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Irreführende Prognosen : Der verzweifelte Versuch, den Dax vorherzusagen

Glaskugel der Analysten: Wie verlässlich sind automatisierte Prognosen von Lebensläufen? Bild: dpa

Ein Vergleich der Dax-Prognosen der vergangenen 20 Jahre zeigt: In den meisten Fällen lagen sie völlig daneben. Eine Studie der Sutor Bank kommt zu einem vernichtenden Ergebnis.

          3 Min.

          Niemand hat eine Glaskugel. Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen – das wusste schon Mark Twain. Trotzdem ist es ernüchternd, was herauskommt, wenn man einmal vergleicht, wie die Prognosen der Analysten aus den Finanzinstituten in den vergangenen 20 Jahren für den deutschen Aktienindex Dax aussahen – und was dann tatsächlich für den Index herauskam. Die Hamburger Sutor Bank hat das jetzt einmal zusammengestellt und dazu jeweils die durchschnittlichen Vorhersagen der Fachleute zum Jahreswechsel mit dem tatsächlichen Stand des Index verglichen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Abweichungen sind gewaltig. Exakt richtig lagen die Analysten nie, aber das hatte sicher auch niemand erwartet. In einem Jahr, 2015, kamen sie mit dem Tipp eines Zuwachses im Dax von 9,44 Prozent der Sache schon außergewöhnlich nahe, tatsächlich wurde es ein Plus von 9,56 Prozent. Aber das war die absolute Ausnahme. In den meisten Jahren lagen die Prognostiker im Durchschnitt völlig daneben. In 13 von 20 Jahren betrug der Abstand zwischen Prognose und tatsächlichem Ergebnis mehr als 10 Prozentpunkte, in einem Jahr ungefähr 10 Punkte. Angesichts von häufigen Zuwachsraten im Dax von rund 20 Prozent oder weniger muss ein Prognosefehler von 10 Prozentpunkten als sehr gravierend betrachtet werden. Selbst das Vorzeichen, also die Frage, ob der Dax in einem Jahr gewinnt oder verliert, wurde immer wieder falsch getippt.

          Zu den Jahren mit herausragenden Abweichungen gehörte natürlich das Finanzkrisenjahr 2008. Das mag man ja vielleicht noch verzeihen. Da hatten sich die Analysten vorher die Welt noch so nett vorgestellt – und dann brach Lehman Brothers zusammen. Die Prognose für den Dax in dem Jahr hatte bei einem Plus von 6,75 Prozent gelegen, tatsächlich heraus kam dann ein Minus von 40,37 Prozent. Am Ende des Jahres stand der Dax nur noch bei rund 4800 Punkten, nachdem es zum Jahresbeginn noch mehr als 8000 Punkte gewesen waren. Auch solche Jahre gab es.

          Prognosen häufig zu positiv

          Nicht viel besser waren die Prognosen für 2001 und 2002. Für 2001 hatten die Analysten ein Plus von 21,84 Prozent vorhergesagt. Dann kam der 11. September. Und heraus kam ein Minus für den Dax von 19,79 Prozent. Für das darauffolgende Jahr waren die Analysten dann etwas vorsichtiger und sagten nur noch ein Plus von 10,91 Prozent vorher. Stattdessen erlebte der deutsche Aktienmarkt einen Kurssturz wie seit der Währungsreform von 1948 nicht mehr. Heraus kam ein Minus von 43,94 Prozent. Eine Abweichung von mehr als 50 Prozentpunkten – das war Rekord in den vergangenen 20 Jahren.

          In der Studie werden auch einige systematische Abweichungen zwischen Prognose und tatsächlicher Entwicklung beobachtet. So waren die Prognosen oft sehr positiv. Nur in zwei von 20 Jahren sagten die Analysten überhaupt einen Rückgang des Dax vorher, und auch da um recht moderate Raten. Für das Jahr 2000 hatten sie im Durchschnitt ein Minus von 4,69 Prozent vorhergesagt, das dann größer ausfiel. Und für 2016 hatten sie ein kleines Minus von 0,1 Prozent vorhergesagt, zu dem es dann nach der Dezember-Rally zum Glück für die Anleger nicht gekommen ist. Diesen zwei vorhergesagten Minus-Jahren standen in den zwei Dekaden allerdings immerhin fünf Jahre mit einem tatsächlichen Minus im Dax gegenüber – bei denen wiederum in vier von fünf Jahren das Minus sogar zweistellig ausfiel.

          Rollenaufteilung unter Analysten

          Das könnte die Vermutung nahelegen, dass es bei Analysten Anreize gibt, tendenziell immer zu positive Prognosen abzugeben – vielleicht, weil viele von ihnen bei Institutionen arbeiten, die Aktien verkaufen wollen. Allerdings spricht gegen diese These, dass die reine Zahl der Jahre, in denen die Analysten mit ihrer Prognose über dem tatsächlichen Verlauf des Dax lagen, mit sechs von 20 Jahren die Minderheit darstellen. Es scheint eher so zu sein, dass die Analysten die extremen Ausschläge nicht erfasst haben – und dass sie die Vorhersage eines Dax-Rückgangs scheuten.

          Dabei gibt es offenkundig eine Rollenaufteilung unter den Analysten. „Mindestens ein Stratege wartet jedes Jahr mit einer besonders gewagten Vorhersage auf, extrem positiv oder extrem negativ“, heißt es in der Studie. Dahinter kann eine Marketingstrategie stecken. Gerade kleine Häuser, bei denen an der Prognose nicht so viele Abteilungen und Entscheidungen hängen wie in großen Banken, könnten mit einer gewagten Prognose um Aufmerksamkeit kämpfen. Schließlich sind die Folgen, wenn sie danebenliegen, für sie überschaubar. „Manche Extremposition wird möglicherweise bewusst gewählt, um sich von anderen Meinungen abzuheben“, wird in der Studie vermutet.

          Auswirkungen der Politik überschätzt

          Die Autoren kommen sogar zu dem vernichtenden Ergebnis, die Prognosen seien „kurzfristig sinnlos“. Der Trost, den sie bieten, dass nämlich der durchschnittliche Anstieg des Dax über alle 20 Jahre hinweg mit 7,14 Prozent je Jahr nicht so ganz weit weg lag vom Durchschnitt aller Prognosen mit 8,55 Prozent, bringt einen dann allerdings auch nicht sehr viel weiter.

          Bild: F.A.Z.

          Für das laufende Jahr sind die Analysten durch die Bank eher vorsichtig. Oft wird das mit den politischen Risiken begründet. Dabei hat das vergangene Jahr eigentlich gezeigt, dass die Analysten die Auswirkungen von politischen Risiken für die Börse überschätzt haben. „Beim Brexit in Großbritannien und auch bei der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten irrten die Kapitalmarktprognostiker, wie auch die Meinungsforscher“, heißt es in der Untersuchung. Vorausgesagt wurden überwiegend schwere Verwerfungen an den Finanzmärkten. Zwar gab es in beiden Fällen zunächst eine erhöhte Volatilität und vor allem im Zuge des Brexits kurzfristig einige Kursrückgänge an den Aktienmärkten. Doch haben sich die Märkte bald darauf wieder erholt. Im Nachgang zur Wahl in Amerika gab es sogar deutliche Kurssprünge nach oben. Wer trotz der vorhergesagten Marktturbulenzen die Ruhe bewahrte, konnte gerade zum Jahresende hin noch von einigen Kurssteigerungen an den Aktienmärkten profitieren.

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