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Strategie : Zyklischer Börsenboom auf Pump und Zeit

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Der Kurs- und Preisaufschwung an den Börsen und den Rohstoffmärkten ist phänomenal. Trotz aller Wirren liefern viele Unternehmen erstaunlich robuste Umsatz- und Gewinnzahlen. Steigende Materialkosten jedoch belasten immer öfter die Margen.

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          Der Kurs- und Preisaufschwung an den Börsen und den Rohstoffmärkten ist phänomenal. Er begann mitten in der Krise und führte bei einzelnen Aktienmärkten etwa in der Mongolei, der Ukraine, in Sri Lanka, Peru, Jakarta, Argentinien, Russland, Estland oder der Türkei zu Kursgewinnen in Euro zwischen 195 und 480 Prozent.

          Selbst der Dax konnte von Anfang März des Jahres 2009 bis Anfang Februar des Jahres 2011 seinen Punktestand fast verdoppeln. Angesichts der weiterhin sehr expansiven geld- und fiskalpolitischen Strategien in weiten Teilen der Welt, der unheimlich optimistischen Stimmung unter Unternehmen und Konsumenten sowie der einmal etablierten Trends scheinen weitere Kursgewinne naheliegend zu sein.

          Trotz aller Wirren liefern Unternehmen robuste Umsatz- und Gewinnzahlen

          Immerhin überraschen viele Unternehmen trotz der Querelen um hohe Staatsschulden oder der geopolitischen Unsicherheiten in Nordafrika mit erstaunlichen Umsatz- und vor allem auch Gewinnzahlen. Angesichts optimistischer Erwartungen und entsprechender Gewinnschätzungen scheinen zumindest in den Industriestaaten die Aktien vieler Unternehmen noch ungemein günstig zu sein und weiteres Kurspotenzial zu bieten.

          Bild: FAZ.NET

          Dieser optische Eindruck dürfte zusammen mit steigenden Kursen nach und nach immer mehr Privatanleger in der Markt ziehen, nachdem viele der professionellen Fondsmanager gemäß regelmäßig stattfindender Umfragen längst voll investiert sind. Der Risikoappetit ist ungemein groß. Das zeigt sich nicht nur daran, dass die Aktienkurse an sich vergleichsweise schwacher Unternehmen besonders gut laufen, sondern auch an der zunehmenden Spekulation auf Kredit. Anleger und auch die Banken verhalten sich längst wieder so, als ob es nie eine Krise gegeben hätte und als ob es nie wieder eine geben würde.

          Dabei sind die Zeichen einer zyklischen Überhitzung längst auszumachen. Sie zeigen sich in Form der sehr teuren Energie- und Rohstoffkontrakte. Sie schlagen nach und nach in den Inflationsraten weltweit durch. Hohe Agrarpreise machen sich vor allem in den Schwellenländern bemerkbar, wo sie stark in den Inflationsindizes gewichtet sind. In einzelnen Ländern führen die hohen Nahrungsmittelpreise zu Unruhen. Selbst in Tunesien hätten sie zum Sturz der Regierung beigetragen, heißt es.

          Sollten die Energie- und Rohstoffpreise so hoch bleiben oder gar weiter steigen, müssten die Zentralbanken bald gegensteuern und geldpolitisch restriktiver werden. Schon jetzt beschneiden sie immer mehr die Kaufkraft der Konsumenten. Das kann den mittels enormer Staatsschulden induzierten Wirtschaftsaufschwung ausbremsen. Auch auf der Unternehmensseite machen sie sich bemerkbar, indem sie die Gewinnmargen schmälern.

          Steigende Materialkosten jedoch belasten immer öfter die Margen

          Nach SKF am Dienstag erklärt am Mittwoch der schwedische Hausgerätehersteller Electrolux, er habe im vergangenen Jahr zwar einen Rekordgewinn erzielt, habe aber zunehmend mit steigenden Materialkosten und teilweise sinkenden Preisen zu kämpfen. Daraufhin fiel der Kurs der Aktie in Stockholm um bis zu 8,5 Prozent auf bis zu 166,5 Kronen. Konzernchef Keith McLoughlin sagte „Die Kosten für unsere wichtigsten Rohstoffe steigen weiter. Das gilt neben Stahl auch für andere Metalle und Plastik.“

          Diese Kombination an Fakten stellt in Frage, ob die Aktien weltweit wirklich so günstig sind, wie sie angesichts optimistischer Gewinnerwartungen optisch aussehen mögen. Die Unternehmen konnten in den vergangenen Jahren aufgrund verschiedener Sonderfaktoren ihre Margen zwar deutlich über das langfristig übliche Niveau steigern, der Blick auf die Vergangenheit jedoch lehrt, dass die Ertragsmargen regelmäßig zu einem Mittelwert zurück tendieren. Die ersten entsprechenden Tendenzen zeichnen sich nun bei den genannten schwedischen Unternehmen ab.

          Aus diesem Grund hat der amerikanische Ökonom Robert Shiller eine Kennzahl entwickelt, die die Kurse nicht mit den aktuellen oder für die Zukunft erwarteten Gewinnen vergleicht, sondern mit jenen, die im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre erzielt wurden. Betrachtet man die Entwicklung dieser CAPE (Cyclically Adjusted Price Earnings Ratio) genannten Kennzahl, so liegt sie bezogen auf die Werte des S&P-500-Index bei knapp 24. Damit ist dieser Markt gemessen am langfristigen Durchschnitt von 16,35 (berechnet ab dem Jahr 1881) deutlich überbewertet.

          Aus diesem Grund tendieren kritische Anleger dazu, die etablierten Trends zwar auszureizen. Sie bereiten sich jedoch strategisch auf Kursrückschläge vor, die von steigenden Zinsen oder den hoch bleibenden Energie- und Rohstoffkosten ausgelöst werden können.

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