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Wall Street : Höherer Verkaufsdruck

  • Aktualisiert am

Börsenhandel an der Wall Street Bild: AP/dpa

Die amerikanische Börse kommt aus der Flaute. Doch eine Tendenzwende wird nicht erwartet.

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          Der amerikanische Aktienmarkt scheint aus seiner Flaute herauszukommen, doch die Richtung, in der dies geschieht, dürfte vielen nicht gefallen. Technisch orientierte Analysten heben hervor, dass Versuche der weithin verfolgten Indizes, weiter nach oben vorzustoßen, mehrfach gescheitert sind. Sie zeigen sich wenig überrascht von der Heftigkeit der immer wieder eingetretenen, wenn auch bisher kurz verlaufenen Rückschläge. Für die Skeptiker ist dies ein Hinweis darauf, dass sich großer Verkaufsdruck aufgestaut hat, der bei anziehenden Kursen freigesetzt wird. Dies alles spielt sich in greifbarer Nähe der Rekordstände des Dow-Jones-Index für Industriewerte und des Standard & Poor’s 500 (S&P 500) ab.

          Es sei eher typisch, dass die Indizes in einer solchen Lage auf Widerstand stießen, heißt es. Doch sei es bedenklich, dass die aufstrebende Dynamik nachlasse, während die Stimmung unter den Börsianern exzessive Werte erreicht habe. Techniker diskutieren deshalb die Möglichkeit, dass sich der dritte entscheidende Gipfel seit 2000 bilden könnte.

          Reif für eine Pause

          Jeffrey Saut, Stratege bei Raymond James, vermutet, dass der Markt mehr als reif ist für eine Pause oder gar einen Rückschlag. Die Dauer des im Dezember entstandenen Aufschwungs nähere sich historischen Extremwerten. Er hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass ein bedeutender Gipfel erreicht sei oder bald erreicht werde. So weist er auf die Marktbreite, den täglich fortgeschriebenen und linear dargestellten Saldo von gestiegenen und gefallenen Aktien an der New York Stock Exchange, hin. Sie habe kürzlich ein Hoch verzeichnet. Aller Erfahrung nach liegt ein entscheidender Gipfel bei einer solchen Konstellation in weiterer Ferne. Daneben stellt Saut fest, dass sich die bedeutenden Indizes über ihrem gleitenden Durchschnitt von 50 und von 200 Tagen befinden und dass diese Mittelwerte weiter steigen. Auch dies sei ein positiven Zeichen. Nicht zuletzt erwähnt er die Aktie von Berkshire Hathaway, dessen Hauptaktionär der legendäre Warren Buffett ist. Dieses Papier, eine Art Blaupause für den gesamten amerikanischen Aktienmarkt, habe gerade ein Rekordhoch erreicht.

          Walter Murphy, ein unabhängiger Techniker, zeigt sich im Augenblick unschlüssig. Er diskutiert mehrere Möglichkeiten für die künftige Entwicklung des Marktes. Für ihn ist von Bedeutung, ob sich das Tief vom 4. Februar als Tief im Rahmen eines kurzfristigen Zyklus erweisen wird. Ferner blickt er beim S&P 500 auf die Marke von 1551 Punkten. Sollte sie eindeutig überschritten werden, wäre dies ein Hinweis darauf, dass sich die im Juni vergangenen Jahres angebrochene zyklische Aufwärtsbewegung fortsetze. Zuvor müsste der Index jedoch den bei etwa 1525 Zählern liegenden Widerstand überwinden, meint Murphy.

          Anleger wieder risikoscheuer

          MacNeil Curry, technischer Stratege bei der Bank of America Merrill Lynch, bekennt, dass der jüngste Aufschwung den S&P 500 unerwartet weit nach oben getragen hat. Dennoch bleibt er bei seiner Auffassung, dass der Index einen vorübergehenden Gipfel gebildet hat. Er dürfte ihn auf etwa 1490 Punkte und danach sogar in den Bereich zwischen 1457 und 1468 Zählern drücken. Curry glaubt Anzeichen zu erkennen, dass die Anleger wieder risikoscheuer werden. Er belegt dies mit der jüngsten Entwicklung des als hochspekulativ geltenden Shanghai Composite Index sowie mit der Schwäche des kanadischen Dollar und des britischen Pfunds gegenüber der amerikanischen Währung. Der Stratege vermutet angesichts des langfristigen Verlaufs dieser Märkte, dass dies der Beginn zunehmender Risikoscheu sein könnte.

          John Hussman, Gründer von Investmentfonds gleichen Namens, befasst sich mit dem großen Bild des amerikanischen Aktienmarktes und wiederholt seine schon häufiger dargestellten Argumente. Nach seinen Erkenntnissen, die auch technische Aspekte umfassen, gab es in der Geschichte der Wall Street nur eine Handvoll Situationen, die die gleichen gefährlichen Syndrome zeigten wie die gegenwärtige Lage. Im Einzelnen sei die Überbewertung des S&P 500, die er an dem von Shiller definierten Kurs- Gewinn-Verhältnis misst (S&P 500 dividiert durch den Zehnjahresdurchschnitt der inflationsbereinigten Unternehmensgewinne). Ferner sei der Index unter langfristigen Aspekten nach mehreren Kriterien „überkauft“. Daneben wiesen Stimmungsindikatoren eine exzessiv optimistische Haltung unter den Beratungsdiensten und Anlegern aus. Nicht zuletzt stiegen die Renditen zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen. Sie befänden sich derzeit auf einem höheren Niveau als noch vor sechs Monaten. Hussman legt dar, dass der Aktienmarkt bei früheren Konstellationen dieser Art vor ausgedehnten Schwächephasen stand. Konkret erwähnt er den November 1972, den August 1987, den März 2000, den Mai 2007 und den Januar 2011. Natürlich könne die gegenwärtige Situation auch ohne eine Baisse bereinigt werden, doch sei es gefährlich, auf eine solche Lösung zu vertrauen, meint Hussman.

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