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Wall Street : Amerikanischen Standardwerten droht Abstieg

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Aktienkurs der Citigroup ist am Freitag zeitweise unter einen Dollar gefallen. Der Verbleib der Großbank im Leitindex Dow Jones steht damit in Frage. Anderen Standardwerten droht ein ähnliches Schicksal.

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          Am amerikanischen Aktienmarkt gab es in dieser Woche gleich mehrere Negativ-Rekorde. Große Standardwerte an der Wall Street befinden sich im Ausverkauf. Der Aktienkurs der Großbank Citigroup ist erstmals während einer Börsensitzung unter 1 Dollar gefallen. Aktien des großen Autoherstellers General Motors (GM) wechselten für weniger als 2 Dollar den Besitzer, auch das war eine Premiere. Zum Wochenschluss verzeichnete die Aktie der Citigroup Kursgewinne, während das GM-Papier weiter auf 1,74 Dollar nachgab. Der Leitindex Dow Jones drehte auch am Freitag nach freundlicher Eröffnung ins Minus und fiel in der Spitze um 0,8 Prozent auf 6543 Punkten und damit so tief wie zuletzt im April 1997. Vor einer Woche hatte der Dow mit 7063 Punkten geschlossen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Obwohl die Schwierigkeiten bei der nahezu verstaatlichten Citigroup und dem insolvenzgefährdeten GM seit langem bekannt sind, hat die symbolische Bedeutung der niedrigen Aktienkurse den allgemeinen Verkaufsdruck auf Aktien erhöht. „Zu sehen, wie die beiden Ikonen der amerikanischen Wirtschaft in die Knie gehen, verstärkt die Angst“, sagte Fondsmanager Matthew Kaufler vom Vermögensverwalter Federated Investors.

          Eine „Obama-Baisse“

          Die Schwäche von Citigroup und GM hatte am Donnerstag erneut zu starken Kursverlusten der amerikanischen Marktbarometer geführt. Es war das zwölfte Mal in den vergangenen fünfzehn Börsensitzungen, dass der Dow-Index mit einem Minus schloss. Seit Jahresanfang hat dieser Leitindex für Wall Street nun um 25 Prozent nachgegeben, seit dem Rekordhoch vom Oktober 2007 um mehr als 53 Prozent.

          Es ist zudem der schlechteste Jahresauftakt in der Geschichte des Index. Und es ist der schlechteste Auftakt für einen neuen Präsidenten seit mindestens 90 Jahren, berichtet der Finanzinformationsdienst „Bloomberg“. Seit dem Amtsantritt von Barack Obama am 20. Januar ist der Dow-Index um mehr als 20 Prozent gefallen. Fondsmanager sprechen bereits von einer „Obama-Baisse“.

          Der Aktienkurs der Citigroup, einer der größten Verlierer der Finanzkrise, hat seit dem Amtsantritt von Obama 71 Prozent eingebüßt. Die amerikanische Regierung hatte angesichts anhaltend hoher Verluste der Bank jüngst ihren Anteil an der Citigroup auf 36 Prozent ausgebaut. GM-Titel sackten im gleichen Zeitraum um 53 Prozent ab, weil der Konzern ohne staatliche Hilfe keine Überlebenschance zu haben scheint. Im am Donnerstag veröffentlichten Jahresbericht hatten die Wirtschaftsprüfer „substantielle Zweifel“ am Fortbestand des Autokonzerns geäußert.

          General Electric: Besorgnis über die Liquidität „übertrieben“

          Auch andere ehemalige Vorzeigeunternehmen stehen an der Börse unter Druck. Der Mischkonzern General Electric (GE) leidet unter einer Vertrauenskrise, weil Anleger hohe Verluste der Finanzsparte GE Capital und eine mögliche Abstufung der Bonität fürchten. Der Aktienkurs von GE war am Mittwoch zeitweise unter 6 Dollar gefallen. Das war das niedrigste Niveau seit 1991. Der Finanzchef des Konzerns sah sich genötigt, am Donnerstag die Besorgnis über die Liquidität der Finanzsparte im Wirtschaftsfernsehen als „übertrieben“ zurückzuweisen. GE ist wie Citigroup und GM eines von insgesamt 30 Mitgliedern im Dow-Index.

          Derart niedrige Aktienkurse sind für die Komponenten des „Dow“ eine Seltenheit. Seit 1970 haben nur insgesamt 14 Dow-Aktien zeitweise unter 10 Dollar notiert, berichten Fachleute. Aktuell sind es fünf Titel. Neben Citigroup, GM und GE sind auch die Aktienkurse des Aluminiumherstellers Alcoa und der Bank of America unter 10 Dollar gerutscht. Für die Entwicklung des Dow-Index spielen Aktienkurse eine besonders wichtige Rolle; denn für das Gewicht einer Aktie im Dow-Index ist die absolute Höhe des Aktienkurses entscheidend - und nicht die Marktkapitalisierung wie beim breitgefassten Marktbarometer S&P 500 und vielen anderen Indizes.

          Citigroup notiert unter 1 Dollar

          Ein Aktienkurs von 1 Dollar, den jetzt die Citigroup vorweist, gilt als absolute Mindestvoraussetzung, um an der Börse ernst genommen zu werden. Seit 1970 hat kein Mitglied des Dow-Index, der 30 amerikanische Standardwerte abbildet, unter dieser Marke notiert. Aktien, die mehr als 30 Tage hintereinander weniger als 1 Dollar wert waren, wurden bisher auch von der New Yorker Börse ausgeschlossen. Ende Februar hatte die New York Stock Exchange diese Regel angesichts der Baisse allerdings zunächst bis Ende Juni ausgesetzt.

          Ob Citigroup und GM im Dow-Index bleiben, steht auf einem anderen Blatt. Für die Zusammensetzung des Index gibt es keine klaren Regeln. Die Entscheidung darüber treffen die Chefredakteure der zum Dow-Jones-Konzern gehörenden Zeitung „Wall Street Journal“ und der Indexsparte. Erst im vergangenen Jahr war der Versicherungsriese American International Group (AIG) gegen den Nahrungsmittelhersteller Kraft ausgetauscht worden. AIG war im Zuge der Finanzkrise ebenfalls in Schieflage geraten und musste von der Regierung mit einem Rettungspaket in dreistelliger Milliarden-Dollar-Höhe vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Der Aktienkurs von AIG notiert ebenfalls unter 1 Dollar. „Wir beobachten die Situation genau“, sagte eine DowJones-Sprecherin.

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