https://www.faz.net/-gv6-12nhi

Strategie : Versorger und Gesundheitswerte trotzen der Krise

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Die Aktienkurse steigen. Die Nachrichten aus der Wirtschaft aber sind alles andere als begeisternd. Die Chemiekonjunktur sei weit von einem echten Aufschwung entfernt, erklärt BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht. Nur Versorger und Gesundheitswerte trotzen der Krise.

          3 Min.

          In der Hoffnung auf eine rasche und deutliche Erholung der Weltwirtschaft laufen die Börsen beinahe weltweit im Trend weiter nach oben. Möglicherweise verstärken sich solche Trends selbst, indem sie immer mehr Anleger in den Markt ziehen, die keine weiteren Verluste in Form verpasster Kursgewinne hinnehmen wollen oder können, wenn ihr Erfolg beispielsweise an einem Index gemessen wird. Gerade diese werden zunehmend gezwungen, die üppigen Geldmarktanlagen aufzulösen, um sie in riskantere Anlageformen umzuschichten.

          Dabei ist die fundamentale Lage keineswegs berauschend. Sie zeigt sich an Äußerungen wie jenen von BASF, die nach der Bekanntgabe eines Umsatzrückgangs um 23 Prozent auf 12,5 Milliarden Euro und einem um knapp 74 Prozent auf 343 Millionen Euro gefallenen Nettoquartalsgewinn erklärte, das Unternehmen werde im laufenden Jahr wohl kaum die eigenen Kapitalkosten erwirtschaften können.

          Chemiekonjunktur weit von einem echten Aufschwung entfernt

          Ferner erklärte das Unternehmen, die weltweite Chemiekonjunktur sei noch weit von einem echten Aufschwung entfernt. So ging das Geschäft mit Chemikalien im Vergleich zum Vorjahresquartal um 41 Prozent zurück. Der Umsatz mit Kunststoffen sank um 30 Prozent. Die Korrektur des Ölpreises und tiefe Gaspreise trieben das Energiegeschäft der BASF um 23 Prozent nach unten. Es gebe bisher nur leichte Lichtblicke. So sehe es etwa in Nordamerika so aus, als sei die konjunkturelle Talsohle erreicht und die Wirtschaft Chinas wachse wieder stärker. Die Gefahr eines erneuten schmerzhaften Rückschlags durch Überkapazitäten, Unternehmensinsolvenzen und wachsende Arbeitslosigkeit bestehe aber nach wie vor, erklärte das Unternehmen weiter.

          Das will etwas heißen. Denn BASF ist mit einem Umsatz von rund 62 Milliarden noch im vergangenen Geschäftsjahr nicht nur mit Abstand das größte Unternehmen seiner Art weltweit, sondern es ist auch global vertreten. Da beinahe Produktionsunternehmen direkt oder indirekt in irgendeiner Form Produkte und Dienstleistungen von BASF beziehen, spürt das Unternehmen unmittelbar den Puls der Weltwirtschaft.

          Nicht nur BASF spürt weiterhin die Schwäche. Blickt man auf die Umsatzentwicklung der 500 weltgrößten Unternehmen nach Marktkapitalisierung im vergangenen Quartal, so mussten 60 Prozent derjenigen, die bisher ihre Berichte vorlegten, Umsatzrückgänge hinnehmen. Der durchschnittliche Umsatzrückgang lag bei 16,3 Prozent. Am stärksten gingen die Erlöse im Energie- und Grundstoffbereich zurück, wo sie u knapp 47 und 37 Prozent fielen. Danach folgten die Hersteller von Verbrauchsgütern, die Industrie- und Dienstleistungs- sowie die Technologieunternehmen mit Umsatzrückgängen zwischen 21 und elf Prozent. Die Versorger und die Telekommunikationsfirmen konnten ihre Umsätze halten, während die Finanzdienstleister aufgrund der Basiseffekte und außerordentlich vorteilhafter Rahmenbedingungen einen Zuwachs von 31 Prozent verzeichneten.

          Positive und negative Überraschungen hielten sich in punkto Umsatzentwicklung die Waage. Dagegen überwogen bei der Gewinnentwicklung die positiven Überraschungen. Das liegt jedoch vor allem daran, dass sich der Markt offensichtlich einfach überraschen lassen wollte, um steigende Kurse rechtfertigen zu können. Denn faktisch sieht die Entwicklung der Nettogewinne verheerend aus, zumal sie zu einem großen Teil durch dramatische Kostensenkungen verbessert wurden.

          Versorgern und Gesundheitswerte entwickeln sich robust

          Volle 60 Prozent der Unternehmen mussten Gewinnrückschläge von durchschnittlich 28,2 Prozent hinnehmen. Der Durchschnitt wird stark geschönt durch Gewinnzuwächse von 27 Prozent bei den Versorgern und eine robuste Ertragsentwicklung im Gesundheits- und Finanzdienstleistungsbereich. Dagegen ging es in der Grundstoff-, Energie- und Verbrauchsgüterindustrie richtig zur Sache: Die Nettogewinne fielen zwischen 87 und 57 Prozent. Selbst die Industrie- und Technologieunternehmen mussten Gewinnrückgänge von 34 und 20 Prozent hinnehmen.

          In den kommenden Monaten mögen riesige Konjunkturprogramme und extreme Geldpolitiken dazu beitragen, dass die Weltwirtschaft ausgehend von einem tiefen Niveau zumindest vorübergehend deutlich wachsen kann. Das heißt jedoch nicht, dass die Unternehmen auch ihre Gewinne werden deutlich steigern können. Denn ihre Kapazitäten sind im Vergleich mit den Fixkosten nur schwach ausgelastet. Die Kostenschraube jedoch lässt sich nicht mehrfach im gleichen Ausmaß anziehen wie in den vergangenen Monaten. Zudem kann es dann zu Rückschlägen kommen, wenn die auf Pump finanzierten Ausgabenprogramme, die zu zum Teil schwachsinnigen Investitionen führen, auslaufen.

          Mittel- und langfristig scheint es unwahrscheinlich zu sein, dass sich zumindest in den entwickelten Staaten der Kreditboom der vergangenen Jahrzehnte wiederholen wird. In China dagegen ist gerade jetzt einer in vollem Schwange. Auch dort wird sich zeigen müssen, was passiert, wenn die „geldpolitische Droge“ entzogen wird und wenn gleichzeitig die Exportnachfrage im Vergleich mit den vergangenen Jahren verhalten bleibt.

          Anleger dürften aus diesen Gründen dazu tendieren, laufende oder kurzfristig entstehende Trends taktisch und wetterwendisch zu „spielen“ bis sie brechen. Für langfristige Anlagen eigenen sich allenfalls jene Sektoren, die sich auch in den vergangenen Quartalen robust entwickelt haben: Selektive Pharma- und Gesundheitswerte, Versorger und verbrauchsorientierte Dienstleistungen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.
          Das Brexit-Abkommen sei nur ein erster Schritt, dem die Regelung des Verhältnisses zwischen der EU und dem Nichtmitglied Großbritannien folgen müsse, sagt Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier.

          Ringen um den Brexit : Gibt es doch noch einen neuen Deal?

          Noch ist in den Brexit-Verhandlungen alles offen. Doch in Brüssel wird bereits mit Argusaugen verfolgt, wie sich jene Unterhaus-Abgeordneten positionieren, auf deren Unterstützung Johnson für ein Abkommen angewiesen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.