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Börsenweisheit : Verkaufen im Mai? Nur keine Eile!

Da freut sich der Bulle: Von einer Überhitzung sei der Aktienmarkt derzeit weit entfernt, sagen Fachleute. Bild: Claus Setzer

Nach Ansicht von Analysten spricht derzeit einiges für Aktienanlagen – und gegen eine immer wieder zitierte Börsenweisheit. Fünf Gründe haben besonderes Gewicht.

          Im Mai blüht und grünt es mit aller Macht. Vögel zwitschern um die Wette, Tiere sorgen für ihren Nachwuchs. An der Börse hingegen zeugt dieser Monat nicht von frühlingshafter Dynamik und Optimismus. Vielmehr scheint Vorsicht geboten, besagt doch die vielzitierte Börsenweisheit „Sell in May and go away“, Aktien genau dann erst einmal zu verkaufen. Doch die Aktienfachleute von JP Morgan Asset Management sehen mindestens fünf gute Gründe, genau dies nicht zu tun und stattdessen in Aktien investiert zu bleiben.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Zunächst einmal gebe es keine stichhaltigen Gründe dafür, weshalb der Markt in den Sommermonaten besonders schwach sein sollte, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege von JP Morgan Asset Management. Denn nicht nur die Börsenbullen, also die für steigende Kurse sorgenden Optimisten, verschwänden in den Sommerurlaub, sondern auch die pessimistischen Bären.

          Betrachte man zudem zum Beispiel die Entwicklung des S&P 500 in den vergangenen 40 Jahren, dann werde deutlich, dass der durchschnittliche Ertrag von Monat zu Monat stark schwanke, heißt es von der Fondsgesellschaft. Dieser Monatsertrag variiere im Durchschnitt zwischen 1,9 Prozent im November und minus 0,4 Prozent im September. Die Unterschiede zwischen den monatlichen Durchschnittswerten erschienen jedoch verschwindend gering. Rein statistisch gesehen bedeute dies, dass sie selten über Zufallsschwankungen hinausgingen.

          Deutliche Gewinnerholung im zweiten Halbjahr möglich

          Und selbst wenn die Daten, drittens, eine statistisch signifikante Regelmäßigkeit aufwiesen, besage eines der grundlegenden Konzepte der Finanzmarkttheorie, dass das Wissen über eine Regelmäßigkeit diese alsbald untergraben dürfte, sagt Galler. Wenn es also so eine gute Idee wäre, im Mai Aktien zu verkaufen, dann müssten die Märkte im Mai regelmäßig nachgeben. Würde dies aber zutreffen, dann wäre es strategisch weitaus klüger, die Aktien schon im April zu verkaufen – bevor die große Schwächephase beginne. Wenn die Anleger jedoch diesem Ratschlag massenweise folgten, dann würde die Schwächephase schon im April beginnen, sich also immer weiter nach vorne verschieben.

          Und viertens – hier geht es um das fundamentale Umfeld – gibt es nach Ansicht Gallers keinen Grund für die Annahme, dass man sich gerade im Sommer 2016 vom Markt fernhalten sollte. Denn im zweiten Halbjahr sollte es für die Unternehmen des S&P 500 zu einer deutlichen Gewinnerholung kommen, vorausgesetzt Ölpreis und Dollar blieben stabil.

          Mit einer Erholung dieser Gewinne rechnet zum Beispiel auch NN Investment Partners, vormals ING Investment Management. Die aktuelle Schwäche bereitet diesen Marktexperten eigenen Angaben zufolge keine Sorge, denn die Negativfaktoren des ersten Quartals würden allmählich schwinden. Dass die Aktienmärkte angesichts der uneinheitlichen Gewinnentwicklung und der vielfachen Unwägbarkeiten stagnierten, überrasche nicht. Doch die Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft seien in den vergangenen Monaten gesunken.

          Freilich geht es auch um die Alternativen. Eine wichtige Frage sei nicht zuletzt (und fünftens): Wo investiert man, wenn man nun der Börse den Rücken kehrt? sagt Galler. In einem stagnierenden Umfeld ließen extrem niedrige Anleiherenditen festverzinsliche Anlagen unattraktiv erscheinen – und in einem im Aufschwung befindlichen Umfeld riskant. Und der Wirtschaftsausblick scheine sich aufzuhellen. Es spreche also einiges dafür, in diesem Mai investiert zu bleiben.

          „Von einer Überhitzung sind Aktien also weit entfernt“

          Und was sagen andere Aktienexperten derzeit zum Markt? Richtig sei es, dass im langjährigen Durchschnitt Aktien in den Monaten Mai, Juni, August und September deutlich schlechter abgeschnitten hätten als in den übrigen Monaten, hat zum Beispiel die Helaba errechnet. Gerade für den Dax hätte sich damit eine Strategie ausgezahlt, die während dieser Phase auf Aktien verzichtet und stattdessen auf Liquidität gesetzt hätte.

          Was jedoch für den langfristigen Durchschnitt aller Jahre gelte, treffe bei weitem nicht für jedes einzelne Jahr zu, sagt Markus Reinwand, Aktienstratege der Helaba. In diesem Jahr stelle sich die Situation zudem völlig anders dar als im Vorjahr. Aktien seien trotz der Kurserholung der vergangenen Monate noch immer moderat bewertet. Im Vergleich zu Anleihen seien sie sogar ausgesprochen preiswert. Zudem seien die Anleger weiterhin eher zurückhaltend positioniert. „Von einer Überhitzung sind Aktien also weit entfernt“, sagt Reinwand. Angesichts der Erholungsanzeichen einiger wichtiger konjunktureller Frühindikatoren dürften sich zudem die Gewinnperspektiven im weiteren Jahresverlauf wieder verbessern. Es bestehe also derzeit kein Grund, sich von Aktien zu verabschieden.

          Bisher sind die ersten Maitage an der Börse auch recht unauffällig. Der Dax zeigt sich nach einem anfänglichen Kursrückgang in der Monatsbilanz kaum verändert. Seit Jahresbeginn liegt der Index gleichwohl noch fast 7 Prozent im Minus. Es wäre also noch einiges an frühlingshafter Luft nach oben da, um zumindest wieder bei null zu starten.

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