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Schwellenmärkte : Notenbanken können Währungsverluste nicht stoppen

Die türkische Währung Lira leidet unter Wertverlust Bild: REUTERS

Die indische Rupie und die türkische Lira fallen auf Tiefstkurse zum Euro. Auch eine Erhöhung des Leitzinses kann den Trend in der Türkei nicht stoppen. Nach Meinung von Experten müssen weitere Schwellenländer diesem Schritt folgen.

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          Die Zentralbanken Indiens und der Türkei stemmen sich bislang vergeblich gegen den Mittelabfluss ausländischer Anleger und den Wertverfall ihrer Währungen. Am Mittwoch kündigte die indische Notenbank an, am Freitag für 80 Milliarden Rupien (940 Millionen Euro) indische Staatsanleihen zu kaufen. Die türkische Notenbank hat am Dienstag einen Leitzins um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Trotz dieser Maßnahmen fielen am Mittwoch die Kurse der indischen Währung Rupie sowie der türkischen Lira zum Euro und Dollar auf neue Tiefstkurse. Fast alle asiatischen Währungen sind seit Tagen von Schwäche befallen. Darüber hinaus rutschte auch der Kurs des südafrikanischen Rand auf den tiefsten Euro-Kurs seit vier Jahren.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den vergangenen Jahren ist viel von dem Geld, das Notenbanken der Industrieländer im Kampf gegen die Finanzkrise geschaffen haben, in Schwellenländer geflossen. Die dort höheren Zinsen lockten. Vor drei Monaten aber hat Amerikas Notenbank den Anlegern in Aussicht gestellt, dass sie bald etwas weniger zusätzliche Dollar drucken wird. Seither sind viele nervös. Vor allem Währungen von Schwellenländern, die ihr Leistungsbilanzdefizit nur mit Hilfe von ausländischen Anlegergeldern finanziert bekommen, stehen im Fokus. „Schwellenländer mit Leistungsbilanzdefizit haben eine offene Flanke“, sagt Harwig Wild, Devisenfachmann vom Bankhaus Metzler.

          Höherer Leitzins soll Anleger locken

          Indien, die Türkei und Südafrika gehören zu den Ländern, die seit Jahren mehr importieren als sie exportieren. Diesen Importüberschuss müssen sie mit Kapital aus dem Ausland decken. Dies wird zunehmend schwerer, auch weil ihre Währungen in diesem Jahr deutlich abwerten. Allein seit Halbjahresbeginn gaben die indische Rupie zum Euro um 10 Prozent, die türkische Lira 4 und der südafrikanische Rand 6 Prozent nach. Dagegen gibt es einige wenige Schwellenländerwährungen, die in diesem Zeitraum sogar zum Euro aufgewertet haben. Dazu zählen der polnische Zloty und der mexikanische Peso. Weder Polen noch Mexiko hat ein hohes Leistungsbilanzdefizit.

          Um weiterhin Anlegergeld anzulocken, werden die Schwellenländer mit Leistungsbilanzdefizit vermutlich ihre Leitzinsen in den kommenden Monaten erhöhen, so wie es die Türkei am Dienstag schon getan hat. Der Zins, zu dem Banken Geld von der Zentralbank leihen können, ist seit einem Monat um 1,25 Prozentpunkte gestiegen. „Das reicht nicht“, sagt Gillian Edgeworth, der für Unicredit die osteuropäischen Schwellenländer analysiert. Tatsächlich setzten Notenbanken auch Devisenreserven ein, um ihre Währungen zu stützen. Denn nachgebende Währungen machen Anlagen für Ausländer wenig attraktiv. Allein die türkische Notenbank wendete dafür im Juni und Juli 7,3 Milliarden Dollar auf. Längst fragen sich aber Anleger, wie hoch die ausländischen Devisenreserven noch sind. Zahlen sind nicht für jedes Land auf Anhieb verfügbar. Edgeworth kommt für die türkische Notenbank auf „weniger als 40 Milliarden Dollar netto“, wenn er die Reserven abzieht, die Geschäftsbanken ohne größere Beschränkungen bei der Notenbank abziehen könnten. Er schließt nicht aus, dass die türkische Notenbank die Anforderungen an die Banken zur Reservehaltung erhöhen könnte.

          Türkei braucht weitere Zinserhöhung zur Stabilisierung

          Indiens Notenbank hat schon Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, bislang die Zinsen aber nicht erhöht, um das für Indien schwache Wirtschaftswachstum von rund 5 Prozent nicht zu gefährden. Zuletzt senkte sie im Mai sogar den Leitzins. Am Mittwoch ging die Rendite für Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit um 0,7 Prozentpunkte auf 8,2 Prozentpunkte zurück. Dies war der kräftigste Renditerückgang seit 1998. Offensichtlich zeigten sich die Anleger beeindruckt von den angekündigten Anleihekäufen der Notenbank.

          Nach Ansicht von Fachleuten werden nur höhere Zinsen den Wertverfall der Schwellenländerwährungen stoppen können. Ein Sprecher der türkischen Zentralbank kündigte schon an, das Zinsniveau werde falls erforderlich weiter angehoben. Wild von Bankhaus Metzler weist darauf hin, dass die Zinserhöhung von Dienstag ohnehin nur einen kleinen Kreis von Banken trifft. Der neue Zinssatz von 7,75 Prozent gelte nur für die Banken, die nicht zum Handel mit türkischen Staatsanleihen zugelassen seien. Für Primary Dealer betrage der Zinssatz für Tagesausleihungen weiterhin 6,75 Prozent, und der untere Leitzinskorridor liege bei 3,25 Prozent. „Die Zinserhöhung von Dienstag dürfte nicht ausreichen, um die Lira nachhaltig zu stabilisieren“, vermutet Wild.

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