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Schwellenländer : Der künstliche Börsenboom in Harare

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„Kleingeld” zum Kauf von Bananen Bild: EPA

Der Aktienkurs des Mischkonzerns TA Holdings ist um 7 Millionen Prozent gestiegen, und das innerhalb von sechs Monaten. Ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht an der Börse von Harare. Hyperinflation und Verzweiflung treiben die Anleger in die Börse.

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          Der Aktienkurs des Mischkonzerns TA Holdings ist um 7 Millionen Prozent gestiegen, und das innerhalb von sechs Monaten. Ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht an der Börse von Harare. Die Aktienhändler im vierten Stock des Chiyedza House in der zimbabwischen Hauptstadt haben sich daran gewöhnt, mit Milliarden, Billionen, Trillionen und Quadrillionen zu rechnen.

          Nirgendwo auf der Welt steigen die Preise und damit auch die in der Landeswährung ausgewiesenen Aktienkurse so rasant wie in Zimbabwe. Seit Jahren überschwemmt das Regime des Diktators Robert Mugabe den Markt mit frisch gedruckten Banknoten, um die Staatsausgaben, den Sicherheitsapparat und die Subventionen an seine Anhänger finanzieren zu können.

          Inflation: 2,2 oder neun Millionen Prozent?

          Schätzungen nach hat die Inflation mehr als 9 Millionen Prozent erreicht. Die offizielle Angabe der Zentralbank liegt bei 2,2 Millionen Prozent. Ein Brot kostete vor kurzem 60 Milliarden zimbabwische Dollar (Zim-Dollar), 24 Stunden später lag der Preis bei 100 Milliarden Dollar. Die Hyperinflation hat ein solches Ausmaß erreicht, dass die Zimbabwer bei der Busfahrt am Morgen nicht wissen, ob sie sich die Rückfahrt am Abend noch leisten können. In einem Verzweiflungsakt bringt die Zentralbank zwar an diesem Freitag neue Banknoten in Umlauf, auf denen zehn Nullen weniger zu sehen sind. Aus 10 Milliarden zimbabwischen Dollar wird damit in einem Handstreich 1 Zim-Dollar. An der enormen Teuerungsrate aber ändert das nichts.

          Doch nicht nur die Inflation treibt die Aktienkurse so stark in die Höhe, dass auf den Kurscharts senkrechte Linien zu sehen sind. Auch wenn die Wirtschaftsleistung unter der Mugabe-Herrschaft in den vergangenen zehn Jahren fast um die Hälfte geschrumpft ist, laufen die Geschäfte an der Börse weiter - und sie laufen besser, als man erwarten würde. Der Industrieindex legte nach Angaben des Branchendienstes Businessdigest im ersten halben Jahr 2008 um zwei Millionen Prozent zu, während die Verbraucherpreise um durchschnittlich 1,2 Millionen Prozent stiegen.

          Nach dem Lehrbuch sollte die Börse ein Seismograph für die wirtschaftliche Verfassung eines Landes sein. Doch Sätze aus dem Lehrbuch haben in Zimbabwe schon lange keine Gültigkeit mehr. "Es gibt in Zimbabwe nichts mehr, in das man investieren könnte, außer in Aktien", erklärt Anthony de la Rue, Chef von BDO Consulting in Johannesburg und Zimbabwe-Kenner. Jeder, der etwas Geld habe, versuche, es so schnell wie möglich zu investieren, um dem buchstäblich stündlichen Wertverfall nicht tatenlos zusehen zu müssen.

          Das Geld auf ein Konto zu legen kommt bei Zinssätzen von einigen tausend Prozent einer Vermögensvernichtung gleich. Außerdem hat die Regierung bestimmt, dass Bankkunden täglich nur einen Betrag von umgerechnet weniger als einem Euro abheben dürfen. Eine Investition in den Immobilienmarkt hat den Nachteil, dass man Wohnungen schwer wieder verkaufen kann. Und zu staatlichen Anleihen fällt einem Analysten nur der Kommentar "finanzieller Selbstmord" ein. Auch in Fremdwährungen auszuweichen, wie es in vielen hochinflationären Ländern üblich ist, fällt in Zimbabwe schwer. Das Angebot an amerikanischen Dollar, südafrikanischen Rand oder Euro ist selbst auf dem Schwarzmarkt knapp, der offizielle Markt strikt reguliert.

          Die 112 Jahre alte Börse von Harare galt einst als einer der vielversprechendsten Märkte auf dem afrikanischen Kontinent. Heute spielt sie mit ihren knapp 80 notierten Unternehmen nur noch eine Außenseiterrolle - trotz des künstlichen Booms. "Vor zehn Jahren betrug die Marktkapitalisierung 10 Milliarden amerikanische Dollar", sagt Börsenbroker John Peters. Heute sei es weniger als die Hälfte. "In einer idealen Welt hätte die Börse von Zimbabwe die Marktkapitalisierung verdoppeln müssen." Andere Börsen wie die kenianische legten in dieser Zeit kräftig zu.

          „Eigentlich ist die Börse in Harare ein riesiges Kasino“

          Das Börsengeschäft freilich spielt sich fernab vom Alltag des Normalbürgers ab. Für den Großteil der Bevölkerung ist die Mindestanlagesumme von mehreren hundert Dollar unerschwinglich. Es sind Geschäftsleute, Unternehmen, Banken und zu Geld gekommene Anhänger Mugabes, die investieren. Geschickterweise kaufen sie vor allem Aktien, die auch an anderen Börsenplätzen der Welt gehandelt werden - und hoffen, damit ihre dicken Bündel zimbabwische Dollar in harte Währung umtauschen zu können.

          Analysten erzählen aber auch von einem zunehmenden Interesse aus dem Ausland. „Man rechnet damit, dass große Summen Geld ins Land fließen, sobald es zu einem Regimewechsel kommt und sich die Wirtschaft in der Folge schnell erholt", heißt es im britischen Fachmagazin „South Scan". Hinzu kommt, dass die meisten Aktien nach wie vor unterbewertet sind. So manches Unternehmen ist zu einem Preis zu haben, der unter dem Buchwert seiner Maschinen liegt.

          Das Risiko jedoch sei immens, warnt de la Rue: „Eigentlich ist die Börse in Harare ein riesiges Kasino." Nicht nur könne niemand absehen, wie lange der vermeintliche Börsenboom andauert. Auch die politische und wirtschaftliche Zukunft des Landes ist ungewiss, selbst wenn Mugabe und der Oppositionsführer Morgan Tsvangirai seit kurzem über eine Regierungsbildung verhandeln. Nur zwei Tage vor dem Händedruck der erbitterten Kontrahenten jedoch hatte Mugabe noch damit gedroht, regimekritische ausländische Unternehmen zu übernehmen und ihr Vermögen an mugabefreundliche Asiaten zu verteilen. Für absurd hält solche Drohungen des 84 Jahre alten Diktators niemand mehr. Selbst wenn Mugabe entmachtet werden sollte, wird es aus Sicht des zimbabwischen Wirtschaftsprofessors Tony Hawkins noch Jahre oder sogar eine ganze Generation dauern, bis sich die Wirtschaft von der "Schneise der Zerstörung" erholt habe, die das Regime in einer Dekade geschlagen habe.

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