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Technische Analyse : Ob Hausse oder Bärenmarktrally - die Kurse klettern

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Die Kursbilder der Wall Street haben sich deutlich aufgehellt Bild: AP

Die Aktienrally der vergangenen sechs Handelstage hat viele technische Indikatoren auf „positiv“ umspringen lassen. Allerdings wird nun auch die Stimmung womöglich schon gefährlich positiv - der technische Kommentar aus Wall Street.

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          Der amerikanische Aktienmarkt hat an den sechs zurückliegenden Börsentagen einen eindrucksvollen Aufschwung dargeboten. In diesem Urteil sind sich die meisten technisch orientierten Analysten einig. Doch die Ansichten darüber, ob es sich um den Beginn einer neuen Haussephase handelt oder nur um einen weiteren Aufschwung im Rahmen einer fortbestehenden Baisse, gehen auch in diesem Stadium weit auseinander.

          Sicher ist nur, dass die Erwartungen der Optimisten ständig genährt werden. Schlagende Beispiele dafür sind Prognosen zum Beispiel von Credit Suisse und von Goldman Sachs, die beim Standard & Poor's 500 (S&P 500) ihre Ziele für das Jahresende gerade kräftig angehoben haben. Die technischen Analysten interessieren sich nicht für die bei diesen Voraussagen angeführten fundamentalen Argumente. Sie stellen zum einen nüchtern fest, dass sich die höheren Ziele geradezu aufgedrängt haben, weil der Index die bisherigen bereits deutlich überschritten habe. Zum anderen argwöhnen sie, dass die neuen, bei mindestens 1050 Punkten liegenden Prognosen ungezählte Skeptiker umstimmen und zu Haussiers werden lassen. Das wäre aus technischer Sicht ein Kontraindikator.

          Die schlimmsten Perioden eines Börsenjahres

          Grundsätzlich bestreitet kein technischer Analyst, dass sich die laufende Aufwärtsbewegung zunächst noch fortsetzen kann und dass dabei die von den beiden Banken genannten Ziele vielleicht schon in naher Zukunft erreicht werden. Sie begründen dies mit den zahlreichen positiven Indikatoren, die sich im Zuge des jüngsten Aufschwungs ergeben haben. Doch die Skeptiker unter ihnen sagen voraus, dass sich mit steigenden Kursen auch die negativen Divergenzen zwischen den Indizes und einzelnen Indikatoren mehren werden. Sie verweisen zudem darauf, dass aus rein saisonaler Sicht bald düstere Wolken aufziehen, denn die Monate September und Oktober seien, empirisch nachweisbar, die schlimmsten Perioden eines Börsenjahres.

          Jeffrey Saut, einer der Strategen von Raymond James, hat in der Vergangenheit immer wieder auf eine über mehrere Jahrzehnte hinweg bestätigte Erkenntnis hingewiesen: Eine dynamische Aufwärtsbewegung erstreckt sich sehr häufig über 17 bis 25 Börsentage, unterbrochen nur von sehr kurzen Rückschlägen. Dann hat sie sich gewöhnlich erschöpft. So lange dauert es nach Interpretation des Strategen gewöhnlich, bis die Masse der Baissiers und der Skeptiker zu Käufern bekehrt wird. Damit ist dann der Punkt erreicht, an dem „alle“, die kaufen wollten oder mussten, schon gekauft haben und die Verkäufer wieder die Oberhand gewinnen. Der Montag war der sechste Tag des dynamischen Aufschwungs, der nach Sauts Muster daher durchaus über das Monatsende hinausreichen kann.

          Auf dem Weg nach oben zunehmende negative Divergenzen

          Gegenwärtig sieht Saut nur zwei Möglichkeiten: Entweder bilden der S&P 500 und der Dow-Jones-Index für Industriewerte bald eine baisseträchtige „Doppelte Spitze“, oder es ist tatsächlich eine neue Haussephase entstanden. Eine klare Antwort vermag Saut derzeit nicht zu geben, doch er zeigt sich im Grund optimistisch.

          Walter Murphy, ein angesehener unabhängiger technischer Analyst, ist der Ansicht, dass der Aufschwung noch bis Ende Juli dauern kann, doch erwartet er dann eine Abwärtsbewegung, die sich mindestens in den September hinein erstrecken kann. Als Nahziel für den S&P 500 sieht Murphy den Bereich von 956 Punkten. Sollte es überschritten werden, könne der Index in die Zone zwischen 1007 und 1048 Zählern anziehen. Der technische Analyst erwartet auf dem Weg nach oben zunehmende negative Divergenzen, die einen Rückschlag in den Bereich von 866 bis 879 Punkten ankündigen könnten. Sollte diese Zone unterschritten werden, wäre nach seinen Erkenntnissen ein Absturz auf mindestens 777 bis 812 Zähler vorgezeichnet.

          Kaufneigung erstmals seit Wochen so zugenommen

          Louise Yamada, eine weithin beachtete selbständige technische Analystin, bemängelt die vergleichsweise geringen Umsätze und wertet dieses Phänomen als Zeichen für einen fortschreitenden technischen Verfall des Marktes. Dabei legt sie auch die außerhalb der New York Stock Exchange verzeichneten Umsätze und deren Verhältnis zu den dort ermittelten Umsätzen zugrunde. Yamada erinnert daran, dass hohe Umsätze die „Waffe der Haussiers“ sind. Wenn man rückläufige Umsätze mit den Beobachtungen von Lowry, nach denen die Kaufkraft kürzlich erst ein neues zyklisches Tief erreicht habe, kombiniere, ergebe sich kein günstiges Bild vom Zustand des amerikanischen Aktienmarktes.

          Mary Ann Bartels, die Chefanalystin der Technischen Analyse von Banc of America Securities-Merrill Lynch, hält an ihrer Zielzone von 1055 bis 1065 Punkten für den S&P 500 fest. Zunächst müsse aber noch der Bereich von 956 bis 965 Zählern überschritten werden. Sie führt eine Reihe technischer Indikatoren an, die ihre Haltung stützen. So habe die Kaufneigung nun erstmals seit Wochen so zugenommen, dass die Verkaufsbereitschaft übertroffen worden sei. Dies deute tendenziell auf weiter steigende Kurse hin.

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