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Verweigerte Index-Aufnahme : Gefahr für die Börsen in China und der Welt

Was machen die Aktien? Blick auf eine Kurstafel in Schanghai. Bild: Reuters

Chinas Aktien will der viel beachtete Schwellenländerindex MSCI immer noch nicht aufnehmen. Als es das letzte Mal geschah, brachen die Kurse ein – und Schockwellen gingen um die Welt.

          Die kommenden Tage könnten spannend werden an den Weltbörsen: abermals hat der amerikanische Indexanbieter MSCI abgelehnt, in seinen Schwellenländerindex chinesische Aktien aufzunehmen. Für die Finanzmärkte im Reich der Mitte ist das ein neuer Rückschlag, der Folgen für die ganze Welt haben könnte.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Bereits vor einem Jahr hat MSCI die Aufnahme Chinas in seinen Index verweigert: kurz danach brachen dessen Börsen ein. Innerhalb weniger Wochen fielen in Schanghai und Shenzhen die Kurse um 40 Prozent. Aus Angst, Chinas Wirtschaft stehe kurz vor dem Kollaps, fielen daraufhin die Aktienkurse zeitweise auf der ganzen Welt.

          Am Mittwoch haben die Kurse in Schanghai erst mal zugelegt, die Anleger hatten sich schon Anfang der Woche auf ein entsprechendes Votum eingestellt. Doch damit ist China nicht alle Probleme los. Die Aufnahme chinesischer Aktien in den MSCI-Index für Schwellenländerwerte wäre wichtig für China, weil sich an der Zusammensetzung der Kursliste Fondsmanager auf der ganzen Welt orientieren, die zusammen gerechnet etwa 1,5 Billionen Dollar verwalten. Hätte der Indexanbieter MSCI mit Sitz in New York chinesische Aktien berücksichtigt, hätte dies viele Milliarden Dollar von Anlegern rund um den Erdball in die chinesische Wirtschaft gebracht. Der Kapitalzufluss wäre nicht unerheblich gewesen in einer Zeit, in der in Chinas das Wachstum der Wirtschaft ungewöhnlich stark lahmt und Kapital in großer Menge aus dem Land herausfließt, nicht hinein.

          Noch vor zwei Wochen hatte die amerikanische Investmentbank Global Sachs ihre Prognose über die Aufnahme festlandchinesischer Aktien in die MSCI-Indizes nach oben korrigiert: deren Wahrscheinlichkeit liege nicht mehr bei 50 Prozent, sondern bei satten 70 Prozent. Daraufhin hatte der Schanghaier Marktindex Composite prompt um 3 Prozent zugelegt. Zuvor war an den chinesischen Börsen kaum gehandelt worden. Immer noch nicht haben sich die Anleger von den Schockwellen der Kurseinbrüche aus dem vergangenen Jahr erholt, die im Januar des laufenden Jahres noch einmal ein Comeback erlebt hatten, als die Börsen im Reich der Mitte abermals einbrachen.

          Eine Misstrauenserklärung gegenüber China

          Nun hat MSCI alle Optimisten widerlegt. Die Begründung des Anbieters, zum dritten Mal nacheinander den Chinesen die bereits sicher geglaubte Aufnahme ihrer Aktien in den Index zu versagen, liest sich wie eine Misstrauenserklärung gegenüber dem ökonomischen und politischen System der Volksrepublik. Die internationalen Anleger hätten klar gemacht, dass sie „weitere Verbesserungen“ beim Zugang von Ausländern zu den chinesischen Finanzmärkten wünschten, teilt MSCI mit. Vorher gebe es auch keine Aufnahme Chinas in die Indizes. Man werde weiter beobachten, was die Pekinger Regierung alles an Öffnungsversprechen für die bisher staatlich stark reglementierte Wirtschaft des Landes gegeben habe. Dann fügt MSCI das entscheidende Wort an: man werde analysieren, ob den Versprechen auch endlich die „Umsetzung“ folge.

          Das Urteil wendet sich gegen eine politische Tendenz in Chinas Führung unter Staatspräsident Xi Jinping, der Wirtschaft im Land nicht mehr, sondern wieder weniger Freiheit zu gewähren. Bis zum Einbruch im vergangenen Sommer hatten Pekings Planwirtschaftler mit einer Geldschwemme und allerlei Propaganda in den Staatsmedien die Kurse an den Börsen in Schanghai und Shenzhen ein Jahr lang um 150 Prozent nach oben gedrückt. Die Weigerung von MSCI im Juni 2015, die Werte zu berücksichtigen, hatte wie ein Weckruf für die Anleger gewirkt, die plötzlich erkannten, dass die Firmenanteile, die sie zusammengekauft hatten, in Wahrheit völlig überteuert waren.

          Der Staat versuchte, die Kurse nach oben zu peitschen

          Nachdem die Kurse anfingen, in den Keller zu rauschen, tat Chinas Regierung das, was sie stets in Krisensituationen tut: Sie versuchte, mit staatlicher Gewalt den Markt irgendwie wieder nach oben zu peitschen. Die Börsen wurden nahezu außer Funktion gesetzt; staatliche Banken und Fonds mussten massenhaft Aktien kaufen; wer im großen Stil hingegen Papiere loszuwerden versuchte, bei dem stand bald die Polizei vor der Tür und ermittelte wegen des Verdachts auf Insiderhandel.

          Die Anleger auf der Welt misstrauen Pekings politischen Börsen nach der gigantischen Marktintervention nun offensichtlich eher noch mehr als vorher. Chinas Börsenaufsicht beschwerte sich am Mittwoch nach der Entscheidung aus New York, ein globaler Aktienindex, der keine Aktien der weltweit zweitgrößten Wirtschaft enthalte, sei „nicht komplett“. Für die Volksrepublik ist die Entscheidung eine große Enttäuschung. Auch beim Internationalen Währungsfonds in Washington dürfte sie Kopfschmerzen verursachen. Hatte der Fonds doch in Erwartung, Peking werde seine Wirtschaft weiter öffnen, im vergangenen Herbst entschieden, die Währung Renminbi in den Korb der Sonderziehungsrecht aufzunehmen, was einem Prädikatssiegel gleichkommt. Chinas Währung, die auch Yuan genannt wird, fiel am Mittwoch gegenüber dem Dollar prompt auf den niedrigsten Wert seit fünf Jahren.

          Jetzt bleibt die Hoffnung, dass Chinas Politiker die Nicht-Aufnahme der Festlandaktien in den Weltindex als das verstehen, was er wohl sein soll: als Aufforderung, wieder in die andere Richtung zu marschieren und Chinas Wirtschaft die Freiheit zu gewähren, die ihr schon lange versprochen ist.

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