https://www.faz.net/-gv6-42vd

Schwellenländer : Unverändert Rutschgefahr an Lateinamerikas Börsen

  • Aktualisiert am

In Lateinamerika brennt es an allen Ecken und Enden. Brasilien steht auf der Kippe, mit der Bonität von Paraguay und Uruguay hapert es, in Venezuela wird landesweit gestreikt und selbst der Musterknabe Mexiko wackelt. Das gleichzeitig ausgerechnet Argentinien eine Kursverdoppelung hingelegt hat, verblasst vor diesen Turbulenzen.

          3 Min.

          Den TV-Seifenopern in Lateinamerika dürfte eigentlich nie der Stoff ausgehen. Denn wenn wider Erwarten doch einmal Langeweile aufkommen sollte, können sich die Autoren problemlos genügend Inspiration aus den Vorkommnissen in den Volkswirtschaften und den Finanzmärkten der Region holen.

          Eine kurze Aufzählung genügt, um zu zeigen, von was hier die Rede ist: Zahlungsausfall in Argentinien, Lula-Euphorie in Brasilien, Währungsturbulenzen in Mexiko, Generalstreik in Venezuela und Bonitätsrückstufungen in Paraquay und Uruguay.

          Schon diese Stichpunkte genügen und jedem wird sofort klar, dass es sich bei den Ländern dieser Region um unsichere Kantonisten handelt. Da man aus den Fehlern der Vergangenheit offenbar noch immer nichts gelernt hat, dürfte viele Anleger inzwischen geneigt sein, die Region vollkommen aus ihren Anlageuniversum zu streichen.

          Die Bilanz der in Deutschland zugelassenen Lateinamerika-Fonds 2002 gibt den Zweiflern recht. Denn für das Jahr 2002 steht ein Minus von 34,96 Prozent zu Buche und für die vergangenen drei Jahren von 16,63 Prozent, per anno wohlgemerkt.

          Probleme an allen Ecken und Enden

          Die in dieser Woche von der Ratingagentur Standard & Poor´s getroffene Entscheidung, die Bonitätsnoten für die Länder Paraguay und Uruguay zu senken, verdeutlicht, wie ernst die Lage ist. Denn im Falle Uruguay ist die neue Note CCC bereits acht Stufen vom Investmentgrade entfernt und Paraguay wird mit der drastischen Herabsetzung auf SD praktisch unterstellt, zahlungsunfähig zu sein.

          Während Entscheidungen wie diese auf hausgemachten Problemen beruhen, lastet kurzfristig auf den Börsen der Region die Sorge, ein Irak-Krieg könnte die Situation weiter verschlechtern. Auch in dieser Hinsicht hat sich Standard & Poor´s hervorgetan und gewarnt, dass eine längerer Krieg in einigen Fällen das Risiko für eine Senkung der Länder-Rating erhöhen könnte. Als Wackelkandidat wurde explizit Brasilien genannt. Die mit dem Thema Irak verknüpften Ängste der Investoren waren nicht zuletzt dafür verantworlich, dass die Aktienkurse in Brasilien in den vergangenen fünf Wochen um rund 18 Prozent und in Mexiko um rund zehn Prozent gefallen sind.

          Wie leichtfertig die Akteure in Lateinamerika mit ihren Chancen umgehen, zeigt das Thema Öl. Während sich der Ölpreis wegen dem Irak-Konflikt in so hohen Bahnen wie seit langem nicht mehr bewegt, leistet sich Venezuela einen Generalstreik, der die Ölindustrie des Landes seit Wochen weitgehend lahmlegt. Und fast noch aberwitziger klingt es, dass in Ekuador die Produktion auf ein Elfmonatstief gefallen ist, weil die Bohrlöcher von den Staatsunternehmen schlecht gepflegt werden.

          Brasilien steht noch immer auf der Kippe

          Ob 2003 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für Lateinamerika wird, entscheiden letztlich aber Brasilien und Mexiko. Nach den heftigen Turbulenzen im Vorjahr hat dabei Brasilien nach dem Wahlsieg von Lula zuletzt ein Verschnaufpause gewährt bekommen. Doch langsam dürften die Flitterwochen für den linksgerichteten neuen Präsidenten zu Ende gehen und die Finanzgemeinde wird sehen wollen, ob Lula seine Hausaufgaben gemacht hat. Die ersten beschlossenen Maßnahmen deuten darauf hin, denn in vielerlei Hinsicht hat Lula seinen Willen zum Sparen und zur Bekämpfung der Inflation bekundet. Ob er letztlich belohnt wird, wird sich aber erst erweisen müssen.

          Ihm steht auf jeden Fall aber ein dorniger Weg bevor. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe wie die noch immer immens hohe Schuldenlast, die mit 3,66 zum Dollar weiterhin schwache Landeswährung Real, die im Januar auf ein Sechsjahreshoch gestiegene Inflation und ein bei einem Leitzins von 25,5 Prozent für richtiges Wachstum viel zu hohes Zinsniveau. Zudem droht er nach den jüngsten Sparbeschlüssen einen Teil seiner armen Anhängerschaft zu verlieren, wenn sich nicht schon bald Erfolge einstellen.

          Auch der Musterknabe Mexiko hat zu kämpfen

          Als ob die Probleme in Brasilien nicht schon Ballast genug wären für Lateinamerika muss jetzt ausgerechnet auch noch der bisherige Musterknabe Mexiko an der Grippe erkranken. Die Regierung tut zwar so, als handele es sich nur um einen vorübergehenden Schwindelanfall, aber in Lateinamerika ist der Weg bis zur Schwindsucht bekanntlich nicht sehr lang.

          Konkret sorgt man sich aktuell vor einer länger anhaltenden Schwächephase der US-Wirtschaft, da dies auch Mexiko über die Freihandelszone Nafta unmittelbar belasten würden. Alleine in diesem Jahr hat die auf Rekordtief notierende Währung deswegen schon um 5,5 Prozent gegenüber dem Dollar verloren. Und es könnte noch mehr werden, wenn sich die Ängste verstetigen, dass immer mehr Billiglohnproduktion nach Asien und dort speziell nach China abwandert, gleichzeitig aber die seit langem geforderten Reformen nicht umgesetzt werden.

          Kursverdoppleung in Argentinien zeigt die Chancen

          Trotz dieser momentan großen Schwierigkeiten, mit denen die Region zu kämpfen hat, darf nicht übersehen werden, welche immense Chancen sich in Lateinmaerika auch immer wieder bieten. Bestes Beispiel dafür, wie nahe Chance und Risiko beisammen liegen, ist Argentinien. Während es im Zuge der jüngsten Krsie möglich war, dort Haus und Hof zu verlieren, zeigt sich die Börse mittlerweile als Höhenflieger. So hat sich der Merval-Index seit dem Tief am 17. Juni bei 267,73 Punkten inzwischen mit 582,48 Zählern deutlich mehr als verdoppelt.

          Wenn das Land seine Probleme nur einigermaßen in den Griff bekommt, könnte sich dieser Aufschwung fortsetzen, da der Börse eine niedrige Bewertung hilft. Grundsätzlich könnte der Vorzug einer niedrigen Bewertung auch bei den anderen lateinamerikanischen Märkten irgend wann zum Tragen kommen. Aber nach den negativen Erfahrungen der Vergangenheit werden vermutlich nur Hassardeure auf einen positiven Ausgang des Vabanquespiels hoffen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Reges Treiben in der Londoner U-Bahn

          Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

          Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.
          Auf dieses Bild werden die Frankfurter in diesem Jahr verzichten müssen: Der Weihnachtsmarkt am Römer (Archivbild von 2015)

          Höchststand an Neuinfektionen : Frankfurt sagt Weihnachtsmarkt ab

          Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist endgültig abgesagt. Das hat Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) nach einer Sondersitzung des Verwaltungsstabs am Samstag bestätigt. Zudem beschließt die Stadt weitere Einschränkungen.
          Ein Adelssitz im Zwielicht: die Burg Hohenzollern bei Hechingen in Baden-Württemberg

          Entschädigungsansprüche : Das Recht der Hohenzollern

          Der Ton in der Debatte wird schärfer: Im Streit um die Entschädigungsansprüche der Hohenzollern werden Politik und Verwaltung von Kammerjägern unter Druck gesetzt. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.