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Unsicherheit der Investoren wächst : Ukraine-Krise holt russische Aktien ein

  • -Aktualisiert am

Im Zentrum der Sanktionen: Die Zentrale des russischen Ölkonzerns Rosneft in Moskau Bild: AFP

Vom Höchststand vor gut drei Jahren ist Russlands Aktienindex Micex schon jetzt weit entfernt. Wenn sich die Kapitalknappheit der Unternehmen mit neuen Sanktionen noch verschärft, dürfte es mit den Kursen weiter abwärts gehen.

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          Die russische Börse ist seit je nichts für schwache Nerven, doch seit dem Ukraine-Konflikt ist die Unsicherheit für Investoren noch größer geworden. Mit der völkerrechtswidrigen Annektierung der ukrainischen Halbinsel Krim hat der Kreml den Aktienhandel durcheinandergewirbelt: Der Leitindex der 50 wichtigsten Rubel-Papiere an der Moskauer Börse, Micex, verlor von Ende Februar bis Mitte März rund 15 Prozent. Anschließend erholte er sich bis Mitte Juni wieder auf das alte Niveau, denn die Sanktionen des Westens und besonders der EU schienen harmlos auszufallen. Doch seit die Vereinigten Staaten direkte Finanzmarkt-Strafen verhängt haben und auch aus Europa neues Ungemach droht, ist die Unsicherheit mit Macht zurück: Seit Mitte Juli hat der Micex wieder 8 Prozent abgegeben.

          Bereits am heutigen Dienstag bei einem Treffen der EU-Botschafter könnte Brüssel sich entschließen, erstmals nicht nur kleine, auf der Krim tätige Firmen zu bestrafen, sondern auch russische Konzerne. Die Maßnahmen können auf die Lieferung von Fördertechnik für die Erdölindustrie zielen, auf Rüstungsgüter, aber auch wie im Fall der Vereinigten Staaten auf die Refinanzierungsmöglichkeiten von Unternehmen: Washington hatte amerikanischen Investoren Mitte Juli verboten, neue Aktien oder Anleihen von über 90 Tagen Laufzeit einiger russischer Firmen zu erwerben. Betroffen sind auch die Rohstoff-Schwergewichte Rosneft und Novatek sowie die Finanzinstitute Gasprombank und VEB. Rosneft und sind Novatek an der Börse notiert, ihre Papiere sind vom rohstofflastigen Moskauer Aktienmarkt nicht wegzudenken. Als Reaktion haben sie seit Mitte Juli jeweils rund 10 Prozent an Wert verloren.

          Signifikant höhere Kapitalkosten

          Die vier Unternehmen beteuern, weder ihre Geschäfte noch ihre Liquidität seien von den Strafmaßnahmen beeinträchtigt. Doch sollten die Sanktionen ausgeweitet werden oder allein die Furcht davor Anleger vom Kauf russischer Papieren abhalten, drohen signifikant höhere Kapitalkosten. Nach einer Berechnung der Sberbank, dem größten Kreditinstitut des Landes, müssen russische Unternehmen durchschnittlich rund 30 Milliarden Dollar pro Quartal refinanzieren; im letzten Vierteljahr 2014 werden es sogar 40 Milliarden Dollar sein. Amerikanische Investoren halten den Analysten zufolge etwa 40 Prozent aller russischen Eurobonds. Kapital aus dem Nahen und Fernen Osten, von dem in diesen Tagen in Moskau viel die Rede ist, könnte in der Breite laut Sberbank erst mittelfristig Abhilfe schaffen.

          Der staatlich kontrollierte und weltgrößte börsennotierte Erdölkonzern Rosneft hat es Investoren nicht immer leicht gemacht: Die traditionell volatilen Aktien sind in Moskau in den vergangenen fünf Jahren nicht über die Marke von 270 Rubel hinausgekommen, derzeit stehen sie bei 220 Rubel. Aktien der privat kontrollierten Novatek, dem (mit großem Abstand) nach Gasprom zweitwichtigsten Erdgasproduzenten Russlands haben im selben Zeitraum ihren Wert per saldo etwa verdreifacht. Von der Höchstmarke bei über 400 Rubel sind sie mit derzeit 350 Rubel aber ebenfalls ein Stück entfernt. Beide Unternehmen müssen nun damit rechnen, dass die EU ebenfalls den Kauf neuer Aktien und Anleihen aus ihrer Hand verbietet und damit sowohl die Refinanzierung fälliger Verbindlichkeiten wie auch die Finanzierung neuer Projekte erschwert.

          91 Milliarden Dollar Schulden

          Rosnefts Schulden betragen rund das 2,3-fache des um Zinsen, Steuern und Abschreibungen bereingten Betriebsergebnisses (Ebitda). Etwa 26 Milliarden Dollar der Gesamtverschuldung von 91 Milliarden Dollar sind bis Dezember 2015 fällig. Der Konzern muss zudem eine Vielzahl an Investitionen stemmen – hat allerdings schon lange vor der Ukraine-Krise begonnen, sich von asiatischen Kunden und westlichen Erdölhändlern Vorauszahlungen auf künftige Erdöllieferungen zu sichern. Rosneft-Direktor Igor Setschin, der am Freitag einen Halbjahresumsatz von umgerechnet 80 Milliarden Dollar und einen Reingewinn von 7,4 Milliarden Dollar verkündete, teilte bei diesem Anlass mit, der Konzern arbeite an einem Plan, die Folgen der Sanktionen zu minimieren.

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