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Vermögensverwalter Bert Flossbach : Mit Leidenschaft Geld verdienen

Vermögensverwalter Bert Flossbach hat Finanzaktien noch nie getraut. Bild: Schoepal, Edgar

Bert Flossbach ist einer der besten Vermögensverwalter. Sein Leitspruch: Selbst der Vorsichtigste soll Aktien kaufen. Auf FAZ.net verrät er seine Favoriten.

          Der Nachtisch wurde längst gereicht, viele Gäste sind mittlerweile beim dritten Glas Rotwein, da nimmt Bert Flossbach noch einmal Fahrt auf: Springt auf die Bühne, blickt hinab in den vollbesetzten Saal - und beginnt zu dozieren: Über die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank. Über Cashflow-Ratios. Und dann über weitere Bewertungskennziffern.

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          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist richtig harte Kost, die der Chef der Kölner Vermögensverwaltung „Flossbach von Storch“ den Anwesenden zu vorgerückter Stunde serviert, und auch wenn der Raum voll mit Bankern und Fondsmanagern ist, darf man vermuten: Nach der Analyse von Firmenkennzahlen steht den meisten von ihnen jetzt wirklich nicht mehr der Sinn. Schon eher nach einem Absacker an der Bar.

          Kaum zu stoppen

          Nicht aber Flossbach. Leidenschaftlich erläutert er die Details seiner Anlagestrategie, es fallen englische Fachbegriffe wie Multiple und Asset Allocation, der Mann ist kaum zu stoppen. Auf einmal blickt er auf, schaut auf den kreisrunden Pokal in seiner Hand und lächelt. Da hat der Kölner Vermögensverwalter gerade eine der wichtigsten Auszeichnungen der deutschen Finanzbranche erhalten und hätte fast vergessen, sich darüber zu freuen. Der 51-Jährige wird als bester Geldverwalter in der Kategorie Mischfonds geehrt, es ist nicht die erste Trophäe in diesem Jahr. Und nicht die erste Dankesrede, bei der Flossbach sich in den Tiefen der Bilanzanalyse verliert.

          Der Vermögensverwalter, Markenzeichen Nickelbrille, mutet den Leuten gerne etwas zu. Er liebt das intellektuelle Kräftemessen zur Lage an den Börsen, fühlt sich herausgefordert, wenn an den Märkten allzu große Einigkeit herrscht. Als alle noch an die Rettung Griechenlands glaubten, war Flossbach längst ausgestiegen. Bankaktien, einst in den Augen vieler Marktteilnehmer ein todsicheres Investment, verbannte er schon ein Jahr vor Ausbruch der Lehman-Krise 2008 aus all seinen Depots. Von der eigenen Zunft lässt sich so einer nicht den Mund verbieten: Flossbach spricht gerne Klartext. Dass er damit vielen seiner Branchenkollegen gehörig auf den Geist geht, ist ihm egal. „Immer noch zieht die Finanzbranche zu viele Leute an, die einfach nur richtig viel Geld verdienen wollen“, sagt er dann und zeigt ein listiges Lächeln. „Da fehlt oft jede Leidenschaft für den Beruf.“

          Am Puls der Märkte

          Ihm selbst kann man die sicher nicht abstreiten: Der Mann tickt im Rhythmus der Märkte. Ohne einen Monitor der Nachrichtenagentur Bloomberg - der weltweit wichtigsten Quelle für Kursinformationen - fühlt sich Flossbach schnell unwohl. Euro, Dollar, Yen, Rohstoffpreise: Er braucht den ständigen Informationsfluss und interessiert sich selbst für die entlegensten Börsenplätze.

          Dies allein würde ihn noch nicht aus der Masse der Fondsmanager herausheben. Das Besondere an Flossbachs Vorgehensweise aber ist: Die Erkenntnisse, die er aus diesen Informationen gewinnt, führen bei ihm oft zu ganz anderen Schlussfolgerungen als bei seinen Konkurrenten. Der 51-Jährige ist ein Querdenker, der die eigenen Anlagegrundsätze ständig mit der Wirklichkeit abgleicht - und der bereit ist, sie radikal zu ändern, wenn sich die Wirklichkeit ändert.

          Kundengelder in Höhe von 8 Milliarden Euro

          So anstrengend das manchmal für Mitarbeiter und auch Kunden sein mag: Der Erfolg gibt dem Kölner, der seine Lehrjahre bei der Investmentbank Goldman Sachs verbracht hat, recht. Sein Top-Fonds FvS Multiple Opportunities ist in allen Ranglisten weit vorne, auch andere Fonds des Hauses schlagen sich sehr gut. Kundengelder in Höhe von 8 Milliarden Euro verwaltet die 1999 gegründete Gesellschaft mittlerweile, nur wenige Vermögensmanager in Deutschland steuern größere Summen. Kein Wunder, dass der Platz im Kölner Triangle-Turm direkt am Rhein allmählich knapp wird: Drei Etagen belegen die 75 Mitarbeiter dort, bald muss wohl eine vierte hinzukommen.

          Gewaltiges Wachstum inmitten der Euro-Krise - geht das nicht selbst dem Chef etwas zu schnell? „Die Erwartungen unserer Kunden sind hoch“, gibt Flossbach zu. Und natürlich weiß er: Mittlerweile steht seine Vermögensverwaltung im Rampenlicht - viele Konkurrenten warten nur darauf, dass den Kölnern ein größerer Fehler unterläuft.

          „Nie übermütig werden“

          Auszuschließen ist das natürlich nie: Aber richtig grobe Patzer sind dem Geldverwalter in seiner Karriere bislang nicht passiert. „Klug investieren heißt auch: Nie übermütig werden“, sagt Flossbach. „Man muss sich ständig erden.“ Klingt gut. Aber wie soll das bitte gehen, wenn man täglich mit Milliardenbeträgen jongliert? Wer Flossbach so fragt, erhält als Antwort darauf zwei Geschichten: Die eine ist gerade einmal zweieinhalb Jahre her, die andere rund dreißig Jahre.

          Im Frühjahr 2010 steigt Flossbach ins Flugzeug und macht das, was Vertreter der EU, des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank derzeit alle paar Monate machen - er fliegt nach Athen. Eine Ein-Mann-Troika, wenn man so will. Mit dem Unterschied, dass Griechenland damals noch nicht unter dem europäischen Rettungsschirm steht und viele Investoren weiter von der Zahlungsfähigkeit des Landes überzeugt sind. Der Vermögensverwalter aber will es genau wissen: Mehrere Tage streift er durch Athen, lässt sich von einheimischen Bekannten die Tricks der Steuerhinterziehung erklären, trifft Vertreter griechischer Banken, die die verheerenden Zahlungsbilanzstatistiken ihres Landes einfach leugnen - und ist sich am Ende sicher: Lange wird das nicht mehr gutgehen.

          Aktien sind ein Ausweg

          Der Griechenland-Trip ist charakteristisch für Flossbachs Arbeitsweise: Die Zahlen analysieren, sich selbst ein Bild machen und dann die Schlüsse daraus ziehen. In diesem Fall: „Staatsanleihen, gleich von welchem Emittenten, sind kein risikoloses Investment mehr.“ An die Konsequenzen dieses neuen Anlageprinzips hält sich der Vermögensverwalter eisern. Europäische Staatsanleihen spielen in seinen Fonds kaum noch eine Rolle. Und dem Analytiker Flossbach ist schon damals klar, welche weiterreichenden Folgen die schwierige Lage im Euroraum hat. „Ihrer Schuldenlast können sich die Staaten in Zukunft nur noch geräuschlos entledigen, wenn sie die Zinsen niedrig halten und gleichzeitig die Inflation zunimmt.“ Der Effekt: Am Ende verlieren Sparer nach Abzug der Teuerung Geld, der Staat aber entschuldet sich - Fachleute nennen das Finanzrepression. Genau die sieht Flossbach am Werk, seit die Europäische Zentralbank Staatsanleihen klammer Euroländer aufkauft.

          Daraus ergibt sich für den Vermögensverwalter zwingend ein zweiter neuer Anlagegrundsatz: Aktien sind in seinen Augen nicht mehr riskant, Aktien sind ein Ausweg - vor allem Dividendenpapiere von Lebensmittelproduzenten wie Nestlé. Dass die Titel zuletzt stark im Kurs zulegten, lässt er nicht gelten. „Anleihen werfen keine Erträge mehr ab, darum muss irgendwann selbst die vorsichtigste Pensionskasse in Aktien investieren“, argumentiert er. Und an erster Stelle stünden dann eben stabile Firmen wie Nestlé. Zur Absicherung gegen wirkliche Krisen empfiehlt Flossbach jedem Anleger außerdem Gold.

          Fehlt noch die zweite Geschichte, sie spielt Anfang der 80er Jahre: Damals studierte Flossbach in Köln BWL, frönte aber bereits seiner heutigen Leidenschaft. Nach den Vorlesungen traf er sich mit Kommilitonen im Investier-Club. Das Schöne daran: Der Bankenlehrstuhl stellte im Rahmen eines Feldversuchs echtes Geld zur Verfügung, die jungen Studenten konnten also richtig draufloszocken. Flossbach hatte schnell zwei Kumpane gefunden, die gemeinsam mit ihm einen Anlagestil durchsetzen wollten. Das Problem: Waren die drei mal eine Woche nicht da, verhagelten die anderen Mitglieder ihnen das Ergebnis. „Da habe ich gelernt: Ohne gemeinsames Weltbild kann Anlegen nicht funktionieren.“

          Die Gefahr zumindest besteht nicht mehr: Mit den beiden Kommilitonen von einst sitzt Flossbach heute im Vorstand seiner Vermögensverwaltung.

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