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Sechs Jahre nach Finanzkrise : Nur wenig Moral an der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Wo sind die ehrbaren Kaufleute? An der Wall Street hat nur Erfolg, wer manchmal unethisch oder illegal handelt, sagen Akteure. Bild: AP

Jeder Vierte würde Illegales tun, um Geld zu verdienen: Eine Umfrage unter Spitzenverdienern in der Finanzbranche offenbart trotz Milliardenstrafen wenig Moral – aber auch Angst vor dem Gefängnis.

          Die Milliardenstrafen gegen internationale Großbanken und eine schärfere Regulierung scheinen ihre abschreckende Wirkung weitgehend verfehlt zu haben. Nach einer aktuellen Umfrage unter Angestellten bei Banken und Wertpapierhäusern an der New Yorker Wall Street und der Londoner City ist es mit deren Moral sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise weiter schlecht bestellt.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Mehr als ein Drittel der Spitzenverdiener in der Branche – in der Regel Führungspersonal mit einem Jahresgehalt von mindestens 500.000 Dollar – wurde demnach schon Zeuge von Fehlverhalten am Arbeitsplatz oder hat davon zumindest Kenntnisse aus erster Hand. Fast ein Fünftel der Befragten ist zudem davon überzeugt, dass Erfolg in der Finanzbranche manchmal unethische oder illegale Aktivitäten erfordert.

          Auffliegen von Fehltritten bereitet am meisten Sorgen

          Trotz der schlagzeilenträchtigen Milliardenvergleiche wegen eines Sammelsuriums von Fehltritten – Manipulation von Zinsen und Devisenkursen, Geldwäsche, Missachtung von Wirtschaftssanktionen oder illegalen Insiderhandels – machen sich aber nicht viele Angestellte Sorgen, dass eventuelles Fehlverhalten auffliegt. Fast die Hälfte der Top-Verdiener geht davon aus, dass Aufseher Verletzungen des Wertpapierrechts nicht wirkungsvoll verfolgen. Ohne Furcht vor den Aufsehern scheint der eigene moralische Kompass aber nicht richtig zu funktionieren: Ein Viertel der Befragten würde wahrscheinlich illegalerweise vertrauliche Informationen für Wertpapiergeschäfte nutzen, um 10 Millionen Dollar zu verdienen, wenn sie sichergehen könnten, nicht ins Gefängnis zu kommen.

          Der Anteil von jüngeren Mitarbeitern mit weniger als 10 Jahren Berufserfahrung ist dabei doppelt so hoch wie der älterer Semester mit mehr als 20 Dienstjahren. Dazu ist der Anteil in Großbritannien mit 32 Prozent höher als in den Vereinigten Staaten mit 24 Prozent. Kurzum: Ein Drittel der Befragten bezweifelt, dass sich die Branche seit der Finanzkrise zum Besseren gewandelt hat.

          Deutsche Bank zahlt 55 Millionen Dollar

          „Es ist unmöglich, den deutlichen Verfall der Moral und die daraus resultierenden enormen Gefahren zu übersehen, besonders wenn man die Ansichten der jüngsten Mitarbeiter in Betracht zieht“, schreiben die Autoren der Umfrage, Ann Tenbrunsel, Wirtschaftsprofessorin der University of Notre Dame, und Jordan Thomas von der New Yorker Anwaltskanzlei Labaton Sucharow. Befragt wurden mehr als 1200 Wertpapierhändler, Fondsmanager, Investmentbanker sowie Mitarbeiter von Hedgefonds in den Vereinigten Staaten und Großbritannien.

          Thomas ist bei Labaton Sucharow auf Whistleblower spezialisiert, also Informanten, die auf Missstände und Betrug bei ihren Arbeitgebern hinweisen. Thomas hatte vor seinem Wechsel zu Labaton Sucharow bei der Börsenaufsicht SEC das neue Whistleblower-Programm mit aufgebaut, ein Teil des Mitte 2010 als Reaktion auf die Finanzkrise verabschiedeten Finanzmarktreformgesetzes (Dodd-Frank-Act).

          Thomas vertritt unter anderem einen ehemaligen Mitarbeiter der Deutschen Bank in New York, Eric Ben-Artzi. Der einst mit Risikobewertung befasste Analyst gehört zu drei früheren Angestellten, die der Bank vorgeworfen hatten, während der Finanzkrise ihre Bilanzen geschönt zu haben. Die Deutsche Bank hat diese Anschuldigungen gegen die Zahlung von 55 Millionen Dollar an die SEC beigelegt (F.A.Z. vom 27. Mai). Tenbrunsel und Thomas weisen auch mit Sorge auf die „weitverbreiteten“ und oft „illegalen Vertraulichkeitserklärungen“ hin, mit denen Unternehmen ihre Mitarbeiter zum Stillschweigen verpflichten.

          Aufseher an der Wall Street scheinen auch zunehmend davon überzeugt zu sein, dass Strafen nicht ausreichen, um einen nötigen kulturellen Wandel zu erzwingen. „Das schlechte Verhaltensmuster endete nicht mit der Finanzkrise, sondern hielt an, trotz der beträchtlichen öffentlichen Interventionen, die nötig waren, um das Finanzsystem zu stabilisieren“, sagte William Dudley, der Präsident der Notenbank von New York, Ende des vergangenen Jahres in einer Rede vor Bankmanagern.

          Großbanken wollen Mitarbeiter besser schulen

          Dudley wehrt sich gegen das Argument, dass es sich bei den Fehltritten um das Verhalten einzelner Mitarbeiter handele, und mahnte das Führungspersonal an, den Ton vorzugeben, der die Kultur eines Unternehmens oder einer Bank bestimmt. Dudley, der selbst lange für die Investmentbank Goldman Sachs tätig war, fordert Veränderungen im Vergütungssystem, um die Anreize für risikoreiches Verhalten zu minimieren. Dudley räumte ein, dass Aufseher nicht genügend Personal haben, um große Institute ausreichend zu überwachen und dass man die Kultur eines Unternehmens ohnehin nicht gesetzlich vorschreiben könne.

          Aber Aufseher haben trotzdem Druckmittel. Dudley drohte den großen Banken unverhohlen mit Zerschlagung, falls sie ihr Fehlverhalten nicht änderten. „Wenn das eintreten sollte, wäre die unvermeidliche Folgerung, dass Ihre Firmen zu groß und zu komplex sind, um effektiv geführt zu werden“, warnte er. Aus Sorge um die Stabilität des Finanzsystems müssten die Banken dann „dramatisch verkleinert und vereinfacht“ werden.

          Angesichts des wachsenden Drucks unternehmen einige Großbanken Anstrengungen, das Verhalten ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Der amerikanische Branchenprimus JP Morgan Chase, der allein Strafen in zweistelliger Milliarden-Dollar-Höhe zahlte, veröffentlichte kürzlich einen langen Bericht über die Kultur der Bank. JP Morgan setzt auf „kontinuierliches Training“ und „klare Richtlinien“, um den Mitarbeitern die Werte des Verhaltenskodex zu vermitteln. Glaubt man den Aussagen der Umfrage von Notre Dame und Labaton, brauchen Banker aber noch eine Menge derartiger moralischer Nachhilfe.

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