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Ukraine : Investieren an der Börse Kiew

  • -Aktualisiert am

Auf dem Majdan in Kiew: „der Anfang von etwas ganz Großem“ Bild: AFP

Fondsmanager Steffen Gruschka ist in die Ukraine gereist und sucht die interessantesten Aktien. Die meisten Investoren haben den Glauben an das Land verloren, doch ihnen entgeht eine historische Chance.

          Die Börse Kiew ist eine der letzten großen Unbekannten unter Europas Aktienmärkten. Fondsmanager Steffen Gruschka zählt zu den wenigen Investoren, die sich auf diesen Markt wagen. Am Dienstagabend war er noch in seinem Büro in London. An diesem Mittwochmorgen sitzt er in seinem kleinen Büro, das er sich in der ukrainischen Hauptstadt Kiew eingerichtet hat.

          „Kommen Sie nach Kiew“, fordert er am Telefon auf. Immer wieder ist ein Knacksen und Tuten in der Leitung zu hören. Die Stimme hört sich weit weg an, doch die Verbindung funktioniert einwandfrei. „Es ist ganz ruhig hier und völlig ungefährlich.“ Auf dem Majdan, dem zentralen Platz von Kiew, würden die Barrikaden weggeräumt. Von den dramatischen Demonstrationen der vergangenen Wochen sei nichts mehr zu spüren.

          Gruschka hatte offenbar schon immer eine Vorliebe für ausgefallene Fondsideen. Von 1998 an baute er für die DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, den Aktienfonds DWS Russia auf und dann weitere Aktienfonds mit Fokus auf die aufstrebenden Aktienmärkte in Osteuropa. Zeitweise verwaltete er in diesen Anlagevehikeln mehr als 5 Milliarden Dollar. Auch damals investierte er schon in der Ukraine. Mehrmals wurde er als Portfoliomanager des Jahres ausgezeichnet. 2006 verließ er die Deutsche Bank und wechselte zur Fondsgesellschaft Explorer Capital nach London. 2009 machte er sich selbständig mit SG Alpha.

          Heute betreibt Gruschka vor allem den SG Alpha Emerging Europe Fund, der zu 70 Prozent in der Ukraine investiert ist. „Wir sind einer der wenigen Investmentfonds, die überhaupt noch in der Ukraine anlegen“, erzählt Gruschka. Auf dem Markt hier habe es mal an die 30 Fonds gegeben. Bis auf einen oder zwei hätten sich alle ausländischen Investoren zurückgezogen. „Die meisten Investoren haben im Laufe der Zeit den Glauben an eine Veränderung in der Ukraine verloren.“

          Der Handel an der Börse lief während der Unruhen reibungslos

          Er will jetzt dabei sein. Von einem historischen Augenblick spricht Gruschka. Den wolle er nicht verpassen. Er sei in Polen geboren und habe selbstverständlich die ganzen Umwälzungen in den neunziger Jahren miterlebt. Damals habe die Bevölkerung in Ungarn, Polen und der damaligen Tschechoslowakei diese Änderungen gewollt. „An die Ukraine hat damals niemand gedacht“, erzählt Gruschka. „Wir haben geglaubt, die Ukrainer seien apathisch und wollten gar keine Veränderung.“ Doch das sei nicht richtig.

          Turbulenzen an der Börse Kiew

          „Klar, wir sind noch sehr früh in diesem Prozess“, sagt Gruschka. Jetzt sei eine neue Generation von Menschen aktiv. Viele kämen aus der Westukraine und hätten dort gesehen, wie sehr die Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union das Land vorangebracht hätte. Viele Ukrainer wollten dies nun auch. „Hier auf dem Majdan wehen überall EU-Fahnen“, berichtet Gruschka. „Was wir hier jetzt in Kiew sehen, kann der Anfang von etwas ganz Großem sein.“

          Die Börse Kiew, die große Unbekannte. Nach dem Blutvergießen auf dem Majdan stürzte der PFTS-Index für ukrainische Aktien noch einmal ab und schoss nun von weniger als 300 Punkten auf knapp 400 Punkte. „Der Aktienmarkt hier ist unerwartet vielfältig“, sagt der Fondsmanager. Es gebe in der Ukraine viele interessante Unternehmen aus den Bereichen Stahl und Kohle, Banken, Kommunikation, Versorger, Exportunternehmen und Landwirtschaft. Allerdings sei die Börse nicht sehr liquide. Deshalb sei es schwer, dort in Aktien hineinzukommen und sie auch wieder gut verkaufen zu können. Große Fondsgesellschaften kämen auf solchen Märkten nur schwer zurecht. „Ein großes Schiff kommt auch nicht in einen kleinen Fluss rein“, sagt Gruschka. Die großen Fondsgesellschaften investierten höchstens mal in jene ukrainischen Aktien, die an den Börsen London oder Warschau gelistet seien. In die investiere er auch, sagt Gruschka. Doch die wirklich günstigen Titel, die finde er an der Börse Kiew.

          Während der gesamten Unruhen sei die Börse Kiew geöffnet geblieben und der Handel reibungslos verlaufen. „Die Risiken hier sind immens“, sagt Gruschka. „Aber es bietet sich hier auch eine historische Chance.“ Er jedenfalls ist nach Kiew gereist, um in den nächsten Tagen Unternehmer zu treffen. Er will sich ein Bild machen. Manchmal seien die Manager gar nicht mehr da. „Wir haben noch Mittel frei und schauen jetzt, in welche Aktien wir in der Ukraine investieren wollen.“ Ob es noch andere gibt wie ihn, die jetzt in der Ukraine nach Geschäftsmöglichkeiten schauen? „Es kommen ganz wenige Investoren her“, sagt Gruschka. „Und die Unternehmer vor Ort schätzen es, dass wir in diesem Moment da sind.“

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