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Telekom-Aktie : Treue bis in den Kurskeller

Mehr als 1,6 Millionen deutsche Privatanleger zählt die Telekom noch heute Bild: dpa

Viele Privatanleger der Aktie der Telekom über alle Kursstürze und Abschreibungsrekorde hinweg erhalten geblieben. Sie ist in deutschen Depots noch immer so verbreitet wie keine andere.

          Die menschliche Psyche spielt Anlegern so manchen Streich. Sie verkaufen ihre Aktien oft gerade dann, wenn diese ihr Kurstief erreicht haben - oder kaufen eine viel umjubelte Aktie just auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Sie nehmen entgangene Gewinne oft als schmerzhafter wahr als erlittene Verluste. Die Angst, etwas zu verpassen, ist ein starker Treiber. Die Geschichte der Telekom-Aktie ist dafür wie ein Stück aus dem Lehrbuch.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Als Manfred Krug 1996 wissen lässt, er gehe mit, wenn die Telekom an die Börse geht, meint auch das Volk ihm folgen zu müssen: 1,9 Millionen Aktionäre steigen ein, und 650.000 Deutsche engagieren sich damit erstmals in einem Dividendenpapier. Lang geht die Investition gut. Ihr Riecher nach dem großen Geld scheint nicht zu trügen, schließlich steigt der Kurs vom Ausgabepreis von umgerechnet etwa 14,50 Euro auf bald 40 Euro im Jahr 1999. Die Telekom plazierte nochmals Aktien für 10 Milliarden Euro - und 1,7 Millionen treue Fans machen mit. Und dann kam es noch besser: Im März 2000 kostet eine Aktie 104,90 Euro. Die letzten Zweifel am Erfolg der Telekom schienen beseitigt. Überglücklich zeigen sich zudem jene Skeptiker, die dem Treiben bislang neidisch von der Seitenlinie zugeschaut haben, als die Telekom eine dritte Tranche ankündigt. Der Kursrückgang um mehr als ein Drittel wurde nicht als Warnung, sondern als willkommener Einstiegskurs wahrgenommen. In heutigen Zeiten unvorstellbare drei Millionen Privatanleger zeichnen die Aktie und kaufen mehr als zwei Drittel der für 15 Milliarden Euro plazierten Aktien zu Preisen von jeweils 63,50 Euro.

          Akt der Selbstbestrafung

          Heute, zwölfeinhalb Jahre später, kostet eine Telekom-Aktie 8,30 Euro. Trotzdem sind viele Privatanleger dem Papier über alle Kursstürze und Abschreibungsrekorde hinweg erhalten geblieben. Mehr als 1,6 Millionen deutsche Privatanleger zählt die Telekom noch heute und damit weit mehr als jede andere deutsche Aktiengesellschaft. Jeder dritte deutsche Aktionär besitzt Telekom-Aktien. Und die Zuneigung zu einer der erfolglosesten Aktien der vergangenen Dekade scheint zu steigen: Die DWP-Bank als Dienstleister von 80 Prozent der deutschen Banken hat in einer Stichprobe von zwei Millionen Depots festgestellt, das von Januar bis August sogar mehr Telekom-Aktien gekauft als verkauft wurden.

          Zur fairen Bewertung der Aktie gehört die Berücksichtigung von Dividenden. Neun Euro je Aktie hat die Telekom als größter deutscher Dividendenzahler an die Anleger ausgeschüttet. Für Anleger der ersten Stunde ergibt sich dadurch eine Rendite von 1,1 Prozent jährlich. Ihre Treue lässt sich womöglich auf die Ähnlichkeit der Rendite zum Sparbuch zurückführen. Die zweite und dritte Tranche war jedoch ein Desaster. Nun kürzt die Telekom auch noch die Dividende von 70 auf 50 Cent je Aktie und lässt zugesagte Aktienrückkäufe für 800 Millionen Euro ersatzlos entfallen. Vielleicht folgen die meisten Anleger wieder ihrem Vorbild Krug: Der meinte ehedem, er behalte die Aktien als Akt der Selbstbestrafung.

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