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Vegas 77 : Warum die Börse einen so schlechten Ruf hat

Bild: F.A.Z.

Der Handel mit Aktien, also Eigentumsanteilen an Unternehmen, ist eigentlich eine seriöse Angelegenheit. Warum er dennoch vielfach einen so schlechten Ruf hat, zeigt unter anderem das Beispiel der Vegas 77 Entertainment.

          3 Min.

          Der Aktienmarkt hat in der breiten Öffentlichkeit einen schlechten Ruf. Alles nur Zockerei, Kasino, und das sind die eher harmlosen Einschätzungen. Dabei werden dort Eigentumsanteile an Unternehmen gehandelt, die für jeden sichtbar reale Werte erstellen, ob sie nun Daimler, BASF oder Eon heißen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mehr als 90 Prozent des Aktienumsatzes in Deutschland entfallen auf die 110 Werte des HDax', der die umsatzstärksten Werte bündelt. Was dem Aktienmarkt letztlich den schlechten Ruf verschafft, ist all das, was daneben passiert.

          Wenig Fakten

          Ein jüngeres Beispiel sind die Vorgänge um die Aktie der in den Niederlanden ansässigen Vegas 77. Der Kurs der erst seit Anfang März notierten Aktie stieg bis Ende April um 355 Prozent auf 36,40 Euro. Das verlieh dem Unternehmen eine Bewertung mit 9,34 Millionen Euro. Das ist absolut gesehen nicht viel.

          Allerdings erfährt man auf den Internet-Seiten des Unternehmens über dieses an Fakten lediglich, dass es sich um eine Beteiligungsgesellschaft handelt, die Beteiligungen an einer Reihe von Gesellschaften im Ausland halte. Schaut man auf die aktuellen Beteiligungen, so ist dies aber nur die Vegas77 Casino, die der Gesellschaft zu 100 Prozent gehört und die zu einem marktführenden Unternehmen ausgebaut werden soll. Über Umsatz oder Gewinne erfährt man nichts, auch nicht über das operative Geschäft der Vegas77 Casino, die sich auch per Google nicht ermitteln lässt.

          Daneben wurde eine Absichtserklärung zur Übernahme eines maltesischen Online-Casinos publiziert. Dessen Name wird aber nicht genannt, so dass man sich abermals kein Bild davon machen kann.

          Viel Versprechungen

          Dieses Vorgehen ist für sich genommen als Geschäftsstrategie eines Start-Ups nicht so ungewöhnlich, gleicht aber dem typischen Vorgehen bei vielen Seifenblasen-Unternehmen der Vergangenheit, nicht zuletzt auch aus dem Glücksspielbereich. Belastbare Fakten fehlen, stattdessen gibt es vollmundige Ankündigungen und Versprechungen, die sich dann als unwahr erweisen oder von denen nie wieder etwas zu hören ist.

          Vollmundige Versprechungen gibt es dagegen von anderer Seite. Von wenig bekannten Börsenbriefen werden Umsatzziele in den Raum gestellt und jedem die Aktie angepriesen, der davon etwas hören will.

          Der unbekannte Meister

          Oder auch nicht. Diese Woche verschickte der „Swiss Money Report“ ein Fax, in dem der „weltbekannte Meister der technischen Analyse“, Charles Vignari, einen Kursanstieg auf 44,65 Euro prophezeit. Das hat dieser auch nötig. Denn Ende März brach er an einem einzigen Tag vom bisherigen Höchstkurs um rund 40 Prozent ein und konnte sich seitdem nicht mehr davon erholen.

          Da wäre eine Experten-Analyse schon hilfreich. Die hat leider Schönheitsfehler. Über einen Charles Vignari lässt sich weder in den Archiven, noch über Google mehr finden als eben jene Analyse. Und noch eines lässt sich finden: Das Blog Faxspam.info beklagt seit Woche die unerwünschte Zustellung von Analysen zu Vegas 77.

          Vor allem viel Suchmaschineneinträge

          Recherchiert hat das österreichische Webportal Xperi.at, das schon im April auf Seltsamkeiten hinwies. Es sei keine Registrierung des Unternehmens im holländischen Handelsregister zu finden, die IR-Firma Zenith PR Advisors sei nicht ermittelbar. Dafür gebe im Internet 560.000 Treffer zu „Vegas77 Entertainment SE“. Mittlerweile sind es rund 747.000. Zu den im SDax notierten Film- und Sportvermarkter Constantin Medien finden sich dagegen nur 75.400, zum Büromöbelhändler Takkt und dem Energieversorger MVV weniger als 200.000 Einträge. Selbst der im MDax notierte Baustoffhändler Baywa bringt es nur auf 683.000.

          Auch zur Kaufempfehlung des deutschsprachiger Börsendienstes Bulle & Bär Research mit Sitz in London hat Xperi etwas zu bemerken. Von den sechs Empfehlungen des Dienstes in der Zeit von Juli 2009 bis April 2010 erlitten vier deutliche Kursverluste, zum Teil nach Insolvenz, eine Aktie ist ohne Börsennotierung, eine weitere ist seit Monaten vom Handel ausgesetzt.

          Harte Worte von den Daytradern

          Besonders hart im Urteil sind übrigens die Diskussionsteilnehmer im Daytraderforum Peketec.de. Schon zu Beginn war von Abzocke die Rede, die sonstigen Urteile lauten: „Dummpush“, „Mal schauen, wann die abladen“, Irgendwann kommt der Tag mit 100k Brief und keiner kommt mehr raus“, „Bei der Homepage bekommt man ja Kotzreiz“, „Wieder ein schönes Beispiel für Marktmanipulation“ usw.

          Dies alles hat nicht per se zu bedeuten, dass es sich um ein chancenloses Unternehmen oder organisierten Betrug handelt. Es sorgt indes nicht eben für Vertrauen. Auch nicht für vertrauen sorgt die Tatsache, dass die gesamte Kommunikation über eine unbekannte PR-Firma und umstrittene Börsenbriefe erfolgt. Tote Links auf den wenigen Internet-Seiten fördern ebenso wenig das Vertrauen wie die Tatsache, dass man vom Management lediglich im Impressum erfährt, dass der Geschäftsführer A. Joy heißt.

          Jedenfalls mag man sich kaum noch wundern, warum der Aktienmarkt in der breiten Öffentlichkeit so einen schlechten Ruf hat. Die größten Kursgewinne im März/April verzeichnete übrigens nicht Vegas 77. Vielmehr kommt die Aktie lediglich auf Platz 14.

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