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Schwellenländer : Indiens Börse hat Gegenwind

  • Aktualisiert am

Bild: AFP

Indiens Wirtschaft gerät immer stärker in den Sog des globalen Abschwungs. Längst hat sich das an den Finanzmärkten des Landes bemerkbar gemacht. Die Börse musste deutliche Kursverluste hinnehmen, die Währung befindet sich in der Defensive.

          Indiens Wirtschaft gerät immer stärker in den Sog des globalen Abschwungs. Im vierten Quartal 2008 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens um 5,3 Prozent zu, teilte das Statistikamt in Neu Delhi am Freitag mit. Das ist der geringste Zuwachs seit dem Jahr 2003. Im Vorquartal war das BIP noch um 7,6 Prozent geklettert. Besonders markant ist nun der Einbruch bei den Ausfuhren. Erstmals seit sieben Jahren sind die Exporte im vergangenen Quartal zurückgegangen, alleine im Dezember fielen sie um 1,1 Prozent im Jahresvergleich.

          Auch am Kapitalmarkt bekommt Indien den Gegenwind zu spüren. Die indische Rupie fiel am Freitag zum Dollar zeitweise auf ein Allzeittief bei 51,4 Rupien, während sie sich gegen den Euro in einem längerfristigen Abwertungskorridor befindet. Der Exodus ausländischer Anleger hält unvermindert an. Nach Angaben der Börse in Mumbai haben ausländische Anleger seit Jahresbeginn indische Wertpapiere im Volumen von netto 1,5 Milliarden Dollar verkauft. Im vergangenen Jahr summierten sich die Verkäufe auf netto 13,3 Milliarden Dollar oder umgerechnet etwas 10,5 Milliarden Euro.

          Deutliche Kursverluste an der indischen Börse im vergangenen Jahr

          An der Börse verlor der Leitindex Sensex 30 seit seinem Rekordhoch von 20.873 Zählern im Januar des vergangenen Jahres in wenigen Monaten 58 Prozent seines Wertes auf zuletzt 8.891 Zähler. Auf diese Weise wurde der langfristige Aufwärtstrend mehr als deutlich gebrochen, der die Kurse auch an der indischen Börse im Rahmen der allgemeinen Schwellenländereuphorie auf immer neue Höhen getrieben hatte. Kursverluste waren quer über alle Branchen zu verzeichnen. Am stärksten traf es die Papiere des Immobilienunternehmens DLF mit einem Minus von 81 Prozent auf Sicht eines Jahres, gefolgt von den Papieren von Tata Steel, des Aluminiumherstellers Hindalco Industries, von Tata Motors, des Ingenieurunternehmens Jaiprakash Associates, von Reliance Telecommunications und der ICICI Bank.

          Für Indiens Regierung kommt der Abschwung denkbar ungünstig. Denn im Mai stehen Neuwahlen an. Das von der Regierung in Aussicht gestellte Wachstum von 7,1 Prozent im ersten Quartal dürfte nicht ausreichen, sagt Duncan Campbell, zuständig für volkswirtschaftliche Analysen bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

          Indien brauche ein jährliches Wachstum von mindestens zehn Prozent, um ein Prozent Beschäftigungszuwachs zu erzielen, so seine Prognose. Doch am Arbeitsmarkt ist der Abwärtstrend unabsehbar. Nach Angaben des Arbeitsministeriums haben Firmen im letzten Quartal des Jahres 2008 etwa eine halbe Million Arbeitsplätze gestrichen. Eine Umfrage des Verbands indischer Modeexporteure unter 50 Textilfabriken im November ergab, dass diese 14 Prozent ihrer Beschäftigten entlassen haben.

          Der inländische Konsum leidet zudem unter den weiterhin hohen Zinsen. Die Banken haben die Zinssenkungen der Notenbank auf ein Rekordtief bislang nur zögerlich an die Kreditnehmer weitergegeben, weil sie selbst hohe Einlagenzinsen bieten müssen. Angesichts der trüben Aussichten am Arbeitsmarkt rechnen Beobachter mit weiter sinkenden Zinsen. „Weitere Lockerungen sind mit Sicherheit geboten“, sagt Sonal Varma, Volkswirt für die japanische Finanzgruppe Nomura International Ltd. In Mumbai. „Die Wirtschaft hat die Talsohle noch nicht durchschritten“, so Varma weiter. Er rechne damit im zweiten Quartal 2009 und erwartet für diesen Zeitraum ein BIP-Wachstum von 4,5 Prozent.

          Bereits in der vergangenen Woche erklärte Indiens Notenbankchef Duvvuri Subbarao, es bestehe „sicher Raum“ für weitere Zinssenkungen. Die Notenbank hat die geldpolitischen Zügel zuletzt stetig gelockert. Seit Oktober hat sie den Repo- Satz, zu dem die Notenbank Geschäftsbanken Geld leiht, schrittweise um 3,5 Basispunkte auf 5,5 Prozent gesenkt. Ebenso senkte sie den Mindestreservesatz für die Einlagen, die Banken bei der Zentralbank zinslos vorhalten müssen, von neun Prozent auf fünf Prozent.

          Skeptiker Zweifeln, dass Indien die Chancen des Binnenmarktes nutzen kann

          Die Notenbank beziffert die geldpolitischen Maßnahmen zusammen mit dem Konjunkturprogramm der Regierung und Steuererleichterungen auf mindestens 80 Milliarden Dollar (63 Milliarden Euro) - etwa sieben Prozent des BIP. In der hohen Verschuldung, die sich mittlerweile auf 80 Prozent des BIP beläuft, sehen Ökonomen allerdings auch ein zunehmendes Risiko. Die Ratingagentur Standard & Poor's teilte am 24. Februar mit, eine Herabstufung indischer Staatsanleihen in die „Ramsch“-Kategorie sei nicht ausgeschlossen und begründete dies mit dem „nicht tragbaren“ Verschuldungsgrad. Die Ratingagentur senkte den Ausblick von stabil auf negativ.

          Insgesamt wird klar, dass die Indien-Euphorie der vergangenen Jahre mit einiger Wahrscheinlichkeit überzogen war. Denn erstens kann sich das Land trotz der großen Bevölkerung nicht von den internationalen Entwicklungen abkoppeln. Zweitens scheint es nicht in der Lage zu sein, die Chancen, die der Binnenmarkt bieten könnte, zu nutzen. Kritische Analysten glauben, das Kastenwesen, die Bürokratie, die in weiten Teilen veraltete und stark vernachlässigte Infrastruktur und nicht zuletzt auch religiöse, ethnische und regionale Konflikte seien zuviel Sand im Getriebe, um wirkliche Dynamik aufkommen zu lassen.

          Zuletzt wurden selbst in scheinbar dynamischen, jedoch stark vom Auslandsgeschäft abhängigen Sektoren Probleme offen gelegt: Der IT-Dienstleister Satyam hatte über Jahre unbemerkt seine Bilanz geschönt (siehe auch: Bilanzbetrug: Satyam-Aktien stürzen ab und Satyam stellt Indiens Bilanzkultur in Frage). Das wirft ein schlechtes Licht auf das regulatorische Umfeld, das bislang immer als wesentlicher Vorteil im Vergleich mit China galt.

          Anleger dürften aus diesen Gründen bis auf weiteres zögern, in die Aktien des Landes zu investieren, auch wenn sie optisch noch so günstig aussehen mögen und wenn sich zumindest im Sensex 30 so charttechnisch so etwas wie ein Bodenbildungsprozess abzeichnet.

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