSE 100 zulegt. Ökonomen warnen vor den Risiken des EU-Austritts.

          Ist der Brexit halb so schlimm? Der Leitindex des Londoner Aktienmarkts FTSE 100 legt jedenfalls diesen Schluss nahe: Am Donnerstag vorletzter Woche haben die Briten über den Austritt aus der EU abgestimmt. Das am nächsten Tag veröffentlichte Ergebnis erwischte den Großteil der Anleger auf dem falschen Fuß, denn sie hatten nicht mit einer Mehrheit für den Brexit gerechnet.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um rund 6 Prozent sackte der FTSE 100 daraufhin ab. Doch das Verblüffende: Mittlerweile hat der „Footsie“ die schweren Verluste mehr als wettgemacht und notiert nur anderthalb Wochen nach dem Brexit-Schock um gut 3 Prozent höher als vor dem Referendum. Wie kann das sein? Schließlich hat die große Mehrheit der Wirtschaftsfachleute vor dem Referendum vor den Risiken des Brexits gewarnt – und auch heute noch halten die meisten Ökonomen den britischen EU-Austritt für ein gefährliches Abenteuer.

          Unverhoffte Schnäppchenpreise

          Der Aktienmarkt in London und die düsteren Wirtschaftsprognosen für Großbritannien – sie scheinen nicht zusammenzupassen. Teilweise erklärt sich der Widerspruch aber auch mit der Zusammensetzung des Leitindexes: Zum FTSE 100 gehören viele große Börsenwerte, die ihr Geld vor allem im Ausland verdienen und deshalb von der Entwicklung am Heimatmarkt kaum abhängig sind. Ölkonzerne wie BP und Shell, der Bergbauriese BHP Billiton oder der Spirituosenhersteller Diageo zählen beispielsweise zu diesen international ausgerichteten Unternehmen. Mit anderen Worten: Der FTSE 100 bildet die wirtschaftliche Entwicklung in Großbritannien vergleichsweise schlecht ab.

          Der „breitere“ Schwesterindex FTSE 250 dagegen enthält mehr Unternehmen, die von der Binnenkonjunktur stärker abhängig sind. Dieser Index liegt seit dem Votum noch immer mit 7 Prozent im Minus. Der Brexit hat die Aktienkurse mancher britischer Unternehmen sogar nach oben getrieben: Die Notierung von BP ist seit dem Referendum um rund 15 Prozent gestiegen, der Kurs von Shell legte um gut 11 Prozent zu. Denn beide Konzerne machen ihr Geschäft vor allem im Ausland und bilanzieren außerdem nicht in Pfund, sondern in Dollar. Der befürchtete Wirtschaftsschaden nach dem Brexit würde sie also kaum treffen. Doch für ausländische Investoren am Londoner Aktienmarkt hat sich seit dem Referendum etwas entscheidendes geändert: Das Pfund hat zum Dollar um 11 Prozent und gegenüber dem Euro um 9 Prozent abgewertet.

          Aus Sicht ausländischer Anleger sind die in Pfund notierten Aktien der Ölkonzerne also praktisch über Nacht deutlich billiger geworden. Die unverhofften Schnäppchenpreise waren für viele Anleger Grund genug, sich mit den Aktien einzudecken, was die starken Kursgewinne erklärt. Ähnlich liegen die Dinge beim Spirituosenkonzern Diageo, dessen Aktienkurs seit dem Brexit-Referendum um gut 15 Prozent geklettert ist.

          Fluggesellschaften und Banken hart getroffen

          Für andere große Börsenwerte ist das Votum ein Desaster. Am härtesten trifft der Brexit zwei Branchen: Fluggesellschaften und Banken. Die Notierung der Billig-Airline Easyjet ist um 30 Prozent gefallen und die der British-Airways-Muttergesellschaft IAG ähnlich stark. Beide sind relativ stark von der britischen Binnenkonjunktur abhängig, zudem aber auch darauf angewiesen, dass sie weiter ungehinderten Zugang zum Luftverkehrsmarkt in der EU haben werden.

          Der freie Marktzugang ist aber für britische Fluggesellschaften seit dem Brexit-Votum keine Selbstverständlichkeit mehr. Die meisten Beobachter erwarten, dass die Verhandlungen über die künftigen Handelsbeziehungen mit der EU einige Jahre dauern werden. Für viele Investoren ist diese Hängepartie Grund genug dafür, jetzt die Aktien britischer Fluggesellschaften zu meiden.

          Ähnlich hart trifft der Brexit die britischen Banken, denn wenn die Wirtschaft auf der Insel nach dem Austrittsvotum, wie befürchtet, in eine Rezession rutschen sollte, drohen den Banken steigende Kreditausfälle. Die Aktienkurse von Barclays und Lloyds sind um rund ein Viertel gefallen, die ohnehin schon geschwächte Royal Bank of Scotland (RBS) verlor in den vergangenen anderthalb Wochen sogar gut ein Drittel ihres Werts. „Ein wirklicher Schlag“ sei der EU-Austritt für sein Institut, sagte RBS-Chef Ross McEwan am Montag. Die Bank ist während der Finanzkrise vor sieben Jahren nur knapp der Pleite entgangen. Die Rückprivatisierung der noch immer großteils staatseigenen RBS werde sich durch den Brexit um mehrere Jahre verzögern, erwartet McEwan.

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