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Blitzabsturz von 2010 : Fall Sarao entfacht Debatte um Hochfrequenzhandel

  • Aktualisiert am

Journalisten warten am Mittwoch vor dem Westminster Magistrates Court auf den Beschuldigten Navinder Singh Sarao. Bild: dpa

Im Mai 2010 stürzt der S&P 500 ab, jetzt wird ein Aktienhändler verhaftet. Und im amerikanischen Senat wird über Risiken und Nebenwirkungen des Hochfrequenzhandels debattiert.

          Für Navinder Singh Sarao scheint es sich gelohnt zu haben. Der 36 Jahre alte Trader wird derzeit beschuldigt, den “Flash Crash” von 2010 ausgelöst zu haben. Am 6. Mai jenes Jahres brach der Kurs des amerikanischen Aktienindex S&P 500 für nur 12 Minuten deutlich ein. Ein Phänomen, das bis jetzt sehr viele, teils abenteuerliche Erklärungsversuche nach sich zog.

          Nun soll es also Sarao gewesen sein. Dieser scheint mit seinen Börsengeschäften jedenfalls gut verdient zu haben. Am Mittwoch verhaftet, wurde er auf Kaution entlassen. Mehr als 5 Millionen Pfund musste der Brite dafür hinterlegen – eine stattliche Summe. Sarao will nicht zuletzt eine Auslieferung in die Vereinigten Staaten verhindern, drohen ihm dort doch möglicherweise bis zu 25 Jahren Haft.

          Der blitzartige Einbruch des Aktienmarktes hatte seinerzeit auch viele Diskussionen um den sogenannten Hochfrequenzhandel und dessen Gefahren für die Stabilität des Finanzsystems im Allgemeinen und der Aktienmärkte im Besonderen ausgelöst. Unter Hochfrequenzhandel wird der vollständig automatisierte Handel mit Wertpapieren verstanden. Dieser lebt davon, dass durch blitzschnelle Käufe und Verkäufe minimalste Preisunterschiede ausgenutzt werden. Das erzeugt ein gewaltiges Volumen von Aufträgen gegenüber dem klassischen Kauf mit der Absicht, Papiere länger zu halten.

          Läuft der Hochfrequenzhandel mehrheitlich in eine bestimmte Richtung, so kann dies zumindest theoretisch die Kursentwicklung an den Börsen massiv beeinflussen. Die Preise könnten sich dann massiv von den dahinter liegenden Werten entfernen. Die Börse verlöre dann als Finanzierungsinstrument zunehmend an Bedeutung, argumentieren Kritiker des Hochfrequenzhandels. So könnte etwa ein Unternehmen nach einer spekulativen Attacke billig aufgekauft werden. Befürworter sehen in dieser Art des Handels mehr eine korrigierende Kraft, die für Handelsvolumen sorgt und damit für realistische Preise.

          Dieser Disput macht den Fall Sarao so brisant. Denn der Händler hatte den Anschuldigungen nach eine Hochfrequenzstrategie verfolgt. Sie zielte darauf ab, den Markt mittels Scheinaufträgen kurzzeitig in die Knie zu zwingen, um billig einzukaufen und von der nachfolgenden Erholung zu profitieren.

          Im amerikanischen Senat werden offenbar schon die Messer gewetzt. Der Fall werfe viele Fragen auf, die der Bankenausschuss zu stellen beabsichtige, sagte etwa Richard Shelby, der republikanische Vorsitzende des Ausschusses, gegenüber der Financial Times. Sherrod Brown, führender Demokrat im Ausschuss, nannte es bedenklich, dass es der Hilfe eines Informanten bedurft hätte, der mit hohem Zeitaufwand Fakten zusammengetragen habe.

          Im Fokus stehen die Börsenaufsicht SEC, vor allem aber die CFTC, die Regulierungsbehörde für den Derivatemarkt und die sich selbst organisierende Chicago Mercantile Exchange, an der Sarao gehandelt hatte. Letztere vertreten bisher noch den Standpunkt, dass die Ursache des „Flash Crashs“ nicht am Derivatemarkt zu suchen sei, sie wollen neue Informationen aber prüfen. Der Fall könnte jedenfalls Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die eine Vereinheitlichung des Regulierungssystems fordern, unter anderem eine Zusammenlegung von CFTC und SEC.

          Ob Sarao wirklich so sehr profitiert hat, bleibt offen. Nach Aussage seines Anwalts liegen zwar 5 Millionen Pfund auf dessen Handelskonto. Doch davon stammten 4,7 Millionen Pfund aus einem Wertpapierkredit.

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