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Ruhe vor dem Sturm? : Wall Street hat kaum Angst vor Donald Trump

  • -Aktualisiert am

Täglich unter Anspannung: Händler an der New Yorker Wall Street Bild: AP

Vor dem Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump herrscht an der Wall Street noch Gelassenheit. Diese könnte trügerisch sein.

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          Es sind unruhige Zeiten in Amerika. Drei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen spaltet der republikanische Kandidat Donald Trump seine Partei mit frauenfeindlichen Sprüchen, biedert sich bei Russland an, und wettert gegen Freihandel und Immigranten. Unterdessen werden Mitarbeiter der demokratischen Gegenkandidatin Hillary Clinton, die ohnehin wegen der Nutzung eines privaten E-Mail-Kontos während ihrer Zeit als Außenministerin unter Druck steht, das Opfer von Computerhackern. Dadurch wurden bezahlte Reden von Clinton bei der Investmentbank Goldman Sachs publik, deren Inhalt Clinton im Vorwahlkampf so stark gehütet hatte wie Donald Trump seine Steuererklärung. Clintons damaliger innerparteilicher Widersacher Bernie Sanders hatte ihr mit dem Argument, die ehemalige New Yorker Senatorin sei gegenüber der mächtigen Finanzbranche befangen, einen erbitterten Kampf geliefert.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          An den Aktienbörsen herrscht trotz der ungewöhnlich scharfen Töne zwischen den Kandidaten eine genauso ungewöhnliche Ruhe. Hillary Clinton liegt in den Umfragen deutlich vor Trump und wird an der Wall Street favorisiert, weil sie angesichts ihrer langen politischen Karriere als berechenbarer gilt als der New Yorker Immobilienunternehmer und Reality-TV-Star. Nach den ersten beiden Fernsehdebatten, in denen Clinton aus Sicht der Börsianer insgesamt eine bessere Figur gemacht hatte, waren die Aktienkurse gestiegen. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag deutscher Zeit treffen Clinton und Trump zum dritten und letzten TV-Duell zusammen.

          Auch der vielbeachtete Volatilitätsindex Vix, das „Angstbarometer“ der Wall Street, befindet sich trotz leichter Aufschläge in den vergangenen Wochen weiterhin auf niedrigen Niveau. Zuletzt lag der Index bei knapp 16 Punkten und damit unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.

          Der Volatilitätsindex der Chicagoer Optionsbörse CBOE bildet die Preise für Optionskontrakte ab mit denen sich Investoren gegen Kursverluste wegen unerwarteter Schwankungen im breitgefassten amerikanischen Aktienindex S&P 500 absichern können. Steigt der Vix, rechnen Investoren mit starken Kursausschlägen. Geht der Index zurück, rechnen Anleger mit Ruhe und Stabilität. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise des Jahres 2008, als die Aktienkurse extrem schwankten und Anleger den Zusammenbruch des Finanzsystems fürchteten, war der Vix bis auf mehr als 80 Punkte nach oben geschnellt.

          Risiko einer bösen Überraschung für die Börsen

          Inmitten dieser relativen Ruhe mehren sich nun Stimmen von Analysten, die vor einem möglichen Schock für die Wall Street warnen, falls Trump doch noch das Rennen machen sollte. „Es herrscht mir ein wenig zu viel Selbstzufriedenheit. Je näher wir den Wahlen kommen, desto stärker werden wahrscheinlich die Schwankungen“, meint Randy Frederick, Fachmann für Wertpapierhandel und Derivate beim Schwab Center for Financial Research gegenüber dem „Wall Street Journal.“ Frederick verweist auf die Reaktion der Finanzmärkte nach dem überraschenden Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union, der sogenannte Brexit. Der überwiegende Teil der Marktteilnehmer hatte darauf gesetzt, dass die Wähler bei dem Referendum im Juni mehrheitlich für einen Verbleib in der EU stimmen würden. Danach waren Aktienkurse weltweit gefallen und auch das britische Pfund hatte deutlich abgewertet. Der Vix war auf 26 Punkte geklettert. Der S&P 500 war in den beiden Tagen danach um 5 Prozent abgesackt. „Der Brexit war ein deutliches Warnsignal“, sagt Frederick. Den Investoren sei zwar klar gewesen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Austritts höher war als null. Aber sie hätten es unterschätzt und nur wenige hätten sich abgesichert.

          Auch Anand Omprakash, der in New York die Handelsstrategie für Aktien und Derivate bei der französischen Bank BNP verantwortet, hält das Preisniveau für die Absicherung gegen Volatilität für „extrem“ niedrig. „In der Vergangenheit gab es keine Wahlen, die ein derartiges Potential für Unsicherheit hatten. Investoren wissen, was sie mit Hillary Clinton erwartet, aber es gibt Sorgen, dass sie nicht gewinnen könnte“, sagt Omprakash.

          Das Risiko einer bösen Überraschung für die Börsen besteht möglicherweise darin, das die traditionellen Prognosemethoden für Wahlen im aktuellen Wahlkampf nicht mehr gelten. Schon der Aufstieg von Trump zum Präsidentschaftskandidaten hatte viele professionelle Beobachter überrascht. „Das sind ungewöhnliche Umstände, aber wir beobachten sie durch die gleichen Brillengläser“, gibt Tina Fordham zu bedenken, politische Analystin für die Citigroup mit Sitz in London. „Was ist, wenn alles falsch ist, weil die Gesellschaft, die Technologie oder die Methoden der Meinungsumfragen marginalisierte Wähler nicht auf eine Weise erfassen, wie es vielleicht früher der Fall war“, sagte Fordham der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen erinnerten sie an Wahlen in einem Entwicklungsland, in dem das Vertrauen in Regierung niedrig ist und Verschwörungstheorien weit verbreitet sind. Trump spricht auf seinen Veranstaltungen viele Wähler an, die sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen und suggerierte zuletzt, dass die Wahlen manipuliert sein könnten. Clinton hatte in den Vorwahlen mit einer Bewegung gegen Eliten in Wirtschaft und Politik zu kämpfen, an deren Spitze sich ihr Gegenkandidat Sanders gesetzt hatte.

          In Europa hält Draghi die Märkte ruhig

          Ähnlich wie in den Vereinigten Staaten zeigen sich auch die Anleger an den meisten europäischen Börsen derzeit ausgesprochen ruhig. Schon seit Anfang August hält sich der Deutsche Aktienindex mit wenigen Ausnahmen in dem Raum zwischen 10.500 und 10.750 Punkten – größere Schwankungen hat es zuletzt kaum gegeben. Normalerweise sind solche ruhigen Zeiten ein Zeichen dafür, dass die Anleger keine größeren Unwägbarkeiten am Horizont sehen. Und das, obwohl es doch mehrere Gründe für Unsicherheit gäbe: Vor allem politische Unwägbarkeiten wie den Brexit, die wachsenden Spannungen mit Russland oder die Krise vieler Großbanken. Doch auch an den europäischen Börsen stehen die sogenannten Angstbarometer auf außerordentlich niedrigem Niveau. Der V-Dax, der die Schwankungen im wichtigsten deutschen Aktienindex misst, hält sich seit dem letzten großen Ausschlag rund um das Brexit-Votum auf dem Niveau von 20 Punkten – die Schwankungen in dem Index sind also so niedrig wie zuletzt im Frühjahr 2015. Ähnlich sieht das Bild in dem europäischen Pendant, dem V-Stoxx aus. Für Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors, spricht das Bild eine klare Sprache: „Die Investoren haben sich einlullen lassen von der Geldpolitik.“ Über Jahre haben sie sich an das günstige Geld von den Zentralbanken gewöhnt. Und nicht zuletzt die klare Absage des EZB-Präsidenten Mario Draghi an einen baldigen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik bestärkt die Anleger in dem Glauben, dass das billige Geld noch lange an den Märkten bleibe. Auch Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, hält nach Draghis entschiedenem Dementi entsprechender Gerüchte eine Verlängerung der Anleihekäufe der EZB über den März 2017 hinaus für wahrscheinlich. Doch nicht nur die Aussagen der Europäischen Zentralbank bestimmen das Marktgeschehen auf dem Kontinent. In der Regel ähnelt sich das Ausmaß von Kursschwankungen an den Börsen diesseits und jenseits des Atlantiks ohnehin. So nennen auch deutsche Marktbeobachter die Wahl in Amerika und die anstehende Zinsentscheidung der Fed als Gründe für die abwartende Haltung. Hofrichter sieht die geringen Schwankungen an den Aktienmärkten als Warnsignal. Denn in Zeiten niedriger Schwankungen gingen die Investoren exzessive Risiken ein und neigten dazu, alle das Gleiche zu machen. Wenn es dann doch einmal zu einer Zinswende komme oder andere negative Nachrichten zu einem Stimmungswandel führen sollten, dürften die Ausschläge an den Märkten heftig sein.

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