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Schwellenländer : Chinas Finanzmarkt steht auf schwachen Füßen

Bild: F.A.Z.

Die chinesischen Börsen boomen, neu angebotene Aktien werden stark nachgefragt. Der 22 Milliarden Dollar schwere Börsengang von ICBC kann aber nicht die Schwächen des Bankensystems verdecken, die Problemkredite erreichen bedrohliche Höhe.

          Zwei Ereignisse lenken den Blick in diesen Tagen auf den chinesischen Finanzmarkt: Mit der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) wagt China den größten Börsengang der Welt. 21,9 Milliarden Dollar oder 17,4 Milliarden Euro soll die Emission bringen. Sie erfolgt noch rechtzeitig, bevor Peking Ende Dezember unter den Regeln der Welthandelsorganisation gezwungen ist, weite Teile des Bankensektors Ausländern zu öffnen und ihnen Geschäfte in der Landeswährung Yuan zu erlauben. Zwar werden sie dies nur in verhältnismäßig kleinen Schritten vorantreiben. Aber der Eintritt der erfahrenen Banken aus dem Ausland und die überbordende Nachfrage nach ICBC-Aktien - Investoren boten mehr als eine halbe Billion Dollar für deren Papiere - sprechen vom Interesse am Wachstumsmarkt China. Diese Avancen aus dem Westen freilich drohen den wahren Zustand des chinesischen Bankwesens zu verschleiern.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          "Gemessen am weltweiten Standard, steht es auf schwachen Füßen", sagt Michael Petit, Geschäftsführer bei der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's in Tokio. "Chinas Bankensystem bleibt in Hinblick auf die Qualität der Anlagen, der Unternehmensführung, des Risikomanagements, des internen Kontrollsystems, der Transparenz und der Finanzstärke hinter praktisch allen Märkten in Industrie- und Schwellenländern zurück." Das wissen auch die Chinesen - nur sagen sie es nicht immer so offen wie Wu Xiaoling, die stellvertretende Gouverneurin der Zentralbank: "In Hinblick auf Unternehmensführung, Geschäftsmodelle und Risikokontrolle herrscht ein riesiges Gefälle zwischen den chinesischen Staatsbanken und den guten ausländischen Banken", stellt sie fest. Das sieht Liu Mingkang, der weltgewandte Präsident (Chairman) der Bankenaufsicht, so: "Die chinesischen Banken müssen ihre Arbeit und ihre Risikokontrolle noch weit verbessern und sich durch tiefgreifende Änderungen den neuen Bedingungen anpassen", mahnt er.

          Wie hoch ist der Berg der Problemkredite, auf dem die chinesischen Banken sitzen?

          Allerdings hat Peking vieles getan, damit sich die Lage bessert. In den vergangenen Jahren hat die Regierung weder Kosten noch Mühen gescheut, die vier großen Staatsbanken herauszuputzen. Massive Finanzspritzen aus dem Topf der chinesischen Währungsreserven, der Aufbau von Auffanggesellschaften für faule Kredite und die rasant anschwellenden Kreditbücher haben die Zahl uneinbringlicher Kredite im Vergleich zum Gesamtvolumen deutlich fallen lassen. So hat Peking 2004 allein 45 Milliarden Dollar in die Bank of China (BOC) und die China Construction Bank (CCB) gepumpt. ICBC erhielt im vergangenen Jahr 15 Milliarden Dollar. Faule Kredite im Wert von 85 Milliarden Dollar durfte sie auf die staatlichen Auffanggesellschaften überschreiben und somit dem Steuerzahler überlassen. Offiziellen Zahlen zufolge hat sich die Unterstützung Pekings für seine Banken seit 1998 auf rund 400 Milliarden Dollar summiert - etwa 18 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des vergangenen Jahres.

          Vor diesem Hintergrund sorgte der Fall von Lonnie Dounn für Aufregung: Als erster ausländischer Spitzenmanager wechselte er von der HSBC zu einer chinesischen Staatsbank - scheinbar ein Coup für die BOC. Doch Dounn, dort neuer Chief Credit Officer, kündigte nach einem knappen Jahr und noch vor dem Börsengang. So vermied er, munkelt man in der Branche, den Börsenprospekt über die Lage der Bank zu unterzeichnen.

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