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Wall Street : Wahljahre waren bisher immer gute Börsenjahre

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Kurz vor Wahlen wollen Politiker sich immer gut verkaufen. Sie tun deswegen alles, um die Wirtschaft brummen zu lassen. Das spricht für die US-Börse.

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          Wenn Anleger, Strategen oder Journalisten über die weitere Entwicklung an den Finanzmärkten schreiben, dann analysieren sie gelegentlich die Vergangenheit und versuchen die Ergebnisse auf die Gegenwart oder gar die Zukunft zu übertragen.

          Scarlet Fu von Bloomberg News hat das einmal getan - mit einem optimistischen Resultat: Sollte sich die Vergangenheit wiederholen, so dürfte die Aktienrally des laufenden Jahres noch eine Zeit lang anhalten, da US-Präsident George Bush sich den Weg für die Wiederwahl ebnen will. Denn bisher kann der S&P 500 seit dem Jahr 1927 in jedem dritten Jahr einer Präsidentschaftsperiode ein Plus von durchschnittlich 20 Prozent vorweisen. In diesem Jahr hat er bisher lediglich ein Prozent davon geschafft.

          Wahljahre sind nicht nur aus Zufall gute Börsenjahre

          Diese Entwicklung ist kein Zufall, argumentieren einige Marktteilnehmer. Denn die Regierung strengt sich jeweils im Jahr vor dem nächsten Wahlgang an, vorteilhaft dazustehen. „In den ersten zwei Jahren eines Wahlzyklus wird die bittere Medizin verabreicht, sodass kurz vor den Wahlen die Wirtschaft wieder läuft und das Vertrauen der Verbraucher wieder zunimmt“, sagt beispielsweise Mark Foster als Anlagestratege bei Kirr, Maybach & Co. So dürfte das Weise Haus auch in diesem Jahr alles tun, um ein viertes Jahr in Folge mit fallenden Kursen zu vermeiden. Das gab es noch nie seit der großen Depression. „Bushs Steuerpläne werden dabei sicher hilfreich sein“, argumentiert Foster.

          Auch Analysen von Ned Davis Research deuten in dieselbe Richtung. Es gibt Anzeichen dafür, dass wirtschaftliche Stimulationsprogramme zu Rallies an der Börse beitragen. Untersuchungen zeigen, dass sowohl die Geldmenge als auch die öffentlichen Ausgaben jeweils am Ende des zweiten Jahres einer Wahlperiode ihren Tiefpunkt erreichen und sich im dritten und dem Wahljahr erholen.

          Steuerpläne führen zu Fantasie

          So sehen viele Anleger in den Steuerplänen der Bushregierung einen Grund für steigende Börsen. Vor allem der Vorschlag, die Doppelbesteuerung der Dividenden zu beseitigen, könnte mehr Unternehmen wie Micosoft, Cisco oder Oracle dazu bewegen, Erträge auszuschütten. Diese steuerfreien Einkünfte würde dann mehr Anleger dazu verleiten, Aktien zu kaufen. So lautet die Hoffnung.

          Wie eine Umfrage zeigt, haben sich erst 44 Prozent der institutionellen Anleger richtig positioniert, um von einer Steuerreduktion auf Dividenden profitieren zu können. Das könnte darauf hindeuten, dass dieser Effekt noch nicht vollständig im Markt enthalten sein könnte, denkt beispielsweise Fondsmanagerin Valerie Sill von Boston & Co. Sie setzt auf Telekommunikationswerte wie Verizon Communications und auf Computerwerte, da die besonders von einem Anspringen der Investitionsausgaben und den tiefsten Zinsen seit 40 Jahren profitieren würden.

          „George Bush wird alles tun, um die Konjunktur in Schwung zu bringen und die Fehler seines Vaters zu vermeiden“, denkt Roger Mortimer von AIM Funds Management. Bush Senior hatte seine zweite Wahl auf Grund einer leichten Rezession und hoher Arbeitslosigkeit verloren. Bush Junior dagegen ist nicht nur auf Grund von Steuersenkungsplänen ins Amt gekommen, sondern seine jüngsten Pläne sind die dritten Steuersenkungsvorschläge innerhalb von zwei Jahren.

          Geopolitische Lage unterscheidet sich von früher

          „Was die aktuelle Lage allerdings von früheren unterscheidet, das ist die geopolitische Lage“, sagt Michael Sutton als Anlagestratege von Pilgrim & Baxter Associates. Diesmal könnten die USA in einen längeren Golfkonflikt verwickelt werden, während er im Jahr 1991 innerhalb von Monaten entschieden war. Auch Nord-Korea könnte eine Rolle spielen.

          Nichts desto Trotz geben sich einige Anleger optimistisch. Der „Präsidentschaftszyklus“ wird auch diesmal halten, weil es in deren Interesse liegt, die Sache „am Laufen zu halten“, denken sie. „Es hat in der Vergangenheit funktioniert und wird auch in der Zukunft funktionieren“, glaubt Mark Foster. „Solange wir wählen, wird es Anreize geben, den Wähler in Wahlzeiten mit guten Daten zu verwöhnen“, denkt er. Damit bleibt die Spannung erhalten.

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