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Ungewöhnliches Geschäftsmodell : Kredite für Afrika

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Im süafrikanischen Soweto hat nicht jeder ein Bankkonto, aber fast sicher ein Handy. Bild: dpa

Finanzfirmen in Afrika setzen auf Bankdienstleistungen über das Handy und ausgeklügelte Algorithmen zur Bonitätsprüfung. My-Bucks, einer der Vorreiter, will jetzt an die Frankfurter Börse.

          Dave van Niekerk eilt von einem Investorentreffen zum nächsten. Der Südafrikaner befindet sich auf der Roadshow für sein Unternehmen My-Bucks, das gerade die Erstnotierung an der Frankfurter Börse vorbereitet. Am Dienstag ist die Zeichnungsfrist zu Ende gegangen.

          Für deutsche Anleger ist nicht nur der Firmenname, sondern auch das Geschäftsmodell ungewöhnlich: My-Bucks konzentriert sich auf Finanzleistungen für die breite Bevölkerung in Afrika. Das Angebot reicht von unbesicherten Verbraucherkrediten bis zu Versicherungen für Beerdigungskosten. My-Bucks hat bisher Kunden in neun afrikanischen und zwei europäischen Ländern und seit der Gründung 2011 mehr als 600 000 Kredite vergeben. Schätzungen nach haben immer noch 460 Millionen Menschen in Afrika keinen Zugang zum formellen Bankenwesen. Darin wittert das Unternehmen enormes Wachstumspotential.

          Unumstritten ist das Geschäft nicht: In seiner Heimat ist der umtriebige Gründer nicht allen in positiver Erinnerung. Sein voriges Unternehmen Blue Financial Services galt einst als große Erfolgsgeschichte. Kredite und Finanzdienstleistungen wurden von der früher unterdrückten schwarzen Bevölkerung freudig angenommen. Doch dann wies Blue 2010 im Sog der Weltfinanzkrise plötzlich einen Verlust von mehr als 1 Milliarde Rand (100 Millionen Euro) aus. Die Aktionäre suchten das Weite, van Niekerk trat zurück. Das Unternehmen Blue gibt es zwar unter neuer Führung und mit neuer Private-Equity-Gesellschaft immer noch, aber der Aktienhandel in Johannesburg ist seit 2013 suspendiert, weil das Unternehmen keine Geschäftszahlen vorlegen kann.

          Blue blieb nicht der einzige Krisenfall in der Branche. Vier Jahre später brach die African Bank zusammen. Der größte Anbieter unbesicherter Kredite des Landes musste von der südafrikanischen Zentralbank und den Großbanken mit viel Geld gerettet werden. Sein charismatischer Gründer Leon Kirkinis, einst einer der 50 reichsten Südafrikaner, hat sich vorsichtshalber aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

          Sie nennen sich Fin-Tech-Unternehmen

          Doch der 42 Jahre alte van Niekerk ist nicht der Unternehmertyp, der nach einer Niederlage lockerlässt. Mit My-Bucks, einem Unternehmenssitz in Luxemburg und demnächst der Börsennotierung in Frankfurt legt er wieder los - und ist damit nicht allein. In Südafrika macht beispielsweise gerade ein Unternehmen namens Jumo von sich reden, das sich als erster „Mobiler Geldmarkt“ in Afrika bezeichnet und nach eigenen Angaben 2,6 Millionen Kunden bedient, die meisten Niedrigverdiener. Jüngst hat der amerikanische Versicherungskonzern Prudential Financial 350 Millionen Dollar in die Private-Equity-Gesellschaft hinter Jumo investiert, um auf dem afrikanischen Kontinent Fuß zu fassen.

          Die Neueinsteiger haben aus den Erfahrungen der Vergangenheit Lehren gezogen. Sie nennen sich Fin-Tech-Unternehmen. Statt auf teure Filialnetze setzen sie auf das Handy. Alle Bankgeschäfte sollen darüber abgewickelt werden. „Mobile Banking“ ist seit längerem ein Schlagwort in Afrika, weil dort so gut wie jeder ein Mobiltelefon, zunehmend auch Smartphones, besitzt. Buchstäblich mit einem Tastendruck lassen sich Kunden selbst in den hintersten Ecken des Kontinents erreichen. Zur Kreditvergabe nutzen die Unternehmen Algorithmen, die automatisch die Bonität der Kreditnehmer prüfen - angeblich schneller und kostengünstiger als Berater.

          „Wir haben heute viel bessere Möglichkeiten, die Kreditwürdigkeit zu prüfen als früher“, sagt van Niekerk dieser Zeitung. Der Algorithmus verwende Daten aus unterschiedlichsten Quellen, von Kontobewegungen, Datenbanken bis hin zu Social-Media-Seiten wie Facebook. Binnen 15 Minuten könnten so Kredite vergeben werden.

          Die Prüfung der Kreditwürdigkeit ist ein heikles Thema in Afrika, wo große Teile der Bevölkerung überschuldet sind und sich viele Menschen wenig mit Finanzdienstleistungen auskennen. Der Rohstoffkonzern Anglo American etwa schätzt, dass jeder fünfte Minenarbeiter in Südafrika mehr als Drei Viertel seines Nettoeinkommens für den Schuldendienst aufbringen muss. Für My-Bucks jedoch geht die Rechnung bisher auf: In drei Jahren nacheinander hat der Frankfurter Börsendebütant Gewinn geschrieben. Die Kreditausfallrate betrug 7,4 Prozent. Für unbesicherte Kredite verlangt das Unternehmen im Durchschnitt 50 Prozent Zinsen im Jahr.

          Zusammenbruch von Blue und der African Bank ist noch nicht vergessen

          Neueinsteiger müssen aber nicht nur technische Hürden, sondern auch hohe Marktzutrittsbarrieren in Afrika überwinden. Eine solide Kapitalausstattung und das Überschreiten einer kritischen Größe sind unabdingbar.

          Für Letzteres hat sich My-Bucks einen ungewöhnlichen Helfer ausgesucht: die in Amerika ansässige christliche Nichtregierungsorganisation Opportunity International Inc. Sie unterstützt seit 1971 Kleinunternehmer auf der ganzen Welt mit Mikrokrediten. My-Bucks will demnächst sechs Opportunity-Banken in Ghana, Kenia, Malawi, Moçambique, Tansania und Uganda übernehmen. Damit würde die Kundenzahl auf 1,5 Millionen Kunden in 14 Ländern steigen.

          In Johannesburg, dem wichtigsten Finanzplatz in Afrika, zeigen sich Finanzfachleute skeptisch. Der Zusammenbruch von Blue und der African Bank ist noch nicht vergessen. Seitdem wurden zudem viermal die Zinsen erhöht. Selbst besser situierte Bürger haben mit der Rückzahlung ihrer Schulden zu kämpfen. Zugleich wächst die Wirtschaft in ganz Afrika nicht mehr so kräftig wie noch vor einigen Jahren. Viele afrikanische Währungen sind sehr volatil und haben kräftig gegenüber Euro und Dollar an Wert verloren.

          Doch My-Bucks will die Gunst der frühen Stunde nutzen. „In den nächsten Jahren wird die Zahl der Smartphone-Besitzer in Afrika um 300 Millionen steigen“, sagt van Niekerk, „wir wollen mit diesen Kunden arbeiten und sie bei ihrem Aufstieg begleiten.“

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