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TecDax : Technologieaktien haben die Nase vorn

Bild: F.A.Z.

An den Börsen haben Technologieaktien in diesem Jahr die Nase vorn. Konjunkturhoffnungen treiben die Kurse. Der TecDax notiert um ein Drittel höher als zu Jahresbeginn. Der Dax hinkt hinterher.

          3 Min.

          An den Börsen haben Technologieaktien in diesem Jahr die Nase vorn. In Deutschland überrundet der Tec-Dax den Dax mit einem Aufschlag von 30 Prozent. Für deutsche Standardwerte ging es in den ersten knapp sieben Monaten nur um 10 Prozent aufwärts. Ein ähnliches Bild zeigt sich an der Wall Street: Während der Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq um rund ein Viertel höher liegt als zu Jahresbeginn, beläuft sich das Indexplus im breiten S&P 500 auf 8 Prozent.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Viele Technologieaktien gelten als klassische frühzyklische Werte: Erholt sich die Wirtschaft, dürfte diese Branche als eine der ersten davon profitieren. Das sieht in der Tat auch die Börse so. „Es ist ganz klar ein Zeichen der Hoffnung, dass die stark konjunkturabhängigen Technologieaktien nun so gut laufen“, sagen Aktienexperten wie Carsten Klude von M.M. Warburg. Wenn sich die Wirtschaft erhole, nehme auch die Bereitschaft der Unternehmen wieder zu, in neue Computer oder Software zu investieren: „Zudem kommt die Technologiebranche offenbar viel besser durch die Krise als gedacht. Gerade für sie läuft nicht nur die jüngste Berichtssaison sehr gut.“ Gleichwohl seien die Erwartungen nicht sonderlich optimistisch gewesen, so dass es den Unternehmen leichtgefallen sei, sie zu übertreffen, relativiert Klude.

          Erholung spielen

          Mit einem für dieses Jahr erwarteten Gewinnrückgang von durchschnittlich 8 Prozent schlagen amerikanische Technologiewerte den S&P 500. Hier wird ein Minus von 10 Prozent vorhergesagt. „Im Jahr 2010 rechnen Fachleute für die Technologiebranche im Durchschnitt schon wieder mit einem Gewinnplus von 19 Prozent“, sagt Klude. Nicht ganz so optimistisch sieht der Aktienstratege die europäischen Gesellschaften. Hier habe man auf der Kostenseite nicht so viel getan wie in Amerika. Es habe vor allem Kurzarbeit gegeben und weniger Entlassungen.

          Als wesentlichen Grund für die gute Kursentwicklung führt Gunther Kramert, Fondsmanager von Union Investment, die starken Bilanzen der Technologieunternehmen an. Häufig sei hier eine hohe Nettoliquidität gepaart mit einer geringen oder gar keiner Verschuldung. Das biete gerade in einer finanziell extrem angespannten Lage einen Sicherheitspuffer: „Und zudem haben sich viele Gesellschaften in ihrer Nische trotz der Krise operativ gut entwickelt.“ Der Markt nutze nun Technologiewerte als Vehikel, um eine Erholung zu spielen.

          Seit Jahren unter Druck

          Auch Frédéric Fayolle, Technologieexperte der Fondsgesellschaft DWS, verweist auf die finanziell solide Situation der Branche, die ihr in der Finanzkrise geholfen habe: „Dazu gesellt sich - ausgehend von den im Vergleich zu den Jahren 2000 und 2001 bereits deutlich niedrigeren Kosten - eine gute und vor allem frühe Kostendisziplin. Kosten wurden reduziert, schon bevor die Erträge durch eine schwächere Nachfrage fielen.“

          Kramert hebt die Kostensenkungen der Unternehmen ebenfalls positiv hervor. „Hier stehen die Preise und damit die Einnahmen seit Jahren unter Druck“, begründet er die hohe Kostenflexibilität der Branche. Vieles konnte überdies zunächst durch den Abbau der Vorräte abgefedert werden. Im ersten Quartal habe sich dann gezeigt, dass die Nachfrage nicht im gleichen Ausmaß zusammengebrochen sei, was nun wiederum Auftrieb gebe.

          Dem langfristigen Durchschnitt angenähert

          Es gibt gleichwohl weitere Aspekte, die nach Ansicht Fayolles für die Technologiebranche sprechen. Zum einen sei sie sehr zersplittert, was ein großes Potential für Fusionen und Übernahmen berge. Zum anderen sei ein Investment in die amerikanische Technologiebranche eine Absicherung gegen einen schwachen Dollar. „Diese Unternehmen dominieren den Weltmarkt zu rund drei Vierteln, wobei die im S&P 500 vertretenen Technologiewerte mindestens 40 Prozent ihrer Geschäfte im Nicht-Dollar-Raum tätigen.“ Früher galten Technologieaktien im Allgemeinen zudem als vergleichsweise volatil. Das habe sich geändert, sagt Fayolle und verweist auf ihre defensive Seite. Energie-, Rohstoff- und Finanzaktien seien nun wesentlich schwankungsfreudiger.

          Allerdings haben mit der Kursrally auch die Bewertungen der Technologieaktien deutlich zugenommen. „Sie haben sich ihrem langfristigen Durchschnitt angenähert“, sagt Kramert und sieht daher nurmehr begrenztes Kurspotential. In den Bewertungen sei schon eine relativ deutliche Erholung der Konjunktur eingepreist. Dennoch sollten die Unternehmen zumindest im dritten Quartal nochmals positiv überraschen können.

          Optimismus überwiegt

          Am Beispiel des Tec-Dax, der gleichwohl sehr solarlastig und damit nicht repräsentativ für die gesamte Technologiebranche ist, wird der Optimismus der Anleger deutlich. „Die Analysten gehen davon aus, dass sich die Gewinne der Tec-Dax-Unternehmen im nächsten Jahr gegenüber 2009 verfünffachen werden“, sagt Klude. Zusammen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 25 auf Sicht der nächsten zwölf Monate zeige dies, wie anspruchsvoll die Vorstellungen seien: „Diese Prämie ist eine Wette auf eine deutliche Konjunkturerholung.“ Zum Vergleich: Für den Dax beläuft sich das KGV derzeit auf 13.

          Für Fayolle sind die im Vergleich zu anderen Branchen insgesamt etwas höheren Bewertungen durchaus gerechtfertigt, da die Wachstumsraten im Technologiebereich höher und die Risiken in den Bilanzen geringer seien. Ihn stimmt allerdings nachdenklich, dass Technologiewerte in vielen Portfolios bereits hoch gewichtet seien, wie auch die monatliche Umfrage unter Fondsmanagern durch Bank of America Merrill Lynch zeige. Dennoch überwiegt sein Optimismus.

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