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Schwellenländer : Iraks Börse boomt trotz Kriegsgefahr

  • Aktualisiert am

Der Truppenaufmarsch im Golf schreckt Iraks Börsianer nicht Bild: AP

Wer hätte das gedacht? Während Dax und Co. wegen dem drohenden Krieg fallen, zeigt sich ausgerechnet die irakische Börse in blendender Verfassung. 2003 legte die Börse schon über 30 Prozent zu.

          An den wichtigsten Weltbörsen wird der drohende Irak-Krieg immer als Grund für die zumeist schwache Kursentwicklung genannt. Blickt man auf die im Jahr 1992 gegründete irakische Börse, klingt diese Argumentation wie eine Ausrede. Denn ausgerechnet der Börsenplatz, welcher der Hauptleidtragende des Konflikts sein müsste, hat in diesem Jahr schon 31 Prozent zugelegt.

          Bereits im Vorjahr hatte der richtungsweisende BSI Index, der aktuell bei 2.212 Punkten notiert, ein Plus von 24 Prozent eingefahren. Schon da zählte er zu den Aktienindizes mit der weltweit besten Wertentwicklung. Diesen Erfolg scheinen die Anleger in diesem Jahr wiederholen zu wollen. Denn in den vergangenen fünf Handelstagen sind die Kurse um die an einem Tag maximal mögliche Spanne von fünf Prozent gestiegen.

          Krisenerprobte Anleger mit guten Nerven

          Angeführt wird der Kursaufschwung von den Bagdader Hotelunternehmen. So kletterten Palestine im Februar um 47 Prozent. Mit Ishtar und Satir ging es sogar um jeweils 63 Prozent nach oben. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, dass es nach einem schnellen Kriegsende und der Ablösung von Saddam Hussein zu einer Zustrom an Besuchern und Touristen kommen wird. „Es gibt eine riesige Nachfrage nach Aktien und die Anleger halten an ihnen fest, in der Hoffnung, dass die Kurse weiter steigen“. erklärt Luay Naffe, Händler bei Al Amin Investment.

          Die gute Form der irakischen Börse, wo die Kursnotierungen noch mit der Hand an eine Wandtafel geschrieben werden, mutet auch deswegen etwas grotesk an, wen man sich vergegenwärtigt, dass nur knapp 500 Kilometer entfernt 225.000 amerikanische und britische Soldaten auf ihren Einsatzbefehl warten. Das hält aber Hunderte von Anlegern nicht davon ab, an die Börse zu strömen und dort ihre Aufträge abzugeben.

          In Ermangelung von Computersystemen wird alles mit der Hand abgewickelt, und die hinter einer Absperrung wartenden Interessenten müssen die aktuelle Kurse mit einem Fernglas von der zu weit entfernten Tafel ablesen. Die Einstellung der Anleger spiegelt sich in den Worten von Hussam Samouk wider, einem Autor, der sich nebenbei als Anleger betätigt: „Wir im Irak sind an an Spannungen und Drohungen gewöhnt. Wir handeln auch dann weiter, wenn die US-Armee nur weniger als 500 Kilometer entfernt ist.“

          Winziger Börsenplatz

          Gemessen an interationalen Verhältnissen ist die Börse in Bagdad mit ihren rund 1.000 aktiven Anlegern und den 114 gelisteten Unternehmen winzig. Zuletzt wechselten in einer Woche 358 Millionen Aktien den Besitzer. Dahinter verbargen sich 1.442 Einzelgeschäfte in einem Wert von 643.000 Dollar. Zum Vergleich: An der New York Stock Exchange werden täglich Aktien im Wert von fast 33 Milliarden Dollar gehandelt.

          „Jedes Gerücht kann hier die Kurse nach oben oder nach unten treiben“, sagt Wadih Maktoum, ein 66 Jahre alter Verleger. Und er ergänzt: „Zur Zeit hofft jeder auf eine bessere Zukunft. Vielleicht kommen eines Tages ja auch internationale Firmen in den Irak zurück.“

          Landeswährung Dinar praktisch wertlos

          Wie volatil es an der dortigen Börse zugeht, die samstags, montags und mittwochs von 9.30 bis 12.00 Uhr geöffnet hat, zeigt die Bilanz der vergangenen drei Jahre. Im Jahr 2000 stiegen die Kurse um 45 Prozent, um dann im Jahr 2001 wieder um 35 Prozent zu fallen. Dank einer Rally zum Ende des Vorjahres stand dann 2002 wieder ein Plus von 24 Prozent zu Buche.

          Auch der dortige Immobilienmarkt hat vom Versuch der Irakis profitiert, sich mit einer sinnvollen Anlage vor dem Wertverfall der Landeswährung Dinar zu schützen. Alleine seit Dezember hat er 20 Prozent eingebüßt. Für 1.000 Dinar bekammt man jetzt nur noch 42 US-Cents, während es 1990 noch 3.300 Dollar waren. Alle alternativen Anlageüberlegungen, die momentan aufzugehen scheinen, wären allerdings dann vermutlich auf Sand gebaut, wenn sich der Krieg in die Länge ziehen sollte oder es zu Terroranschlägen kommen würde. „Die Anleger sind ganz einfach gierig. Wenn sie Gewinne sehen, können sie nicht mehr aufhören zu kaufen“, beschreibt ein Marktteilnehmer die derzeitige Lage.

          Trotz daraus möglicherweise resultierender Übertreibungen bleibt Börsenchef Ali Abdel Saad zuversichtlich. „Der Aktienmarkt legt trotz der Drohungen aus den USA zu. Wenn man klug ist, weiß man, dass dies dort Ort ist, wo sich derzeit Geld verdienen lässt. Am Aktienmarkt schneidet man einfach deutlich besser ab als mit jeder Anlage in einer Bank.“ Selbst wenn er Recht behalten sollte, ist Ausländern aber nicht mehr als eine Zuschauerrolle zugedacht. Denn ihnen ist es momentan nicht erlaubt, an der irakischen Börse mitzumischen.

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