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Wall Street : „Tanzen, solange die Musik spielt“

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Macht Platz für die Anleger Bild: AP

Technische Kommentatoren fühlen sich an das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ erinnert, wenn sie an die Wall Street schauen. Anleger sicherten sich schon mal einen Sitzplatz für den Fall, dass die Musik zu spielen aufhört.

          Überreichlich fließende Liquidität treibt an der Wall Street die Indizes wie den Standard & Poor’s 500 (S&P 500) auf immer neue Rekordhöhen. Rückschläge dauern nach wie vor nicht lange, und sie verlaufen flach. Für viele Anleger scheint die Devise zu lauten: „Tanzen, solange die Musik spielt!“ Wer von ihnen das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ kennt und seinen Ablauf auf die Wall Street zu übertragen weiß, sichert sich aber schon mal seinen Sitzplatz, um nicht auf verlorenem Posten zu stehen, wenn die Musik schlagartig aufhört. Mehr oder minder bildreich findet sich diese Analogie in Betrachtungen jener technisch orientierten Analysten und Strategen, die über den Tellerrand hinauszublicken versuchen und neben den vermeintlichen Chancen vor allem die wachsenden Risiken aufzeigen.

          MacNeil Curry, technischer Stratege bei Bank of America Merrill Lynch, betrachtet den Anstieg des S&P 500 auf neue Rekordhöhen als Bestätigung dafür, dass sich der Haussezyklus fortsetzt. Im Rahmen des bis zum 12. November zurückverfolgenden charttechnischen Aufwärtstrendkanals steckt er als nächstes Ziel für den Index die Marke von 1630 Punkten. Ein Unterschreiten des Bereichs von 1575 Zählern würde nur eine Pause innerhalb des Anstiegs bedeuten. Sollte die Zone zwischen 1550 und 1558 Punkten verletzt werden, wäre die gesamte Aufwärtsbewegung beschädigt, erklärt Curry. Unter mittelfristigen Aspekten hätte sich ein Gipfel gebildet, wenn der Bereich von 1537 Zählern unterschritten würde. In diesem Fall wären die Baissiers wieder am Zug.

          Wie eine Droge

          Albert Edwards, stets auch technische Aspekte beachtender Stratege bei Société Générale, hatte in der vorletzten Woche seine seit langer Zeit stehende Prognose bekräftigt, der S&P 500 werde vor dem Ende der bis ins Jahr 2000 zurückreichenden säkularen Baisse auf 450 Punkte fallen. Kürzlich hat er seine Prognose noch einmal eingehender untermauert. In den zurückliegenden 15 Jahren hätten sich die meisten Anleger geweigert, darüber nachzudenken, dass sich die Ereignisse in Amerika und in Europa ähnlich entwickeln könnten wie in Japan. Doch die jüngsten Inflationsdaten müssten seiner Meinung nach endlich ein Umdenken erzwingen. Der „Westen“ sei nämlich nur noch eine kurze Rezession von einer eindeutigen Deflation nach japanischem Vorbild entfernt. Ebenso weigerten sich die meisten Anleger zu glauben, dass die Aktienkurse angesichts einer so lockeren Geldpolitik in Amerika und im Euroraum erheblich fallen könnten. „Sie liegen falsch“, erklärt Edwards lapidar.

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          Die vergiftende Potenz der praktisch unbegrenzten quantitativen Lockerung der Geldpolitik (QE) wirke wie eine Droge auf die Anleger. Sie glaubten, sie müssten an dem von Liquidität entfachten Börsenrausch teilnehmen. Edwards sieht Parallelen zwischen 2007 und der gegenwärtigen Lage. Seinerzeit habe auch alle Welt an immer weiter steigende Aktienkurse geglaubt, weil reichlich Liquidität vorhanden gewesen sei. Doch als sich die Wirtschaftstätigkeit verschlechtert hat und das allgemeine Preisniveau gesunken ist, habe sich die Liquidität plötzlich verflüchtigt, und die Aktienkurse hätten eine steile Talfahrt angetreten. Dies werde sich jetzt wiederholen, falls eine von Deflation geprägte Rezession einträte.

          „Sell in May and go away“

          Und die Frage, wohin die durch weitere QE-Programme angebotene Liquidität dann wohl strömen werde, ist nach Edwards leicht zu beantworten: „In die bereits grotesk überteuerten Staatsanleihen!“ Als er 2007 die Impotenz von Liquidität angesichts einer drohenden Rezession darlegte, habe sich der Kupferpreis ähnlich verhalten wie heute. Nun erteile das Metall abermals eine Frühwarnung. Sie laute, Liquidität werde die risikobehafteten Kapitalanlagen nicht retten. Es sei daher an der Zeit, aus Aktien auszusteigen, erklärt der Stratege.

          Walter Murphy, ein unabhängiger Techniker, erinnert daran, dass seit dem entscheidenden langjährigen Tief an der Wall Street von 1982 in jedem Jahr eine Korrektur der schweren Indizes von mindestens 5 Prozent eingetreten sei. Eine Ausnahme sei nur das Jahr 1995 gewesen. In den meisten der gut 40 Jahre hätten sich Rückschläge von mehr als 10 Prozent ereignet. Jetzt müsse beachtet werden, dass die Hausse nach der bekannten „Elliott Wave Theory“ nahe an ihrem Ende angelangt sein dürfte. Hinzu komme, dass die aufstrebende Dynamik des amerikanischen Aktienmarktes überzogene Ausmaße angenommen habe. Daneben herrsche ein exzessiver Optimismus an der Börse vor. Und nicht zuletzt gelte nun der alte Börsianerspruch „Sell in May and go away“. Dies alles deute darauf hin, dass sich an der Wall Street der beste Teil dieses Jahres seinem Ende zuneige, warnt Murphy.

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