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Wall Street : Erholung könnte sich bald fortsetzen

  • Aktualisiert am

Wohin gehen die Kurse? Bild: AFP

Es ist viel Hoffnung zu spüren in New York - doch könnte gerade darin das Problem liegen. Einige technische Analysten rechnen mit einem weiteren Aufschwung an der Wall Street, auch wenn die Baisse noch nicht ausgestanden ist.

          3 Min.

          An der Wall Street ist der Anfang März entstandene Aufschwung am Montag zunächst einmal zu Ende gegangen. Doch es könnte nach der nun ausgelösten Korrektur schon bald ein weiterer Aufschwung folgen. Sein Verlauf, so meinen technisch orientierte Analysten, wird endgültig darüber entscheiden, wie es weitergeht. Hier trennen sich die Ansichten der Techniker. Während die einen gute Chancen sehen, dass die nach sechs Wochen nur unterbrochene Aufwärtsbewegung wiederauflebt und zu neuen zyklischen Hochs führt, argwöhnen die anderen, dass sich die zugrundeliegende Baisse nach einem kurzen Erholungsversuch fortsetzt.

          Viel ist in den vergangenen Wochen über den Charakter des jüngsten Aufschwungs diskutiert worden. Immerhin gab es seit Juli 1938 keine Phase mehr, in der der Dow-Jones-Index für Industriewerte innerhalb von sechs Wochen so stark gestiegen ist wie zuletzt. Über die Qualität dieser Aufwärtsbewegung hat der Präsident der New York Stock Exchange ein für die Optimisten verheerendes Urteil gefällt: Hinter ihr habe kein seriöses Kaufinteresse gestanden. Er muss es wissen, denn niemand hat so tiefe Einblicke in das Geschehen an der größten Börse dieser Welt wie er. Daraus folgt, dass der Aufschwung überwiegend eine Kombination von Eindeckungen der Baissiers durch Gegengeschäfte (Käufe) und neuen Engagements sehr kurzfristig orientierter Akteure gewesen sein muss. Dies sind typische Merkmale einer Zwischenerholung im Rahmen einer fortschreitenden Baisse. Hierzu hat Michael Hartnett, ein Stratege von Bank of America Securities-Merrill Lynch, dieser Tage bemerkt, ein solcher Aufschwung ende gewöhnlich, wenn niemand mehr von einer Zwischenerholung, sondern vom Beginn einer neuen Hausse spreche. Dieser Meinungsumschwung habe zuletzt festgestellt werden können.

          Das Problem liegt in der Hoffnung

          Der Rest der zuletzt aufgetretenen Käufer dürfte aus jenen bestanden haben, die in der Hoffnung auf bessere konjunkturelle Zeiten eingestiegen sind. Hierzu erklärt Albert Edwards, ein Stratege von Société Générale, derzeit sei viel Hoffnung zu spüren, doch gerade darin liege das Problem. Er zitiert Richard Russell, den herausragenden zeitgenössischen Vertreter der Dow Theory, mit der Bemerkung, Hoffnung sei ein bedeutendes Hindernis für den Erfolg bei der Kapitalanlage. Der Mensch sei von seiner Natur her optimistisch, und das zeuge auch von einer gesunden Geistesverfassung.

          Doch an der Börse funktioniere Optimismus letztlich nicht, denn er sei eher eine Hürde als eine Hilfe. Edwards selbst vermutet, dass der schlimmste Teil des Baissezyklus noch bevorsteht. Er hält an seiner schon vor Jahren gestellten Prognose fest, dass der Standard & Poor's 500 Index (S&P 500) auf bis zu 500 Punkte fallen könnte. Der Stratege meint, die Anleger verwechselten die in diesen Tagen so oft als Synonym für bessere Zeiten zitierten "grünen Sprösslinge" mit Unkraut. Er vermisst noch immer helle Verzweiflung und schließlich offene Abscheu der Anleger vor Aktien als die entscheidenden Ingredienzien für das wahre Ende dieser Baisse.

          Amerikanischer Aktienmarkt in jahrelanger Baisse?

          Jeffrey Saut, einer der Strategen von Raymond James, zeigt sich wenigstens auf mittlere Sicht sehr zurückhaltend. Zunächst aber hält er es für sehr unwahrscheinlich, dass der amerikanische Aktienmarkt nun unmittelbar wieder zum freien Fall übergeht. Es habe in der Börsengeschichte bisher kein Beispiel dafür gegeben, dass ein bedeutender Index nach einer Erholung von sechs Wochen sogleich auf neue zyklische Tiefs gesunken sei. Nach drei, sechs oder sogar neun Monaten sei dies gewiss immer wieder geschehen, aber nicht nach nur sechs Wochen. Folglich erwartet er nun nach höchstens sieben Börsentagen einen weiteren Aufschwung, der sogar auf neue zyklische Hochs führen könne. Dann aber würde sich unter kurzfristigen Aspekten wohl eine neue Verkaufsgelegenheit ergeben, vermutet Saut.

          Louise Yamada, eine weithin beachtete unabhängige Technikerin, vertritt die These, dass sich der amerikanische Aktienmarkt in einer jahrelangen Baisse befindet. Doch dies schließt ihrer Ansicht nach zwischenzeitliche Gegenbewegungen nicht aus. Eine solche hat sie bei den Technologiewerten ausgemacht. Sie zeichneten sich nun unter mittelfristigen Aspekten durch "relative Stärke" aus, stiegen also bei allgemein anziehenden Kursen überdurchschnittlich und fielen bei insgesamt sinkenden Kursen unterdurchschnittlich. Yamada stellt zudem fest, dass der Bereich Informationstechnologie (IT) inzwischen mit einer Gewichtung von 18 Prozent der stärkste unter den zehn bedeutenden Sektoren im S&P 500 sei. Indikatoren zur wöchentlichen Dynamik hätten für diese Gruppe jetzt ein Kaufsignal erteilt. In unmittelbarer Zukunft sei hier zwar eine Konsolidierung zu erwarten, doch könnten sich ihrer Meinung nach bei Rückschlägen günstige Kaufgelegenheiten für attraktive Aktien dieses Sektors ergeben.

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