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Südamerika : Aktienmärkte bieten ein trübes Bild

  • -Aktualisiert am

Rauhe See: Wellen branden an den Strand der Copacabana in Rio de Janeiro Bild: AFP

Die jeweiligen Aktienkurse an den Börsen Perus und Brasiliens sind seit Jahresanfang deutlich zurückgegangen. Die Politik spielt in beiden Fällen eine entscheidende Rolle.

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          Südamerika macht Aktienanlegern derzeit wenig Freude. Der auf Dollarbasis berechnete MSCI-Index für Lateinamerika liegt gegenüber Jahresanfang um rund 6 Prozent im Minus. Damit entwickelt sich die Region deutlich schlechter als andere Schwellenländer oder die etablierten Märkte. Die größten Sorgenkinder sind derzeit Peru und Brasilien. In Peru hat der Sieg des Linksnationalisten Ollanta Humala bei den Präsidentenwahlen am 5. Juni die Aktienkurse auf Talfahrt geschickt. Die Anleger befürchten dort, Humala könne der Verstaatlichungspolitik seines früheren Mentors Hugo Chávez, dem Staatschef Venezuelas, nacheifern.

          Humala hat allerdings nach seinem Wahlsieg wie schon in der Schlussphase des Wahlkampfes beruhigende Signale an die Märkte gesendet - Verstaatlichungen wie in Venezuela seien nicht geplant und an der Stabilitätspolitik werde festgehalten. Als Vorbild nennt Humala jetzt Brasiliens ehemaligen Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva, nicht Chávez. Die Kurse an der Börse von Lima haben sich von dem Rekordeinbruch am Tag nach der Wahl um 11 Prozent erholt. Gegenüber Jahresanfang liegen sie in Dollar gerechnet jedoch immer noch um 10 Prozent niedriger.

          Peru als Nischenmarkt

          Peru hatte in den vergangenen Jahren eine der größten Erfolgsgeschichten der Aktienmärkte Südamerikas geliefert. Allein 2010 waren die Aktienkurse um mehr als 70 Prozent gestiegen. Die Wirtschaft wächst seit 2005 im Schnitt um mehr als 7 Prozent pro Jahr. Der führende Exporteur von Silber, Kupfer und anderen Bergbauprodukten wurde zum Nettogläubiger gegenüber dem Ausland. Doch Strategen der Deutschen Bank wollen noch keine Entwarnung für Peru geben. Im Vergleich zu den fortbestehenden Risiken seien die Aktien zu hoch bewertet. Wenn überhaupt, sollten Anleger lieber Banken oder Konsumwerte statt Bergbauaktien kaufen. Denn Humala will die Minenbetreiber höher besteuern und diese Mittel zur Bekämpfung der Armut einsetzen. Das erinnert an die Politik des Brasilianers Lula nach dessen Wahlsieg 2002. Lulas Kombination von Stabilitäts- und Sozialpolitik hatte an der Börse von São Paulo (Bovespa) zu einer mehrjährigen Hausse geführt. Allerdings war das Ausgangsniveau von Aktienkursen, Unternehmensgewinnen und dem Außenwert der Währung in Brasilien damals wesentlich niedriger als heute in Peru.

          Bild: F.A.Z.

          Peru ist dabei ohnehin nur ein Nischenmarkt. Internationale Anleger schauen vor allem auf Brasilien, den mit Abstand größten Markt Lateinamerikas. Obwohl die Unternehmen dort im ersten Quartal 2011 abermals Rekordgewinne eingefahren haben, dümpelt der Bovespa-Leitindex um 10 Prozent unter dem Stand von Jahresanfang. Die Gewinnspannen könnten ihren Höhepunkt erreicht haben, heißt es von Seiten der Deutschen Bank. So könne der Bergbaukonzern Vale, der seinen Gewinn im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr fast vervierfacht hat, kaum mit einem weiteren Anstieg der Eisenerzpreise rechnen. Mit Sorge betrachten brasilianische Analysten jeden Konjunkturindikator aus den Vereinigten Staaten und vor allem aus China.

          In Brasilien steigt die Inflationsrate

          Denn eine Abflachung der Konjunktur in den größten Volkswirtschaften der Welt würde die bisher hohe Nachfrage nach Brasiliens Rohstoffen dämpfen. Auf dem Inlandsmarkt drücken steigende Lohnkosten die Gewinnmargen. Ein weiteres Problem ist die auf 6,6 Prozent gestiegene Inflation. Auch wenn die Preissteigerungsrate im Mai erstmals wieder sank, geben Experten noch keine Entwarnung: Solange die Inflation über dem Zielwert der Zentralbank liegt, fürchten die Marktteilnehmer weitere Zinserhöhungen oder andere Bremsmanöver von Regierung und Zentralbank, die gleichzeitig versuchen, die Aufwertung der Landeswährung Real zu bremsen.

          "Man kann nicht vorhersehen, welche Branchen oder Unternehmen von den nächsten Maßnahmen betroffen sein werden", sagt Octavio de Barros, Chefökonom der Bank Bradesco. Viele Anleger verstört zudem die zunehmende Einflussnahme der Regierung auf einzelne Unternehmen, an denen der Staat direkt oder indirekt eine Kontrollmehrheit der Aktien hält. So hat die Regierung vor kurzem einen Wechsel an der Spitze von Vale durchgesetzt. Beobachter fürchten nun, dass der Bergbaukonzern künftige Investitionen an den industriepolitischen Prioritäten der Regierung ausrichtet, die nicht unbedingt im Interesse der Privataktionäre stehen. Bei dem staatlich dominierten Ölkonzern Petrobras lässt die Regierung seit Monaten keine Anpassung der Benzinpreise an die gestiegenen Rohölpreise zu. Die Aktien von Vale und Petrobras, die allein 27 Prozent des Bovespa-Indexes ausmachen, verzeichnen seit Jahresbeginn zweistellige Kursverluste. Lichtblicke bieten in Brasilien Telekom-Unternehmen und Energieversorger, deren Preise mit der Inflation steigen, während die hohen Arbeitskosten weniger ins Gewicht fallen. Die Kurse dieser dividendenstarken Titel stiegen seit Jahresbeginn um bis zu 45 Prozent.

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