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Siemens : Warten auf Kaesers großen Auftritt

Siemenszentrale am Wittelsbacherplatz in München Bild: Jockisch, Anna

Die Börse hat Joe Kaeser als neuen Chef von Siemens mit Kursgewinnen begrüßt. Nun blickt sie gespannt auf das, was er sich vorgenommen hat.

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          Die ersten Duftmarken hat Joe Kaeser nach seiner Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG Ende Juli gesetzt. Ruhe in das Unternehmen bringen, die Strukturen erhalten, kein weiterer Umbau und - vor allem - die bedingungslose Loyalität der Mitarbeiter zum Unternehmen und zu Kaeser.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Dafür, dass der 56 Jahre alte, ehemalige Finanzvorstand gerade erst wenige Stunden Chef eines der größten deutschen Industriekonzerne geworden war, wagte dieser erstaunlich eindeutige Aussagen. Die Signale waren nach innen gerichtet, aber zugleich Botschaften an die Finanzmärkte.

          Wo sollen Impulse her?

          Die viel wichtigere programmatische Rede wird Kaeser Mitte Oktober in Berlin an die Führungskräfte richten. Dann erwarten nicht nur die Manager, sondern auch die Börsen klare Ansagen darüber, wie es weitergehen soll mit Siemens - dem Technologiekonzern, der unter schleichender Ertragsschwäche und Wettbewerbskraft leidet. Das Warten auf den Oktober ist der Grund, warum sich die Aktie des Dax-Konzerns nach einer anfänglichen positiven Reaktion auf den Chefwechsel von Peter Löscher zu Kaeser nicht mehr sonderlich auffällig entwickelt hat.

          In wenigen Tagen erholten sich die Titel mit einem Kurssprung von 7,4 Prozent auf 84,45 Euro, nachdem am 25. Juli die Börse durch die Nachricht schockiert worden war, dass die Ziele des groß angekündigten Spar- und Effizienzprogramms „Siemens 2014“ mit einer angestrebten Umsatzrendite von 12 Prozent verfehlt werden würden, was den Rauswurf von Löscher bewirkte. Seitdem ist es nicht zuletzt marktbedingt wieder um etwa 3 Prozent nach unten gegangen. Es ist Sommerpause bei Siemens. Die erwartet schwachen Quartalszahlen von Ende Juli sind verdaut. Wo sollen da Impulse herkommen, wenn der Kaeser-Effekt verpufft ist?

          Analysten ein wenig besser gestimmt

          Das gegenwärtige Vakuum für die Siemens-Aktie kommt in dem zwiegespaltenen Blick der Analysten zum Ausdruck. Laut Bloomberg empfehlen 17 Unternehmensbeobachter die Dax-Titel zum Kauf, 20 zum Halten. Immerhin hat sich die Grundstimmung, verglichen mit den Monaten zuvor, gebessert. Die Skepsis über die Zukunft des Konzerns ist einem tendenziellen Wohlwollen gewichen, verbunden mit Vorschusslorbeeren.

          “Unter Joe Kaeser könnte der Konzern die Umstrukturierung des Portfolios beschleunigen, da ihm Größe weniger wichtig ist als seinem Vorgänger“, sagt Mark Fielding von der Citigroup. „Kaeser könnte sich nach dem Rückgang der vergangenen Jahre zudem stärker auf die Bruttomargen konzentrieren.“ Field belässt es bei seiner Kaufempfehlung, senkt aber das Kursziel von 96,90 auf 93 Euro, da er mit höheren Einmalbelastungen rechnet. Er scheint Ankündigungen konkreter Maßnahmen zu erwarten.

          Auch Michael Hagmann von HSBC traut dem Neuen ein rascheres Vorgehen als Löscher zu, wenn es um das Abwerfen von weniger gut laufenden Geschäften geht. Allerdings könne auch Kaeser nicht alle Probleme über Nacht lösen. „Der Konzern hat zwar einen neuen Vorstandsvorsitzenden, aber immer noch die alten Probleme“, warnt Unai Franco von S&P Capital. Es werde wohl länger dauern, als es der Markt erwarte, bis die Umstrukturierungen der Kostenbasis sowie des Portfolios Wirkung zeigten. Morgan-Stanley-Analyst Ben Uglow bewertet die „Kapitalmarktstory“ zwar positiv, „größere strategische Entwürfe“ seien aber kurzfristig wohl nicht zu erwarten.

          Geduld vonnöten

          Der Markt braucht Orientierung. Liefert Kaeser diese im Oktober schlüssig, könnte sich die Aktie besser entwickeln als bisher. Hier obliegt dem in der Finanzgemeinde bestens vernetzten Siemens-Chef eine besondere Verantwortung. Überschattet durch die schwache operative Entwicklung und wegen der häufig unschlüssigen Aussagen seines Vorgängers über die Strategie des Konzerns, hat sich die Siemens-Aktie im Vergleich zu den meisten Dax-Mitgliedern, geschweige denn zu den Konkurrenten General Electric, Philips oder ABB schwach entwickelt.

          Der Markt wird sich in Geduld üben müssen, bis die aufgeheizte Siemens-Seele wieder beruhigt worden ist und die Rückkehr zur operativen Stärke gelingt. Die Analysten von Exane BNP Paribas haben die Siemens-Aktie von „Neutral“ auf „Überdurchschnittlich“ hochgestuft und sich mit dem von 86 auf 102 Euro erhöhten Kursziel zugleich weit aus dem Fenster gelehnt. Das Chancen-Risiko-Profil sei inzwischen wieder attraktiv, sagen sie. Sie sehen gar Potential im Kursziel von weiteren 6 Euro, wenn die erhoffte Marge von 12 Prozent erreicht werde. Das aber kann durchaus bis 2015 dauern.

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