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Solarwerte : Q-Cells verdeutlicht die Probleme der Branche

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Bild: FAZ.NET

Die Solarwerte sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren: Höhenflieger an der Börse. Das Umfeld hat sich zu ihren Ungunsten verändert. Zur Weltwirtschafts- und Strukturkrise kommen vielfach noch hausgemachte Probleme.

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          Die Photovoltaikindustrie befindet sich nach Jahren des Booms offensichtlich in einer Krise. Sie hat den weltgrößten Solarzellenhersteller Q-Cells im zweiten Quartal des laufenden Jahres offensichtlich mit voller Härte erwischt.

          Die erhoffte Trendwende sei ausgeblieben, teilte das Unternehmen am Dienstag auf der Basis vorläufiger Geschäftszahlen mit. Die bereits drei Mal reduzierte Prognose wurde nun ganz gekippt. Wegen der derzeit „unsicheren“ Marktsituation sei keine verlässliche Aussage für das Gesamtjahr zu treffen. Zugleich kündigte der Vorstand ein umfassendes Maßnahmenpaket an. Es beinhaltet die Kürzung von Investitionen und eine Verschärfung des Sparprogramms.

          Aktien von Q-Cells stehen deutlich unter Druck - Trend zeigt nach unten

          An der Börse gerieten nicht nur die Q-Cells-Aktien deutlich unter Druck, sondern auch die der gesamten Branchen. Zum Handelsauftakt brachen die Papiere von Q-Cells um 10,36 Prozent auf 11,85 Euro ein, Kursverluste von mehr als drei Prozent verbuchten aber auch die Werte von Phoenix Solar, Solarworld und SMA Solar.

          „Desaströs“, lautete das kurze Urteil eines Börsianers zu den Neuigkeiten von Q-Cells. Sowohl der vorläufige Umsatz als auch das Ergebnis vor Zinsen und Steuern lägen deutlich unter den Konsens-Schätzungen. Nach Ansicht eines weiteren Händlers hat Q-Cells das Vertrauen der Marktteilnehmer weiter zerstört. „Das ist das gleiche Muster wie beim vergangenen Mal: Erst versucht das Unternehmen die Gemüter zu beruhigen und kurz danach platzt dann die Bombe“, sagte der Börsianer. Er erinnerte an den Dezember des Jahres 2008, als das Unternehmen eine erst einen Monat zuvor erhöhte Prognose völlig überraschend wieder kürzte.

          Niedrigere Absatzmengen, die Verschiebung eines Großprojektes in das dritte Quartal und der anhaltende Preisverfall für Solarzellen ließen den Umsatz auf 142 Millionen Euro einbrechen. Das war weniger als die Hälfte aus dem Vorjahreszeitraum und auch noch einmal gut 80 Millionen Euro weniger als im ersten Quartal 2009. Die Branche hatte zuletzt stets versucht, das erste Quartal eines Jahres als das traditionell schlechteste darzustellen und so die Hoffnung auf eine Besserung zu begründen. Während Q-Cells aber von Januar bis März operativ noch 15 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete, rutschte das Ergebnis im zweiten Quartal tief in die Minuszone. Der Verlust vor Steuern und Zinsen lag nun bei 62 Millionen Euro. Vor einem Jahr stand an dieser Stelle noch ein Gewinn von rund 60 Millionen Euro.

          Zum Nettoergebnis machte das Unternehmen noch keine konkreten Angaben. Auch hier wird es aber voraussichtlich tiefrote Zahlen geben, da noch 200 Millionen Euro Abschreibungen auf die inzwischen veräußerte Beteiligung am norwegischen Waferhersteller Renewable Energy Corporation (REC) verbucht werden müssen. Im ersten Quartal hatte Q-Cells deshalb bereits einen Nettoverlust von 400 Millionen Euro vermeldet. Das Unternehmen betonte aber, finanziell auf gesunden Füßen zu stehen. Der Bestand an liquiden Mitteln und kurzfristig verfügbaren Kreditlinien betrage 520 Millionen Euro.

          Keine Besserung bei der Preisentwicklung zu erwarten

          Für das restliche Jahr wollte Q-Cells nun keine Umsatzprognose mehr geben. „Wir rechnen mit einer Erholung der Volumen“, sagte Q-Cells-Chef Anton Milner in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Bei den Preisen erwarte er hingegen keine Besserung. Die Solarbranche leidet unter einem massiven Preisverfall. Dieser wurde ausgelöst durch einen drastischen Nachfrageeinbruch im Zuge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Hinzu kommt, dass weltweit die Kapazitäten in den Boomzeiten massiv erhöht wurden, so dass nun das Angebot die Nachfrage deutlich übertrifft. Auf der anderen Seite hat Q-Cells nach eigenen Angaben den Preisverfall bislang wegen langfristiger Verträge nicht vollständig an seine Lieferanten weitergeben können.

          Der Q-Cells-Vorstand will nach eigenen Angaben mit einem umfassenden Maßnahmenprogramm reagieren. Dazu sollen die Kapazitäten stärker an die Nachfrage angepasst werden. Geplante Investitionen sollen zusammengestrichen werden. Das eingeleitete Sparprogramm will das Unternehmen verschärfen und das Projektgeschäft forcieren. Stellen will Q-Cells nach eigenen Angaben möglichst nicht streichen. Die seit Mai geltende Kurzarbeit solle aber ausgeweitet werden. Details zum Maßnahmenprogramm will Q-Cells bei der Vorlage der endgültigen Quartalszahlen am 13. August vorstellen.

          Insgesamt wird klar, dass trotz hoher Subventionen aus einer Boombranche innerhalb kurzer Zeit eine Krisenbranche wurde. Daran dürfte sich auf die Schnelle nur wenig ändern. In diesem Sinne werden Anleger dazu tendieren, entsprechende Aktien mit der notwendigen Skepsis zu betrachten. Die solidesten Werte lassen sich im Moment noch unter den Maschinenbauern in diesem Bereich finden.

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