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Jahre nach Fukushima-Desaster : Tepco-Manager erklären sich für unschuldig

Demonstranten vor dem Bezirksgericht in Tokio, in dem am Freitag der erste strafrechtliche Prozess gegen ehemalige Spitzenmanager von Tepco wegen des Atomkraftwerksunglücks in Fukushima Daiichi begann. Bild: Patrick Welter

Sechs Jahre nach der Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hat in Tokio der erste Prozess gegen ehemalige Spitzenmanager des Betreibers Tepco begonnen. Die drei erklärten sich für unschuldig.

          Begleitet von eher spärlichen Protesten von vielleicht 150 Atomkraftgegnern hat in Tokio ein Prozess gegen drei ehemalige Manager des Energieversorgers Tokyo Electric Power (Tepco) begonnen. Die Anklage wirft den Dreien Mitschuld an dem Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi am 11. März 2011 vor. Damals löste ein gewaltiges Seebeben vor Japans Pazifikküste einen Tsunami aus, der in dem Atomkraftwerk mangels hinreichender Sicherheitsvorkehrungen zu einer dreifachen Kernschmelze führte.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Rund 160.000 Menschen wurden evakuiert oder flohen vor der Strahlengefahr. Zehntausende leben immer noch fern der Heimat und manche werden nie zurückkehren können. Derweil schätzt die Regierung die Kosten der Katastrophe inklusive des Abrisses von Fukushima auf mindestens 22 Billionen Yen (180 Milliarden Euro). Andere Schätzungen beziffern die Kosten auf weit höher.

          Es ist das erste strafrechtliche Verfahren in Japan zur Aufarbeitung des Atomunfalls. Angeklagt sind Tsunehisa Katsumata, der 77 Jahre alte frühere Vorstandsvorsitzende des Kraftwerkbetreibers Tepco, sowie die beiden ehemaligen Vizepräsidenten Sakae Muto, 66 Jahre, und Ichiro Takekuro, 71 Jahre. Ihnen wird vorgeworfen, ihre dienstlichen Pflichten vernachlässigt zu haben. Die Anklage lastet den Managern unter anderem den Tod von 44 Menschen an, darunter Patienten, die aus der Nähe des Kernkraftwerks evakuiert wurden und dabei starben.

          „Es ist eine Sünde“, sagte Ayuko Nakagawa, die in Tokio vor dem Gericht demonstrierte. „Niemand wurde bislang wegen der Fukushima-Katastrophe angeklagt.“ Regierung und Tepco entzögen sich ihrer Verantwortung, schimpft die Englischlehrerin. Dann zieht die rüstige alte Dame weiter, um vor dem nahegelegenen Parlament zu demonstrieren. In den Gerichtssaal kam sie zu ihrer großen Enttäuschung nicht: Bei der Verlosung der dutzenden Sitzplätze am frühen Morgen hatte sie verloren.

          Vor Gericht entschuldigten die drei Angeklagten sich bei den Opfern und der Gesellschaft und erklärten sich für nicht schuldig. „Ich entschuldige mich für die gewaltigen Schwierigkeiten für die Bewohner der Region und im ganzen Land wegen des ernsten Unfalls, der die Freisetzung von radioaktivem Material auslöste,“ sagte Katsumata. Es sei für ihn zu der Zeit aber unmöglich gewesen, das Risiko eines so hohen Tsunamis vorherzusagen. „Deshalb glaube ich nicht, dass ich eine strafrechtliche Verantwortung trage“, sagte er mit leiser Stimme.

          „Menschengemachtes Desaster“

          Parallel zu dem strafrechtlichen Verfahren laufen in Japan etwa 30 zivilrechtliche Entschädigungsklagen von rund 12000 Flüchtlingen gegen Tepco und die Regierung. Im März hatte ein Bezirksgericht erstmals entschieden, dass Tepco und auch die Regierung Schuld hätten und Entschädigung zahlen müssten. Der Unfall sei vorhersehbar und vermeidbar gewesen.

          „Auf diesen Tag haben wir lange gewartet”, sagte Yukari Kasahara am Freitag vor dem Gericht in Tokio. Die 35 Jahre alte Frau ist aus ihrer Heimatstadt Koriyama in der Präfektur Fukushima angereist, westlich von dem havarierten Kernkraftwerk. Empört schildert sie, dass 11. März 2011 am Tag des Unglücks der Strom ausgefallen sei und sie ohne Fernsehen erst Tage später erfahren hätten, was passiert sei. Sie habe im Freien gearbeitet und für Wasser angestanden, ohne dass sie vom Strahlenrisiko gewusst hätten, sagt Kasahara. Als sie zu den Demonstranten spricht, kann sie die Tränen der Empörung kaum zurückhalten.

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