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Verdacht auf Insiderhandel : Amerikanische Börsenpolizisten im Zwielicht

  • -Aktualisiert am

Wacht über das Geschehen an den Finanzmärkten: Die Securities and Exchange Commission (SEC) in Washington Bild: AP

Eine brisante Studie bewegt die Wall Street: Mitarbeiter der SEC haben möglicherweise interne Informationen genutzt, um sich mit Aktiengeschäften zu bereichern. Die Behörde widerspricht.

          3 Min.

          Die amerikanische Börsenaufsicht SEC steht unter einem schweren Verdacht. Eine wissenschaftliche Studie suggeriert, dass Mitarbeiter der Behörde unter anderem ihr Wissen um bevorstehende Strafen gegen börsennotierte Unternehmen ausgenutzt haben, um mit Aktiengeschäften davon zu profitieren. „Angestellte der SEC haben Informationsvorteile gegenüber anderen Marktteilnehmern, und sie scheinen die Vorteile auszunutzen“, schreiben die Autoren der Studie mit dem süffisanten Titel „Stock Picking Skills of SEC Employees – Fähigkeiten der SEC-Mitarbeiter bei der Aktienauswahl“.

          Norbert Kuls
          (nks.), Freier Autor

          Die vorläufigen Ergebnisse der Studie könnten den Ruf der Behörde beschädigen, weil die SEC für die Strafverfolgung illegalen Insiderhandels an der Wall Street zuständig ist. Zudem hatte sie ihre Anstrengungen im Bereich Insiderhandel in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium in den vergangenen Jahren deutlich verschärft.

          Die Autoren der Studie, Shivaram Rajgopal, Professor für Wirtschaftsprüfung an der Emory University, und Roger White, Doktorand im gleichen Fachgebiet an der Georgia State University, stützen ihre Ergebnisse auf Daten zu 7200 Wertpapiergeschäften von SEC-Mitarbeitern in den Jahren 2009 bis 2011. Ein Ergebnis: Bei Geschäften mit amerikanischen Aktien machten die Behördenmitarbeiter eine um 8,5 Prozentpunkte überdurchschnittliche Rendite.

          Mehr Aufträge zum Verkauf als zum Kauf

          Die Forscher hatten allerdings keinen direkten Zugang zu den Depots von SEC-Mitarbeitern. Die Transaktionen wurden auch nicht bestimmten Angestellten zugeordnet, weswegen nicht klar ist, wie viel Gewinn die einzelnen Personen jeweils mit ihren Investments erzielt haben. Für ihre Studie bauten die Forscher stattdessen ein Aktienportfolio nach, das den Kauf von Aktien nachbildete, die auch die SEC-Angestellten erworben hatten. Bei Aktien, die die Angestellten verkauften, wetteten sie auf fallende Kurse mit sogenannten Leerverkäufen oder Short Sales. In den untersuchten Zeitraum fielen 56 Strafsanktionen der SEC gegen börsennotierte Unternehmen. Die Angestellten machten in sechs Fällen kurz davor Geschäfte, was verboten ist. Dabei gaben sie viel öfter Aufträge zum Verkauf der Aktien als zum Kauf.

          Die Entwicklung des S&P 500 Index in den letzten drei Jahren
          Die Entwicklung des S&P 500 Index in den letzten drei Jahren : Bild: F.A.Z.

          Die Sanktionen, die in der Studie auffielen, richteten sich gegen die Kreditinstitute Bank of America, Citigroup und JP Morgan sowie gegen den Mischkonzern General Electric und das Gesundheitsunternehmen Johnson&Johnson. Ein weiterer Anlass zum Verkauf von Aktien durch Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde waren Verkaufsaufträge von ranghohen Managern börsennotierter amerikanischer Unternehmen, die der SEC gemeldet werden müssen. Anleger achten stark auf diese öffentlich verfügbaren Daten. Der Grund: Der Verkauf von Aktien durch Manager signalisiert möglicherweise schwächere Geschäftsaussichten des jeweiligen Unternehmens und einen negativen Börsentrend.

          Nach Angaben der Studie stieg die Wahrscheinlichkeit von Verkäufen der Mitarbeiter in dem Zeitraum zwischen der Meldung der Aktienverkäufe an die SEC und deren etwas späterer Veröffentlichung auf der Internetseite der Behörde. Mit anderen Worten: Mitarbeiter der SEC haben auch in diesen Fällen möglicherweise ihre vorab erworbenen Kenntnisse von Aktiengeschäften ausgenutzt, um sich zu bereichern. So interpretieren es zumindest die Autoren.

          Die SEC hatte hart an ihrer beschädigten Reputation gearbeitet

          Die SEC wehrt sich gegen die Vorwürfe: Nach ihren Angaben müssen Mitarbeiter vor Aktiengeschäften die Erlaubnis der Behörde einholen. Dazu seien Mitarbeiter in manchen Fällen verpflichtet, Aktien zu verkaufen, um Interessenkonflikte auszuschließen. Das gilt, wenn Angestellte an Fällen arbeiten, die diese Unternehmen direkt betreffen. „Die meisten Verkäufe gingen auf Vorgaben der SEC zurück. Die Mitarbeiter hatten keine Wahl. Sie mussten verkaufen“, sagte ein Behördensprecher nach Veröffentlichung der Studie.

          Die SEC hatte ihre interne Überwachung 2009 verschärft, weil Mitarbeiter der Behörden damals mit fragwürdigen Geschäften aufgefallen waren. Ein interner Prüfungsbericht hatte mehrere Fälle beschrieben, in denen Juristen der Behörde mit Aktien von Unternehmen gehandelt hatten, gegen die zur gleichen Zeit ein Ermittlungsverfahren lief. Der Bericht warf der Behörde vor, „praktisch kein System“ zu haben, um potentiellen Insiderhandel von Angestellten aufdecken zu können. Die Behörde setzte daraufhin einen für die Befolgung von Richtlinien zuständigen Spitzenmanager ein, einen sogenannten Chief Compliance Officer. Zudem wurde ein neues Computersystem entwickelt, um Wertpapiergeschäfte des Personals einfacher überprüfen zu können. Die jetzt veröffentlichte Studie stützt sich auf diese Daten.

          Die SEC hatte allerdings schon vor 2009 ihren Mitarbeitern verboten, Aktien von Unternehmen zu handeln, wenn sie von einem anhängigen Ermittlungsverfahren Kenntnis haben. Eine der damals verdächtigten Personen hatte laut der internen Prüfung für die meisten ihrer Wertpapiergeschäfte vom Ethik-Büro der SEC eine Erlaubnis eingeholt. Allein die Häufigkeit ihrer Anfragen hatte schließlich Fragen aufgeworfen. Die SEC hatte in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet, ihre wegen der Finanzkrise beschädigte Reputation wiederherzustellen. Die Behörde war vor allem wegen ihrer jahrelangen Untätigkeit im Betrugsfall des New Yorker Börsenmaklers Bernard Madoff in die Kritik geraten. Madoff hatte Kunden seiner Vermögensverwaltung um mehrere Milliarden Dollar geprellt.

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