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Südamerika-Krise : Bricht auch in Uruguay das Finanzsystem zusammen?

  • Aktualisiert am

Auch in Uruguay protestiert die Bevölkerung Bild: AP

Weil Anleger ihre Guthaben in rauen Mengen abzogen, wurden in Uruguay die Banken geschlossen. Auch andere Länder sind bedroht.

          2 Min.

          Wegen seines stabilen Finanzsystems, das Investoren aus aller Welt anzog, wurde Uruguay einst die „Schweiz Südamerikas“ genannt. Das ist lange her. Uruguay, wirtschaftlich abhängig von seinen großen Nachbarn Argentinien und Brasilien, steckt längst im Strudel ihrer Wirtschaftskrisen. Am Dienstag hat sich die Lage so sehr verschlimmert, dass die Regierung in Montevideo Banken und Börse für zunächst 24 Stunden schließen musste. Ähnlich begann im November 2000 in Argentinien die schwerste Finanzkrise der Geschichte des Landes.

          Die Südamerika-Krankheit breitet sich aus, und bald könnten sich auch andere Regionen anstecken. Neben Argentinien, Brasilien und Uruguay kämpft Venezuela mit schwierigen Wirtschaftsproblemen. Auch in Brasilien verschärfte sich am Dienstag die Lage. Der US-Dollar stieg in São Paulo um etwa 8,0 Prozent auf 3,30 Real. Im laufenden Jahr gewann der Dollar in Brasilien damit bereits knapp 40 Prozent an Wert. Das könnte die Inflation anheizen, die zur Zeit noch bei sieben Prozent im Jahr liegt. Das Länderrisiko Brasiliens stieg erneut kräftig um 250 Zähler auf 2.300 Basispunkte, einer der drei höchsten Werte der Welt.

          Der Verfall der Währungen in Brasilien und Uruguay belastete auch die Börse in Kolumbien, die starke Kursverluste verzeichnete. Manche Beobachter befürchten, dass sich bald auch Russland und andere volatile Märkte die Südamerika-Grippe einfangen.

          Kapitalflucht erzwingt ersten Bankfeiertag seit Jahrzehnten

          Einen außerplanmäßigen Bankfeiertag wie am Dienstag hat es in Uruguay seit siebzig Jahren nicht mehr gegeben. Zuvor hatte ein Sturm der Sparer auf die Konten eingesetzt. Allein am Montag zogen die Anleger 52 Millionen Dollar aus den Banken ab. Der Kurs des Dollar schoss binnen weniger Stunden von 29 Peso auf 35 Peso in die Höhe.

          Ende vorigen Jahres verfügten die uruguayischen Banken noch über Einlagen im Umfang von 13 Milliarden Dollar. Inzwischen sind es nur noch neun Milliarden Dollar, fast ein Drittel weniger. Im gleichen Zeitraum fielen die Devisenreserven der Zentralbank um mindestens 75 Prozent. Aufgrund der Kapitalflucht haben die Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's und Moody's ihre Bonitätsnote für das Land gesenkt. Standard & Poor's senkte das Langfristrating für uruguayische Staatsanleihen auf „B“ von zuvor „BB-“. Bereits „BB-“ gilt als spekulativ, „B“ kennzeichnet noch riskantere Anleihen.

          Die Alternativen: Zusammenbruch von Banken oder Kontenblockade

          Nicht nur das Finanzsystem Uruguays steckt tief im Schlamassel. Auch die öffentlichen Haushalte leiden unter den Wirtschaftsproblemen. Das Defizit der zwölf Monate bis März 2002 beträgt 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - und lässt die Investoren nach Argentinien und Brasilien jetzt auch an Uruguay zweifeln.

          Die Regierung des geschwächten Präsidenten Jorge Battle hat nun die Wahl zwischen dem Teufel und Beelzebub, sagen Analysten: Entweder lässt Battle zu, dass einige Banken zusammenbrechen, oder er folgt dem Beispiel Argentiniens, wo die Konten immer noch eingefroren sind. Der Bankenfeiertag verschafft ihm zumindest eine Atempause.

          Noch versprechen IWF und USA ihre Unterstützung

          Uruguay seckt in einer der tiefsten Rezessionen seiner Geschichte, die seit mehr als drei Jahren anhält. Als im Januar die argentinische Krise eskalierte, verschärfte sich auch die Rezession in Uruguay. Die Krise in Argentinien säte den Keim des Misstrauens gegenüber Uruguays Banken.

          Im Gegensatz zu Argentinien hat Uruguay bislang noch die Unterstützung des Internationalen Währungsfonds IWF. Der Fonds hat ein Kreditpaket von mehr als zwei Milliarden US-Dollar für die Jahre 2002 und 2003 genehmigt. Uruguay hat davon bereits 650 Millionen Dollar erhalten. Zur Zeit laufen weitere Verhandlungen mit dem IWF. Sie waren jedoch nicht wie erhofft am Wochenende abgeschlossen worden, was zum Sturm auf die Bankeinlagen beitrug.

          Am Dienstag hat nun auch die USA Uruguay ihre Unterstützung zugesagt. Ob die Absichtserklärungen das Land stabilisieren können, bleibt jedoch abzuwarten.

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