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Schwellenländer : Türkische Börse leidet unter Ecevits Krankheit

  • Aktualisiert am

Ecevits Gesundheit macht den Börsianern Sorge Bild: dpa

Der türkische Premierminister Ecevit ist krank. Und die Börse leidet mit ihm: Während die Renditen explodieren, fallen Aktien und Währung stark.

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          Die Türkei befindet sich auf Erfolgskurs. Allerdings nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Da gelang der Mannschaft bekanntlich erstmal der Einzug ins Achtelfinale. Von ähnlichen Erfolgen kann der türkische Finanzmarkt derzeit dagegen nur träumen. Dort tobt vielmehr der pure Abstiegskampf.

          In etwas mehr als einem Monat hat der Istanbul Stock Exchance National 100 Index inklusive der Einbußen vom Montag fast 24 Prozent verloren. Und am Devisenmarkt sieht es nur wenig besser aus. Hier hat die türkische Lira rund 14 Prozent gegenüber dem Euro an Wert verloren. Ähnlich dramatisch die Lage auch am Rentenmarkt, wo die Rendite bis zum Wochenende seit Anfang Mai um 17 Prozentpunkte gestiegen war.

          Begründet werden die Abschläge in erster Linie mit den gesundheitlichen Problemen von Premierminister Bülent Ecevit. Der 77-Jährige kann seit dem 4. Mai seinen Geschäften wegen verschiedener Krankheiten nicht mehr richtig nachkommen. Dennoch hält er an seinen Ämtern fest und weigert sich trotz inzwischen aufgekommener Gerüchte, er leide unter der Parkinsonschen Krankheit, über die Bestimmung eines Nachfolgers zu diskutieren.

          Gefahr einer großen Koalition verschreckt

          Da das Land aber erst die schlimmste Rezession seit dem 2. Weltkrieg hinter sich hat, kann es sich politische Unsicherheiten nicht leisten. Bei einem Abgang Ecevits vom Amt des Ministerpräsidenten fragen sich die Marktteilnehmer, ob sich eine Nachfolgeregierung auch den Versprechungen verpflichtet fühlt, die man gegenüber dem Internationalen Währungsfonds abgegeben hat. Dabei geht es immerhin um Kredite von 32 Milliarden Dollar, die für das finanzielle Überleben der Türkei existenziell wichtig sind.

          Da beim derzeitigen Machtgefüge viel durch die Person Ecevit zusammen gehalten wird, kreisen die Sorgen der Anleger vor allem um eine Rückkehr zu einer aus vielen Parteien bestehenden Koalition. Eine ähnliche Konstellation hatte nämlich Mitte der 90-er Jahre zu einer galoppierenden Inflation und einem riesigen Haushaltsdefizit geführt. „Es gibt so viele negative Szenarien, dass es schwer fällt, die darunter beste Lösung ausfindig zu machen“, skizziert Matt Vogel, Anleihe-Stratege bei Merrill Lynch die verworrene Lage.

          Börsianer fordern Rücktritt Ecevits

          Welche Kräfte von politischen Turbulenzen in der Türkei ausgehen können, zeigte sich erst im vergangenen Jahr. Da führte ein Disput zwischen Ecevit und Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer dazu, dass binnen dreier Tage 4,5 Milliarden Dollar an Anlagegelder aus dem Land abgezogen wurden.

          Trotz eines drohenden politischen Machtvakuums favorisieren die Börsianer derzeit einen Rücktritt von Ecevit. Dies zeigt sich an den Worten von Korhan Berzeg, Chefvolkswirt bei Alfa Securities: „Wenn Ecevit weiter so stur bleibt, wird das zum Zusammenbruch der Regierung führen. Jemand muss ihn zum Rücktritt bewegen. Ansonsten verliert die Türkei fünf bis sechs Monate an Zeit und wird das dann bei der Aufnahme neuer Kredite mit sehr hohen Zinsen bezahlen müssen“, so sein Fazit.

          Kreditverlängerung droht zum Problem zu werden

          Schon in dieser Woche könnte es zu Problemen kommen, wenn die Verlängerung von Anleihen mit einem Volumen von 2,5 Milliarden Dollar ansteht. „Das ist ein erster Test, ob die politischen Unsicherheiten zu Problemen bei der Verlängerung von Krediten führen werden“, erklärt Bahar Yazgan, Devisenhändler bei der Tekfenbank. Die zuletzt starken Verluste an den Finanzmärkten sprechen dafür, dass es dabei, wie sich bereits am Montag angedeutet hat, zu Schwierigkeiten kommen wird. Selbst wenn den türkischen WM-Kickern am Dienstag gegen Japan ein weiterer WM-Erfolg und der Einzug ins Viertelfinale gelingen sollte, scheinen daher weitere Kurskapriolen programmiert.

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