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Volkswagen-Aktie : Der Wahnsinn geht weiter

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Die Volkswagen-Aktie schlägt Kapriolen an der Börse, derweil zwei Arbeiter in aller Ruhe ein VW-Zeichen in ein Kongresszentrum einsetzen Bild: ddp

Das gibt es selten: Die Kursausschläge in der Volkswagen-Aktie sorgen für einen offenen Schlagabtausch an der Börse. DWS-Chef Kaldemorgen kritisiert den VW-Aktionär Porsche und die Deutsche Börse. Doch letztere will nicht reagieren. Und die Aktie steigt in der Spitze auf mehr als 1000 Euro.

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          Der rasante Kursanstieg der VW-Aktie sorgt sogar unter den großen institutionellen Anlegern für riesigen Ärger. Nun erhebt auch Deutschlands größte Fondsgesellschaft DWS schwere Vorwürfe gegen Volkswagen-Hauptaktionär Porsche und fordert von der Deutschen Börse eine Änderung der Regeln für die Zusammensetzung des Dax.

          „Ich kritisiere heftig, dass ein Unternehmen wie Porsche in unverantwortlicher Art und Weise den VW-Kurs manipuliert“, sagte DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen der „Financial Times Deutschland“ (Dienstagausgabe). „Hier ist für andere Anleger nicht nachvollziehbar, was Porsche macht.“ Die DWS ist die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank.

          Die Börse lässt VW im Dax

          Die Deutsche Börse lehnt es bisher jedoch ab, auf die Kritik der großen Investoren zu reagieren und Volkswagen vorzeitig aus dem Dax zu nehmen. „Da muss man den Markt gewähren lassen“, sagte ein Sprecher der Börse am Dienstag. „Wir haben keine Rechtsverstöße beim Handel mit VW-Aktien festgestellt, es läuft alles nach den Regeln ab“, betonte er. Die Börse werde sich an ihr Regelwerk halten, wonach Änderungen im Index außer der Reihe nur bei einem Streubesitz von weniger als fünf Prozent möglich sind. „Sonst wird das genauso unberechenbar.“

          Volkswagen-Aktie : Der Wahnsinn geht weiter

          Das Hessische Wirtschaftsministerium als Börsenaufsicht sieht ebenfalls keinen Anlass einzugreifen: „Wir beobachten die Bewegungen, haben im Moment aber keinen Grund, davon auszugehen, dass der Börsenhandel nicht ordnungsgemäß ist“, sagte ein Sprecher.

          Dafür wird nun die Finanzaufsicht Bafin aktiv und nimmt den außerordentlich hohen Kursanstieg der Volkswagen-Aktie unter die Lupe. „Wir schauen uns den Handel mit VW-Papiere auf mögliche Anhaltspunkte für Insiderhandel oder Marktmanipulationen an“, sagte eine Sprecher der Behörde am Dienstag. Auf Basis dieser Untersuchung entscheide die Behörde, ob sie eine formelle Prüfung einleite. Die Analyse dauere aber noch einige Zeit. „In dieser Woche ist keine Entscheidung zu erwarten“, sagte die Sprecherin.

          Das teuerste Unternehmen der Welt

          Der Kurs der Volkswagen-Aktie war am Montag zeitweilig um mehr als 200 Prozent auf ein Rekordniveau von 635 Euro in die Höhe geschossen, nachdem Porsche am Wochenende weitere Details zur geplanten VW-Mehrheitsübernahme bekanntgegeben hatte. Analysten zufolge zwang die Mitteilung spekulativ orientierte Investoren, sich zu jedem Preis mit VW-Aktien einzudecken (VW zeigt die Risiken von Leerverkäufern). Die Aktie ging am Montag mit einem Kursgewinn von 147 Prozent beim Stand von 520 Euro aus dem Handel.

          Am Dienstag setzte sich das Kursfeuerwerk in der Volkswagen-Aktie fort. In der Spitze stieg der Kurs um 93 Prozent auf 1005,01 Euro und war damit zeitweise das teuerste Unternehmen der Welt. Die Aktie lag im weiteren Verlauf 80 Prozent im Plus bei 852 Euro. Die Kursexplosion gibt dem Wolfsburger Autobauer einen Marktwert von rund 260 Milliarden Euro - mehr als alle anderen europäischen und amerikanischen Autohersteller zusammen.

          Klarer Fall von Panikkäufen?

          „Das sind jetzt Panikkäufe als Folge unserer Mitteilung, klar“, sagte ein Porsche-Sprecher. „Wir gehen aber davon aus, dass sich der Markt beruhigt.“ Die Panik beruht darauf, dass die Porsche Automobil Holding SE am Sonntag in einer Mitteilung verdeutlicht hatte, dass sie selbst schon über 42,6 Prozent der Aktien verfügt und sich zudem 31,5 Prozent Optionen gesichert hat, insgesamt also mittelbaren Zugriff auf 74,1 Prozent der Aktien hat. Da das Land Niedersachsen auch 20,2 Prozent der VW-Stammaktien besitzt, bleiben nur 5,7 Prozent echter Streubesitz.

          Die Anleger hatten sich zuvor VW-Aktien geliehen und verkauft (Leerverkauf) in der Erwartung, dass der Kurs sinkt und sie die Papiere zu einem niedrigeren Preis kaufen und zurückgeben und damit einen Gewinn einstreichen können. Da die Porsche-Mitteilung den Kurs jedoch nach oben trieb, mussten sie unbedingt VW-Aktien kaufen, um den Verlust aus dieser Wette zu begrenzen. Damit kam eine Kettenreaktion in Gang, die den Kurs immer weiter in ungeahnte Höhen trieb. Der Kursanstieg fiel auch deswegen so stark aus, weil nur noch wenige VW-Aktien frei gehandelt können.

          „Viele wollen durch eine ganz schmale Tür“

          Nach Annahmen von Beobachtern sind rund 35 bis 40 Millionen Aktien, also rund 15 Prozent der VW-Stammaktien, für Leerverkäufe verliehen. „Da wollen ganz viele durch eine ganz schmale Tür“, charakterisiert der Porsche-Sprecher die Situation. Eine Beruhigung erwarte man bei dem Stuttgarter Sportwagenhersteller aber dadurch, dass einige Spekulanten nun darauf verzichten könnten, die Aktien wirklich zu kaufen, sondern stattdessen die Optionen auflösten und die so entstehenden Verluste realisierten.

          Eine solche Marktberuhigung erhofft sich Porsche aus durchaus eigennützigen Motiven. Zwar müssen die Stuttgarter, da sie Optionen zur Kurssicherung halten, nur einen sehr viel niedrigeren Preis für ihre VW-Aktien bezahlen. In der Porsche-Bilanz müssen die Aktien allerdings zum Börsenpreis verbucht werden. Das führt dazu, dass in der Porsche-Bilanz das VW-Paket deutlich höher bewertet wird, als es dem fundamentalen Wert entspricht. Später, wenn sich der Marktpreis tatsächlich wieder verringert hat, würde Porsche dann aber gezwungen sein, Abschreibungen auf das Paket vorzunehmen, die durchaus in Milliarden zu messen sein dürften - obwohl sich weder am eigenen Aufwand für den Aktienkauf noch am fundamentalen Wert des Aktienpakets etwas verändert hat.

          „Es kann auch nicht sein, dass ein Wert in einem angesehenen Index wie dem Dax aufgrund des geringen Streubesitzes an einem Tag um mehr als 100 Prozent steigt“, bemängelte Kaldemorgen. „Die Börse muss bei so einer außerordentlichen Gegebenheit agieren. Es ist höchste Zeit, dass sie ihre Indexregeln ändert“, forderte er. Kaldemorgen zufolge hinken am Dax orientierte Fonds der Entwicklung des Leitindex notwendig hinterher, weil sie einen Kauf von VW-Aktien zum aktuellen Kurs nicht verantworten können.

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