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Wall Street : Ein Drittel der Konzerne verfehlt die Prognose

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Berichtssaison amerikanischer Aktiengesellschaften für das vierte Quartal fällt miserabel aus. Die anhaltende Rezession lässt die Gewinne förmlich schmelzen. Abermals führen Banken die Verliererliste an - nur JP Morgan schreibt schwarze Zahlen.

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          An der Wall Street verdüstert sich der Ausblick zur Halbzeit der Berichtssaison für das vierte Quartal immer mehr. Tag für Tag festigt sich die Erkenntnis, dass die ursprünglichen Prognosen der Analysten viel zu optimistisch waren und die Gewinne der Unternehmen wegen der anhaltenden Rezession dramatisch schrumpfen. Ein Drittel der im Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen verfehlte bisher die Prognosen - deutlich mehr als sonst.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Mittlerweile erwarten Analysten nach Angaben des Finanzinformationsdienstes Thomson Reuters für das vierte Quartal im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang der operativen Gewinne im S&P 500 um 35,2 Prozent. Allein in der vergangenen Woche waren die Gesamtprognosen unter anderem wegen der Verluste der Großbank Wells Fargo sowie mehrerer Regionalbanken um 7 Prozentpunkte gefallen. Am Anfang des Jahres hatten die Auguren noch mit einem deutlich geringeren Rückgang der Quartalsgewinne um 1,2 Prozent kalkuliert. Und im vergangenen Oktober hatten sie ein Wachstum von fast 47 Prozent erhofft.

          Der Dow Jones auf seinem schlechtesten Stand

          Rund zwei Fünftel der im S&P 500 und zwei Drittel der 30 im Dow-Jones-Index vertretenen Unternehmen haben bisher ihre Ergebnisse veröffentlicht. Unternehmensgewinne spielen langfristig eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Aktienkurse, weil Aktien Anteile an Unternehmen verbriefen.

          Im Dezember hatten sich die Aktienkurse trotz nachlassender Gewinnerwartungen zunächst vom scharfen Kurseinbruch der zweiten Novemberhälfte erholt. In den vergangenen Wochen sorgte die Flut schlechter Quartalszahlen jedoch abermals für Unsicherheit an der Börse. Der S&P 500 sackte im Januar um 8,6 Prozent ab. Der Dow Jones verlor sogar einen Prozentpunkt mehr. Das war der schwächste Januar in der Geschichte dieser Marktbarometer. Analysten reduzierten auch ihre Prognosen für die kommenden Quartale. Für das erste und das zweite Quartal kalkulieren die Auguren derzeit mit einem Gewinnrückgang im S&P 500 um jeweils mehr als 20 Prozent.

          Der Januar setzt den Jahrestrend

          „Die Leute sind einfach vorsichtig“, beschreibt Robert Baur, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Principal Global Investors, die Stimmung unter Anlegern. „Die haben sich oft verbrannt. Sie wollen nicht in ein weiteres Debakel investieren“, sagt Baur.

          Häufig ist die Kursentwicklung im Januar auch ein zuverlässiger Indikator für den weiteren Trend des Gesamtjahres. In 60 der vergangenen 80 Jahre ist der S&P 500 im Gesamtjahr den Vorgaben des Januar gefolgt, sagt Howard Silverblatt, Analyst beim Indexanbieter Standard & Poor's.

          Von den zehn Untergruppen des S&P 500 haben bisher nur Unternehmen aus drei weitgehend konjunkturunabhängigen Segmenten ihre Gewinne gesteigert: nichtzyklische Konsumwerte, Aktiengesellschaften aus dem Gesundheitswesen sowie Versorger. Aber selbst die wenig konjunktursensiblen Konsumwerte konnten sich dem konjunkturellen Abwärtstrend nicht völlig entziehen. So meldete Procter & Gamble, Hersteller von Pampers-Windeln und Ariel-Waschmittel, einen Gewinnrückgang um mehr als 7 Prozent. „Verbraucher hier und im Ausland stehen wegen der Schwäche im Häuser- und Finanzmarkt unter Druck“, hieß es bei Procter.

          Nur JP Morgan schreibt schwarze Zahlen

          Die anderen Untergruppen des S&P 500 verbuchten deutliche Einbußen - angeführt von Finanzwerten, zyklischen Konsumwerten und Grundstoffherstellern. Viel schlimmer als erwartet sind die Ergebnisse der Banken ausgefallen, die nicht nur von anhaltenden Verlusten im Hypotheken- und Wertpapiergeschäft, sondern auch von wachsenden Kreditausfällen belastet wurden. Auch das ist eine Folge der nachlassenden Konjunktur und der steigenden Arbeitslosigkeit. Unter den vier größten amerikanischen Banken schrieb nur JP Morgan Chase schwarze Zahlen. Auch eine ganze Reihe von Regionalbanken wie Capital One Financial, Fifth Third Bancorp, Keycorp oder Suntrust machten Verluste. Die meisten dieser Banken betätigten sich als Kreditgeber für Geschäftsimmobilien und Unternehmen, die nun unter der Rezession leiden.

          Für Finanzinstitute kalkulieren Analysten aktuell mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang um 549 Prozent. Die erwarteten Verluste summieren sich demnach auf 22,3 Milliarden Dollar. Im vierten Quartal 2007 hatten die Banken noch einen Gewinn von 5,2 Milliarden Dollar erwirtschaftet, schreibt Analyst John Butters von Thomson Reuters. Bei den zyklischen Konsumwerten (minus 70 Prozent) belastete besonders die Ertragsschwäche der Autohersteller und der Einzelhändler.

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